Hier geht es den anderen Predigten der Expedition zum ICH in Traisa

 

Expedition zum ICH: Wie werde ich ein zukunftsfähiger Mensch?

Liebe Freunde,

haben Sie keine Angst – keine lange Predigt – aber wortlos stehen lassen kann man das nicht alles. Zu viel schwirrt mir im Kopf herum. Deshalb fang ich mit dieser Predigt gleich dreimal an.

 

Erster Einstieg:

Kennen Sie das Internetportal secondlife.com? Über 4 Millionen Menschen haben sich dort fest registriert! Dort – das gibt es eigentlich nicht. Dort, das ist die Second World, die zweite Welt, wo jeder von uns, wenn er ein paar Dollar ausgibt, eine zweite Existenz, eine virtuelle Existenz aufbauen kann. Such dir einen neuen Namen aus, entscheide dich, ob du Mann oder Frau sein willst, jung oder alt – es gibt übrigens viele junge Frauen dort mit mächtiger Oberweite und lauter Männer mit Waschbrettbauch: Und dann kauf dir eine Insel, mach ein Geschäft auf, kauf ein – lass deinen Avatar, so nennt sich deine zweite Existenz, dein Alter Ego in secondlife.com sein oder ihr Leben führen. Genug von dieser Welt? Macht nichts. Es gibt doch schon eine andere!

 

Zweiter Einstieg:

Ich habe sie vor einiger Zeit kennen gelernt. Schon über 80 Jahre alt. Ihr Sohn – nur wenig älter als ich, ist nach einem Herzinfarkt und mehreren Schlaganfällen ein Pflegefall. Ihr Mann ist schon lange gestorben. Ob der Sohn noch einmal wieder arbeiten kann – fragt sie mich. Weit entfernt – denke ich – und sage nichts. Sie kümmert sich um ihn, jeden langen Tag. Wie lange noch? Einen Internetzugang für Secondlife haben die beiden nicht. Sie haben genug mit diesem ersten Leben zu tun, das sie leben.

 

Dritter Einstieg.

Der Baseler Theologieprofessor Karl Barth wurde – er war schon sehr alt – einmal von einer Gemeindegruppe besucht. Eine Frau aus der Besucherschar fasste sich ein Herz und fragte: „Herr Professor, nun sagen Sie doch einmal: Werde ich im Himmel all meine Lieben einmal wieder sehen?!“ – Kurzentschlossen antwortete der alte Professor: „Machen Sie sich darauf gefasst! Nicht nur Ihre Lieben!“

 

 

Ich will heute, liebe Freunde, nicht rumspekulieren, wie es mit der Welt ausgehen wird. Ob die Menschheit die Klimaentwicklung in den Griff bekommt? Ob die Weltwirtschaft eines Tages gerechte(re) Verhältnisse schaffen wird? Ob der kalte Krieg der Kulturen, der nur noch wenige Jahre davon entfernt ist, atomare Kraft zu bekommen, einmal beigelegt werden kann. Ich habe auf all das nur eine Antwort:

Ich glaube, alles hängt davon ab, wie beziehungsfähig wir Menschen werden können!

Hä, was hat das denn mit Beziehungen zu tun?

 

o       Wenn Sie gute Freunde hätten, die in den Küstenregionen Hollands, Bangladeschs oder auch in New Orleans wohnen würden, dann wäre die Nachricht, dass wegen erhöhten Meeresspiegels ganze Regionen umgesiedelt werden müssen, von ganz anderer Bedeutung für Sie!

o       Wenn Sie schon einmal mit einem Hilfsprojekt für Kinder in Lateinamerika zu tun hatten, dann können Sie ahnen, dass der so praktisch niedrige Kaffeepreis irgendwas mit dem Leben dieser Menschen zu tun haben wird.

o       Wenn Sie einen Freund haben, der als Araber und als Christ zwischen allen Fronten des Nahen Ostens lebt, dann hören Sie die Nachrichten ganz anders!

