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Expedition zum ICH: Wie komme ich von der Taufe zum Glauben?
Liebe Freunde,
Antoine de Saint Exupery hat einmal gesagt: Wenn du Menschen bewegen willst, ein Schiff zu bauen, dann erklär’ ihnen nicht den Bauplan, und welche Werkzeuge und welches Holz sie zu verwenden haben, sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem großen weiten Meer!
Man könnte auch sagen: Wenn du eine Frau heiraten willst, dann mach ihr nicht die finanziellen Vorzüge des Ehegattensplittings, die komfortable Breite eines Ehebettes oder den Nutzen der gegenseitigen Versorgung im Alter klar, sondern zeig ihr, dass dein Herz für sie brennt, dass sie dir wertvoll, kostbar und einzigartig ist.
Und was tust du, wenn du willst, dass ein Mensch ein Christ wird? Dann taufst du ihn, trägst den Bogen mit der Taufanmeldung zum örtlichen Meldewesenamt und erklärst ihm dann, warum das Kirchensteuerwesen ein wichtiger Baustein der solidarischen Gesellschaft ist? Nein, dann wirst du ihm erzählen, dass Gottes Herz für ihn brennt, dass Jesus Christus ihn lieb hat – und du wirst alles tun, dass er – oder sie – das spürt und erkennt – und dazu Ja sagt.
Ich hänge Ihnen, liebe Freunde, zwei Pole links und rechts an die Kirchenwand: Hier am Taufstein: Taufe – und hier an der Kanzel das Stichwort Glaube. Und ich verrate Ihnen eines: Es ist für mich – seit ich landeskirchlicher Pfarrer bin – eine wirkliche Herausforderung – wie wir es verantworten können, Menschen in die christliche Gemeinde aufzunehmen und zu taufen, ohne dass sie es verstehen, was da geschieht, geschweige, dass sie zu all dem persönlich Ja sagen können, kurzum: Ohne dass sie - glauben.
Denn wir wissen – und das ist der andere Pol, der unverzichtbar dazu gehört, dass Menschen glauben und dem Wort von der Liebe Gottes vertrauen.
Fehlt dieser Aspekt des persönlichen Glaubens ganz – und niemand kann wirklich stellvertretend für einen anderen Menschen vertrauen – dann gerät die Taufe zu einer Art Polio-Schutzimpfung, die auch dann wirken soll, wenn ich nicht daran glaube.
Aber gibt es das? Kein einziger Fall im Neuen Testament ist bezeugt, dass ein Säugling getauft wurde – es gibt nur Fälle, dass sich ein Mensch und alle die Seinen sogleich taufen ließ (Apg 16, 33).
Es gibt Berichte aus der Zeit der Christenverfolgung im römischen Reich, da haben Christen ihre Kinder taufen lassen, als ein Zeichen der Gewissheit, dass diese Kinder auch bei Gott geborgen sind, wenn der Mob und die Soldaten sie samt ihren Kindern in den Zirkus vor die Löwen zerren!
Als man aber wenige Jahre später – als das römische Reich christlich wurde und fremde Völker in dieses Reich eingegliedert hat – daran ging, diese ganzen Völker in das christliche Reich einzugliedern, da wurde aus der persönlichen Glaubensentscheidung von Eltern, ihre Kinder taufen zu lassen, eine kulturelle Strategie: Wer getauft ist, ist ein Christ und gehört zum „corpus christianum“ – zur christlichen Körperschaft - das wollte die mittelalterliche Gesellschaft sein. In dieser Zeit ist es gekippt: Aus dem wunderbaren Geschenk der Zusage der Liebe Gottes wurde ein Instrument zur Christianisierung ganzer Landstriche. Nach dem persönlichen Glauben wurde da nicht mehr gefragt. Wer getauft ist, sei Christ – aber das stimmt nicht. Wer glaubt, ist ein Christ – auch wenn er oder sie (noch) nicht getauft ist.
Jetzt fragen Sie wahrscheinlich mit Recht: Na, so kritisch der eigenen Praxis gegenüber? Warum taufen Sie dann überhaupt kleine Kinder!? Wäre es dann nicht konsequent, nur Erwachsene zu taufen, die sich zu ihrem Glauben auch bekennen? Ich tue das sehr gerne – und unsere Osternacht ist „reserviert“ für Taufen von Menschen, die das selbst wollen und bewusst diesen Schritt gehen. Aber die Taufe von Säuglingen und kleinen Kindern hat gute Gründe auf ihrer Seite, wenn man eine Brücke schlagen kann von der Taufe zum persönlichen Glauben.
Eine solche Brücke von der Taufe zum Glauben braucht wie jede Brücke Pfeiler, auf denen sie sicher steht. Diese Kisten hier sind Brückenpfeiler, die uns helfen, von der Taufe zum Glauben zu kommen – diesen Weg gehen wir jetzt – hinterher wird die Brücke natürlich in beiden Richtungen befahrbar sein!
