Predigt beim Mitarbeitergottesdienst 2007
Zu Römer 12, 1+2
Liebe Freunde, liebe Mitarbeiter!
Klasse, dass so viele in den Kleidern ihres Arbeitslebens aufgetaucht sind. Das tut – außer dem Pfarrer hier sonst niemand am Sonntag – denn nun stellt sich die Frage: Was haben Alltag und Sonntag in unserem Leben miteinander zu tun? Welche Rolle spielt mein Glaube in meinem Leben?
Ist Sonntag und Alltag bei mir nur lose verbunden? Wie zwei Kordel oder Schnürsenkel. Ein Knoten, der mit dem Zug am richtigen Bändel sofort wieder gelöst werden kann?
Oder ist der Glaube in meinem Leben fest verwoben? Was in diesem Webrahmen miteinander verwoben und geht nur mit mühseliger Kleinarbeit oder mit roher Gewalt wieder auseinander? Und bei bestimmten Mustern kann man gar nicht mehr auseinander halten, aus welcher Ecke der Faden kommt.
Oder sind – das wäre das engste, das ich mir vorstellen, Glaube und Leben, Sonntag und Alltag in meinem Leben verbacken, wie die Zutaten eines Kuchens: Mehl und Zucker und Eier – Nüsse und Kakao – ganz wie Sie wollen, aber einmal miteinander vermischt ist das danach nicht mehr zu trennen. Ja, die Konsistenz der Zutaten hat sich durch das Rühren und die Hitze verändert.
Lose verbunden?
Fest verwoben?
Ineinander verbacken?
Um das richtig beantworten zu können, muss man etwas mehr im Vorfeld klären. Spricht man das Thema Sonntag und Alltag an – was hat mein Glaube mit meinem ganz normalen Leben zu tun, könnte man meinen, es geht in erster Linie um Moral, um Handeln, um Ethik. Um praktische Auswirkungen des Glaubens mehr als um Fragen der Spiritualität, dessen woran mein Herz hängt. Man könnte meinen, es geht um Gewissensfragen: Wie handle ich als Kaufmann, wenn ich nicht nur sonntags ein Christ sein will? Welche Rolle spielt Wahrheit bei meinen geschäftlichen Absprachen? Darüber kann man natürlich reden, aber ich glaube, bevor man über die „Auswirkungen“ des Glaubens auf das Leben spricht, müsste man über die „Einwirkungen“ des Glaubens in das Leben sprechen! Hat mein Glaube überhaupt eine Kraft, dahinein zu stoßen, wenn ich erstmal meinen „Ich-bin-total-im-Streß-Panzer“ angezogen habe? Oder spielt sich dann mein Leben in getrennten Welten ab – und ich bin für Signale von Gott in meinem „normalen“ Leben völlig unempfänglich!?
Diese Frage stellen nicht erst wir uns.
Diese Frage haben sich schon die Mönche der alten Kirche gestellt und mit dem Satz „Ora et labora“ – bete und arbeite, der ganzen Sache eine Weichenstellung gegeben. Wenn meine Arbeit im Gebet anfängt, startet, dann ist das Gebet am Morgen das Steuerrad des Tages und wird mich verändern. Martin Luther – ehemals Mönch – hat dann viel über die Arbeit geschrieben. Mit unserer Arbeit können wir Gott loben, ihm die Ehre geben. Sie ist nicht das schmutzige Tagewerk, das wir vor ihm verbergen, sondern die Arbeitskleider sind wirklich gottesdienstliche Kleider.
Und zuerst hat sich Paulus im Römerbrief diese Frage gestellt. Was hat Sonntag und Alltag miteinander zu tun? Ich lese die beiden ersten Verse aus dem 12. Kapitel des Römerbriefs:
Brüder
und Schwestern,
weil
Gott soviel Erbarmen mit euch gehabt hat,
bitte
und ermahne ich euch:
Stellt
euer ganzes Leben Gott zur Verfügung!
Bringt
euch Gott als lebendiges Opfer dar,
ein
Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat.
Das
ist für euch der »vernunftgemäße« Gottesdienst.
Paßt
euch nicht den Maßstäben dieser Welt* an.
Laßt
euch vielmehr von Gott umwandeln,
damit
euer ganzes Denken erneuert wird.
Dann
könnt ihr euch ein sicheres Urteil bilden,
welches
Verhalten dem Willen Gottes entspricht,
und
wißt in jedem einzelnen Fall,
was
gut und gottgefällig und vollkommen ist.
Es lohnt sich, das Stück für Stück und genauer anzuschauen!