 

Viele Menschen machen sich um die Zukunft viele Gedanken – und denken dabei – an ihre Lieben, an ihre Familie: Investieren alle Zeit, alles Geld, alle Energie, dahinein dass es die eigene Familie packt, den Kindern gut geht. Kann ich gut verstehen, mach ich – eigentlich auch so. Mir ist nur klar: So kommen wir nicht weiter! Wenn über dieser Welt – die christliche Kirche weltweit kann so etwas sein – ein Netzwerk liegt, das Menschen verbindet, die einander lieben – dann ist diese Welt eine andere und wir brauchen keine zweite!

 

Es ist ein biologischer Reflex, dass wir uns um unsere Kinder kümmern und nicht ganz so reflexartig, aber doch in vielen Fällen sorgen und kümmern sich die Kinder um die alten Eltern. Aber darüber hinaus geht unser biologischer Selbsterhaltungstrieb selten. Die Menschen in der Tagesschau, die in Djakarta im Seuchenwasser oder in Varel vor den Airbushallen stehen, sind doch andere. Beziehungslos sind uns Menschen ziemlich egal.

 

 

Und die Moral von der Geschicht? Macht doch mal. Kümmert euch? Setzt euch ein? Ja, aber von allein geht das nicht. Ändern Sie mal das reflexartig einstudierte Verhalten von Menschen!

 

Um was es heute geht, dass die Bibel die Zukunft der Welt so ausdrückt, dass Gott mit uns Beziehung haben will und uns anstiftet zu einer neuen Gemeinschaft! Die Bibel sagt nicht wie Nina Ruge im ZDF: „Alles wird gut!“ Sie berichtet von Kriegen und Elend, vom Zerbersten, nichts hält mehr. Sie erzählt aber auch, dass Menschen, die Gott vertrauen, wissen können: Wir sind nicht allein. Gott will bei uns Menschen sein! Das ist die Hauptbotschaft der Bibel für diese Zeit: Gott sagt: „Ich halte mich nicht raus. Ich gebe mich hinein! Klärend und neu ausrichtend; ich bin da!“

Nichts kann uns scheiden von der Liebe.

Jetzt wohnt Gott bei den Menschen!

 

Gott will bei uns Menschen sein!

Dieses Lied, dass wir trotz Zweifeln darüber staunen werden, ist ein Weihnachtslied. Und die gute Nachricht heißt: Gott hält sich nicht raus. Er gibt sich hinein. Gott will bei uns Menschen sein. Das steht am Ende der 40 Tage der Expedition zum ICH, dass Gott die Expedition zu deinem ICH schon lange begonnen hat. Ist ER schon am Ziel? Schon vor 2000 Jahren ist er in Jesus losgegangen, um bei dir zu sein. Damit du kein Mensch bist, der nur an sich und seine Lieben denkt – das kann jeder Primat – sondern ein Mensch, der über den Schatten der Ichbezogenheit springt und über den Tellerrand der seelischen Sippenhaft hinaussieht! Und das verändert die Welt – wenn wir andere Menschen in der ganzen Welt so lieben, wie uns selbst…

 

Und wie kann sich das bei mir selbst ändern?

o       Einer werden, der nicht nur an sich selbst denkt?

o       Wie kann das bei mir anfangen?

o       Wer facht das Feuer an? Neu die Glut an, die da noch schwelt?

 

Wir haben ihn noch ein Lied mitgebracht. Es heißt „Take me back“ – kein guter Titel für einen Gottesdienst zum Thema Zukunft, meinen Sie? Doch: Nimm wieder dahin – darum geht es in diesem Lied – an den Punkt meines Lebens, wo ich wirklich Glauben und Vertrauen hatte. Ich sehne mich danach. Ich bin so weit weg von dir. Erneuere meinen Glauben und mein Vertrauen! Mach mich zu einem Menschen, der vertrauen kann und dem man vertrauen kann! Die Zukunft der Welt hängt von solchen Menschen ab!

 

Und dann glaube ich, wenn Gott das zu Ihrem Gebet macht – gibt es kein Zurück, sondern nur ein „nach vorne“ zu einem neuen Vertrauen.

Amen.

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
Zur Homepage