Der erste Pfeiler ist:
Lernen
Na toll! Lernen? Lernen hilft, die Brücke zwischen Taufe und Glaube zu bauen? Ist das mein Ernst? Jedenfalls bin ich, wenn ich diesen Brückenpfeiler aufstelle, in bester Gesellschaft: Martin Luther, der den berühmten Kleinen Katechismus geschrieben hat, den viele von den Älteren auswendig lernen mussten, hat jedenfalls hier gute Grundlagen gelegt: Er und die anderen Reformatoren haben dieses riesengroße Loch gespürt: Eine mittelalterliche Gesellschaft nennt sich christliches Abendland, aber die meisten können nicht lesen und schreiben, geschweige denn die lateinische Bibel und schauen sich den „Hokuspokus“, der in der Kirche veranstaltet wird, genau so an, wie ein Theater. Die Leute müssen doch wissen, um was es geht! Und damit sie lesen, müssen sie Lesen lernen, damit sie was zum Lesen haben, muss es übersetzt und gedruckt vorliegen: Die Reformation war nur möglich, weil sich Renaissance, Humanismus, die Entdeckung der Liebe Gottes durch Luther und die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg die Hand gaben!
Lernen ist wichtig. Gott zu vertrauen, heißt nicht ahnungslos herumzutappen.
Aber etwas zu Wissen ist nicht Glauben.
Und, liebe Alt-68er: Über den Glauben zu kritisch zu diskutieren, heißt noch nicht mit eigenem Herz zu vertrauen.
Über lange Jahre gaben sich die Kirchenvorstände damit zufrieden, wenn die Konfirmanden auswendig gelernt haben – ob sie es inwendig gelernt haben, ob sie glauben und vertrauen, konnte man nicht herausfinden. Auswendiglernen, still sitzen und wissen, wie man sich in der Kirche zu benehmen hat – der schlechte äußere Schein – war vielen gut genug.
Lernen ist nicht schlecht, aber reicht nicht. Dieser Brückenpfeiler ist vom Glauben viel zu weit weg. Bei diesem Sprung stürzt man noch ab!
Kennenlernen
Das ist etwas anderes als Lernen: Kennenlernen. Und zwar Jesus Christus kennenlernen. Ein Kind lernt Jesus kennen, wenn es Geschichten von Jesus hört. Ohne die – das würde ich sagen – kein Mensch Christ werden:
Du lernst Jesus kennen, wenn du hörst, wie er
- den geizigen Zöllner Zachäus vom Baum herunter ruft: „Ich will in deinem Haus ein Gast sein!“
Du lernst Jesus kennen, wenn du hörst, wie er
- mit dem Menschen umgeht, die selbstgerecht eine Ehebrecherin steinigen wollen – und er ihnen sagt: „Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.“
Du lernst Jesus kennen, wenn du hörst, wie er
- dem Mann, der neben ihm am Kreuz hängt zusagt: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“
Wie lernt man einen Menschen kennen? Wenn man weiß, wie er in verschiedenen Situationen reagiert. Es gibt so viele Geschichten von Jesus: Wenn du sie hörst, lernst du ihn kennen!
Aber wir müssen noch einen Schritt gehen: Denn wer die Geschichten von Jesus hört, der fragt sich doch: Und ich? Wird Jesus mit mir genau so umgehen? Wird er mich auch freundlich behandeln, mir Liebe und Vergebung zusagen?
Das spiegelt sich wieder in etwas anderem:
An- und Aufgenommen sein
Man könnte nämlich auch fragen: Wo ist denn Jesus heute? Wir haben es letzte Woche gehört: Die Gemeinde, die Kirche ist der Leib von Jesus in dieser Welt. Ein Leib, ein Körper, ist spürbar, an dem kann man sich stoßen, an dem kann man sich reiben:
Dieser Leib kann die Arme verschränken, kann eine strenge Lehranstalt, ein enger Klüngelklub oder eine Kulturverein sein, der nur ausgewählte Gäste aufnimmt.
Oder dieser Leib kann die Arme öffnen, gastfreundlich sein, wie Jesus freundlich war und mit den gleichen Vorschusslorbeeren Menschen an- und aufnehmen.
Ehrung kommt vor Bekehrung! Und vor Jahren fand man in der Kirche von England heraus, dass solche Menschen Zugang zum persönlichen Glauben finden, die vorher die Erfahrung gemacht haben, dass sie in einer Gemeinde herzlich und persönlich aufgenommen werden! Hier ist – wir stehen gerade beim zentralen Brückenpfeiler – ein genauso zentraler Punkt!