Brüder
und Schwestern, weil Gott soviel Erbarmen mit euch gehabt hat, bitte und ermahne
ich euch:
Mit Römer 12 erfolgt der Übergang von Sonntag zum Alltag, von Fundamental- zu Moraltheologie, von Dogmatik zur Ethik. Es scheint – jetzt gelte nur die Frage: Was soll ich jetzt tun? Aber vorher ist noch zu klären: Warum soll ich etwas anders tun, als vorher? Paulus fügt hier keinen Anhang an: Ach übrigens noch, es gibt noch den leidigen Alltag, fallt mal da nicht auf… Sondern er verbindet, er verwebt, ja er verbackt das miteinander.
Brüder und Schwestern, weil Gott soviel Erbarmen mit euch gehabt hat,
bitte und ermahne ich euch:
Paulus hat das 9 Kapitel lang erklärt, warum Jesus Christus zu jedem Menschen gekommen ist, für jeden Menschen nötig ist, für jeden Menschen Heil und Rettung ist. Und Paulus fasst das mit einem Wort zusammen: Gott hat Erbarmen mit euch. Für euch allein gelassen, macht ihr euch mit guten Gesetzen den Tod, dreht euch und anderen aus hoher Moral nur einen Strick und zieht Grenzen auf, die unüberwindbar sind. Das ist das Leben ohne Christus!
Demgegenüber gilt Erbarmen. Paulus nennt das Erbarmen auch Gnade. Gnade, die Liebe, die meinem Leben grundlos gilt. Und meinem Mitmenschen auch – deshalb durchbricht Gnade Grenzen und bewirkt Güte, die Menschen wirklich verändert. Gesetz und Moral und Anstand haben jämmerlich versagt. Gott hat Erbarmen mit euch.
Liebe Freunde, es ist gut zu wissen, was man glaubt. Dass jeder von uns in wenigen Sätzen einem anderen sagen kann, was das Besondere ist: Nicht, dass es irgendwie christliche Werte geben muss, sondern, dass wir aus Erbarmen und Liebe und Gnade geliebt und errettet worden sind. Jeder Mensch, der aus einer besonderen Gefahr oder Bedrohung errettet wurde, lebt sein Leben mit einem zweiten Geburtstag in größerer Dankbarkeit und Freude. Alles Geschenk, kein Zufall, alles nicht verdient, nur Liebe. Du musst sagen können, was dein Glaube ausmacht. Je präziser du das kannst, desto konkreter wirkt er sich aus. Für mich gilt. In Jesus Christus hat Gott mit mir Erbarmen.
DAS ändert mein Leben – und nicht ein erhöhter moralischer Anspruch, den ich an mich stelle (und an dem ich doch wieder scheitere). Das ändert das Leben: Du gehst in den Alltag, als ein aus Gnade und Liebe und Erbarmen beschenkter Mensch, voll gefüllt mit der Liebe, die in Jesus Christus alle Schuld und Schlechtigkeit vergibt, von der du weißt, dass sie in deinem Herzen ist. Aber du darfst leben. Und der Mensch neben dir auch.
DAS ist das Startsignal für einen veränderten Alltag.
Deshalb gilt:
Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung!
Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar,
ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat.
Das ist für euch der »vernunftgemäße« Gottesdienst.
Gottesdienst – ob heidnisch oder jüdisch war damals verbunden mit dem Opferwesen. Reiche Menschen haben große Opfertiere gekauft und den Priestern gegeben, manchmal waren sie aber auch geizig und dann waren es doch nur Tauben. Arme haben nur kleine Opfertiere gekauft, aber manchmal viel von den Göttern erwartet und alles zusammengekratzt für ein großes Tier. Ein Opferwesen kennen wir nicht mehr. Außer, dass wir Menschen seitens der Kirche, seitens der Gemeinde um Geld und um den Einsatz ihrer Kraft und Zeit bitten. Und da gibt es Menschen, die wägen genau ab, wie viel sie an Geld und / oder Einsatz ihrer Zeit zu geben in der Lage und bereit sind.
All denen, muss das, was Paulus hier schreibt, quasi sektiererisch vorkommen. Euer Leben ist der Einsatz. Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar – das bedeutet nicht, dass man geschlachtet werden soll. Sondern, dass man das, was man tut, hingebungsvoll tut. Gott will keine Opfer, keine abgezählten, abgewogenen Gaben, die ihn „rumkriegen“ und „wohlstimmen“ sollen. Paulus gebraucht das Bild, aber er verlässt es. Jesus will Menschen, die, so wie er selbst voller Hingabe sind. Er errettet mein ganzes Leben – mein ganzes Leben gehört ihm. Sonntag und Alltag. Das ist der vernunftgemäße Gottesdienst – nicht spirituell losgelöst vom Leben, sondern erdgebunden und vernünftig im Einsatz meines Lebens – das Beste geben.
Das ganze hat drei Konsequenzen:
1.
Paßt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an.