Wir wünschen uns – eine einladende Gemeinde zu sein – aber wir wissen auch: Wir sind nicht Jesus: Oft sind wir gedankenlos, mit uns selbst beschäftigt und haben Ressentiments und Vorurteile: Wenn es dann doch geschieht, dass Menschen an- und aufgenommen werden, ist das ein von Gott geschenktes Wunder, nicht die Leistung unserer Marketing-Abteilung. Ich wünsche mir noch öfters dieses Wunder!
Vertrauen
Und dann kommt es zum Vertrauen! Glauben ist doch eigentlich Vertrauen, sie haben schon Recht. Aber ich möchte das noch mal aufdröseln: Das ist wie bei Liebenden: Wenn die sich Kennenlernen, sich gegenseitig ins Leben aufnehmen, dann wächst – ohne, dass man das provozieren kann: Vertrauen! Dann weiß ich mich geborgen, habe keine Angst mehr, wenn ich auf dem OP-Tisch liege, dann bin ich ganz ruhig, weil in meinem Herzen eine Liebe groß wird.
Und jetzt sage ich Ihnen, warum ich Kinder taufe: Weil dieses Vertrauen nie und nimmer meine eigene Leistung ist: Die Zusage geht immer voraus: Das Aufgenommensein geht immer voraus. Martin Luther hat in größter Not und Anfechtung in seinen Studiertisch geritzt: BAPTISMUS SUM: Ich bin getauft! Und Luther wurde als Säugling getauft, katholisch noch dazu. ;-) Und er hat gewusst: Mein Vertrauen hält mich, nicht weil ich so stark bin, sondern weil Gott stark ist!
Es läuft eine Liebe meinem Leben voraus, die gilt nicht erst dann, weil ich mich zu ihr bekenne, sondern die gilt auch dann, wenn ich zweifle – die gilt auch dann, wenn die Ärzte meines krebskranken Freundes die Chemotherapie abbrechen und auf Morphium umsteigen.
Aber es fehlt noch ein Brückenpfeiler!
Lieben
Viele Menschen verwechseln dieses Vertrauen mit einem guten Gefühl! Ich habe nichts gegen gute Gefühle: Kennen Sie das? (Gefühlsschneebesen) Damit kann man jederzeit gute Gefühle erzeugen! Einfach über die Kopfhaut und schon durchfährt es Sie wohlig. Sie können auch Ihrem Nachbarn den Nacken kraulen, dann kriegt der auch gute Gefühle. Dann könnten wir die Orgel noch bitten romantische Musik zu spielen und dann steigen wir alle in den Whirlpool des Erlebnisbades mit diesem tollen fernöstlichen Ambiente.
Ich übertreibe nicht: Es gibt Menschen, für die ist der Glaube so etwas wie ein himmlisches Wellnessprogramm: Hauptsache ich habe gute Gefühle und alles ist im Lot.
Das ist schön, aber nicht Glaube. Glaube ist neben dem Vertrauen nämlich immer: LIEBEN. Es geht um „Glauben, der in der Liebe tätig ist“, sagt Paulus. Nicht nur erkennen, Gott liebt mich – sondern er setzt aktive Liebe in mir frei. Ich kann lieben!
„Liebe, und tu, was du willst!“, sagte der Kirchenvater Augustinus; der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt!
Wir könnten ganz praktisch uns selbst und die Kinder zu Erfahrungen führen, wo sie Liebe und Vertrauen spüren: Sie könnten zum Beispiel in der Weihnachtszeit Besuche bei alten Menschen machen. Sie könnten Kranke besuchen mit Kindern – damit das eigene Herz und das Herz von Kindern nicht nur immer Liebe empfängt, sondern Liebe gibt. Das ist dann ein Wagnis, zu spüren: Ich gehe da hin, weiß nicht, was ich sagen soll – doch Gott gibt meinen Füßen Flügel, meinem Herz Liebe, meinem Mund Worte, meinen Händen zärtliche Tatkraft! Das ist dann ein aktives, ein gelebtes Glaubens-, ein Vertrauensbekenntnis: „Gott, ich gehe jetzt los!“, besuche diesen Menschen in seinem Pflegebett: Ich habe keinen Trost zur Hand, ich vertraue dir, dass du uns – den Kranken und mich tröstest.
Das ist der letzte Pfeiler von dem ich berichten möchte.
Und jetzt ist es genug. Sie überlegen gerade, wo Sie sind. Beim Lieben, beim Vertrauen, bei der Sehnsucht, auf- und angenommen zu werden, beim Kennenlernen oder Sie hadern noch darüber, dass man Ihnen suggeriert hat, dass Lernen schon das Glauben ist.
Gehen Sie mutig auf dieser Brücke! Von der Taufe zum Glauben, hin und zurück und wieder hin. Bleiben Sie unterwegs!
Amen.
| © Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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