Maßstäbe dieser Welt? Im dritten Reich haben Christen darum gekämpft, nicht diesen Maßstäben der Nazis zu unterliegen, denn diese greifen totalitär das ganze Leben an. Das Denken und Fühlen und Handeln sollte bestimmt werden. Gott sei Dank leben wir nicht in solchen Zeiten – aber dass auch unser Denken und Fühlen und Handeln beeinflusst wird, ist unübersehbar. Tausende von Werbebotschaften täglich, die uns sagen, wenn du etwas hast, bist du etwas, auch wenn du es dir nicht leisten kannst. Easy-Kredit. Das kann ich auch. Und Menschen versuchen mitzuhalten, in der Welt, in der alles geht. Es geht aber nicht. Von was lasse ich meine Einschätzung von Menschen leiten? Vom Äußeren, von der Bildung, vom Einkommen? Wer bestimmt meinen Umgang? Meine Werte? Christen dürfen Nonkonformisten sein - doch das ist manchmal nicht einfach. Nicht einfach, wenn die so genannte Firmenphilosophie eine andere ist. Aber ich bin sicher, dass viele Menschen heil froh sind, wenn jemand Widerspruch zum Ausdruck bringt.
2.
Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird.
Das geht nicht mit Fingerschnipsen. Was mich geprägt hat, Wertmassstäbe meiner Eltern und Familie, das hat sich eingeprägt, aber ich habe es nötig, diese Werte immer wieder zu überprüfen. Das geht in einer Gemeinde wunderbar, indem man sich darüber austauscht. Dazu habe ich in dieser Woche Gedanken von Johannes Rau gefunden, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte:
„Sagt euren Kindern,
dass euer Leben verdankt ist
dem Lebenswillen Gottes.
Sagt ihnen,
dass euer Mut geliehen war
von der Zuversicht Gottes.
Sagt ihnen,
dass eure Verzweiflung
geborgen war in der Gegenwart des Schöpfers.
Sagt ihnen,
das wir auf den Schultern
unserer Mütter und Väter stehen
Sagt ihnen, dass ohne Kenntnis unserer Geschichte
und unserer Traditionen
eine menschliche Zukunft nicht gebaut werden kann.
Sagt ihnen,
dass wir ohne innere Heimat
keine Reisen unternehmen können.
Denn wer nirgendwo zuhause ist,
der kann auch keine Nachbarn haben.
Und sagt ihnen zu guter Letzt,
dass die stete Bereitschaft zum Aufbruch
die einzige Form ist,
die unsere Existenz zwischen dem Leben hier
und dem Leben dort wirklich ernst nimmt.“
Johannes Rau zu 5. Mose 6, Kirchentag Hannover 2005
3.
Dann könnt ihr euch ein sicheres Urteil bilden, welches Verhalten dem Willen
Gottes entspricht, und wißt in jedem einzelnen Fall, was gut und gottgefällig
und vollkommen ist.
In jedem Fall wissen, was richtig ist? Ist das ernst gemeint? Es gibt doch so viele Fragestellungen in unseren Zeiten, in denen man es so und so nur falsch machen kann: Gentechnik, Fortpflanzungsmedizin, Schutz des lebenswürdigen Lebens am Ende des Lebens. Immer alles richtig machen? Sicher nicht? Aber diese Welt braucht Menschen, die voller Hingabe und Liebe am Ende auch bereit sind etwas falsch zu machen, weil das Zögern und Zaudern nicht richtiger ist.
Kennen Sie übrigens die Werbung? Auf einem Schiff in einer dunklen Kabine lässt sich einer tätowieren und sagt genau, was darauf stehen soll. „Steffi“ und mach, bloß keinen Fehler. Am Ende schaut er auf seinen Arm. Alles sieht gut aus. Da steht: Steffi, mach bloß keinen Fehler.
Das ist die Grundstimmung heute. Wer Fehler macht, der kriegt Ärger. Wer nichts macht, macht keine Fehler, Wer keine Fehler macht, kriegt keinen Ärger. Daran krankt unsere Gesellschaft in Politik und Wirtschaft. Christen aber dürfen mutig sein, denn: Wer aus Gnade lebt, darf auch mutig sein und handeln.
Und am Ende glaube ich nicht, dass sich das in großen Worten ausdrückt. Aber, wenn Sie morgen mit Ihren Arbeitskleidern losziehen, dann dürfen Sie wissen. Das sind Kleider, in denen Sie Gott loben – und das tun Sie, in dem Sie anderen Menschen Wertschätzung zeigen, sie ehren und loben. Indem Sie aufrichtig sind, Fehler nicht verbergen, sondern dazu stehen, indem Sie nicht überlaut, aber deutlich sagen, was Ihnen wertvoll ist. Wir leben vom Erbarmen Gottes. Und dann werden Menschen neugierig. So soll es sein.
Amen.
EG 629 Liebe ist nicht nur ein Wort
| © Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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