Predigt beim
Festgottesdienst zum 50-jährigen
Kirchenjubiläum
der Evangelischen Kirchengemeinde Traisa
am 1. Advent 2007
von
Pfr. Wolfgang Vorländer, Nümbrecht/Rhld.
über
Lukas 1,5-20
Ihr
Lieben, in dem wunderschönen Festkalender ist angekündigt worden, dass ich über
das Thema sprechen soll: „50 Jahre – und jetzt? – Ein Ausblick nach
vorn“.
Aber
ich habe natürlich gar keine Ahnung, wie euer Weg als Gemeinde weitergehen wird
oder weitergehen sollte. Ich kann es euch nicht sagen. Und wie käme ich auch
dazu, dass ich euch das sagen können sollte!
Das
einzige, was ich mitbringe, ist eine alte Geschichte. Weil ich seit langem schon
der Meinung bin, wir benötigten für die großen kirchlichen und
gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Gegenwart das Aufsuchen ganz alter,
tiefer Quellen und müssten uns an denjenigen Weisheiten orientieren, die schon
ein paar tausend Jahre auf dem Buckel haben. Das ist so wie in dem Gleichnis,
das Soeren Kierkegaard einmal
verwendet hat: Wenn die Christen wirklich auf die Zukunft des Reiches Gottes
zuleben wollen, dann müssen sie es machen wie ein Ruderer: um sein Ziel zu
erreichen, muss er mit dem Gesicht nach hinten gewandt im Boot sitzen, um
wirklich nach vorne rudern zu können!
Genau
darum geht es heute morgen. Um nach vorn unterwegs zu sein, orienteiren wir uns
an einer uralten Geschichte.
Es
handelt sich um die Adventsgeschichte par excellence, nämlich um die Geschichte
von Zacharias und Elisabeth in Lukas 1.
Zu der Zeit des Herodes, des Königs von
Judäa, lebte ein Priester von der Ordnung Abija, mit Namen Zacharias, und seine
Frau war aus dem Geschlecht Aaron und hieß Elisabeth. Sie waren aber alle beide
fromm vor Gott und lebten in allen Geboten und Satzungen des Herrn untadelig.
Das
also sind die beiden, die euch vielleicht heute morgen etwas sagen können zu
dem Thema: „50 Jahre- Was jetzt? Blick in die Zukunft“.
Zacharias!
Priester aus altem Geschlecht. Tief verwurzelt in der Priesterdynastie Israels,
tief geprägt vom Wissen um das Heilige, von den unumstößlichen Ordnungen des
Tempelkultus, von Gottesfurcht und Ehrfurcht vor dem Erbe der Väter.
Und
neben ihm – auf Augenhöhe! – seine Frau Elisabeth, aus dem Geschlecht
Aaron: noch tiefer geerdet und verankert in der heiligen Geschichte, die
hinabreicht bis in die unbeschreibliche Zeit des Exodus und der Landnahme in den
Tagen Moses und Aarons
Wenn
ihr Christen und Christinnen hier in Traisa wissen wollt, was für euren Weg in
den kommenden Zeiten bedeutsam sein könnte, dann wäre es vielleicht an
Zacharias und Elisabeth abzulesen: Sie waren beide fromm und lebten in seinen
Geboten und Satzungen untadelig. Das meint eine tiefe Verankerung in den uralten
Ordnungen des Volkes Gottes und dessen, was Kirche ihrem innersten Wesen nach
war und ist, das ist die Verwurzelung im Glauben unserer Väter und Mütter und
Ahnen und Urahnen.
Viele
Gemeinden, die heute versuchen, den Herausforderungen
der Postmoderne gerecht zu werden, meinen, man müsse sich hauptsächlich der
Postmoderne kulturell anschließen. Und alles, was dabei im Weg ist, was die
Leute nicht verstehen und was wir selbst vielleicht auch langweilig finden oder
was uns wie alte Zöpfe erscheint, das sollte man dann eher weglassen.
Ich
halte das inzwischen für eine der größten Torheiten und vermute, das ganze
Gegenteil sei richtig. Wer im besten Sinn modern und aktuell sein will, der muss
das Feuer hüten, das schon tausend oder zweitausend Jahre brennt, der muss die
Schätze suchen, die unter der ganzen Schlacke von Modernität und Zeitgeist und
dröhnender Dummheit unserer Tage nur darauf warten, dass wir sie heben und
reinigen und sehen, wie sie im Sonnenlicht funkeln.
Wenn
niemand mehr die Kirche altmodisch findet, sei es ihre Sonntagsheiligung oder
dass die Christen immer noch an Jesus als den Sohn Gottes glauben, sei es, dass
die Christen immer noch die Vergebung der Sünden für nötig halten oder dass
sie nicht alles mitmachen, was gerade „in“ ist, - wenn alle diese Anstöße
unterbunden vermieden würden, dann hätte die Kirche sich selbst säkularisiert
und würde gerade so jeden Reiz verlieren, sie würde bei aller Attraktivität
an der Oberfläche gleichzeitig sehr bald sehr langweilig – und: sie würde
jede wegweisende Autorität einbüßen. Sie wäre keine Hüterin des Heiligen mehr und keine Quelle innerer Heilung und
wirklicher Wegweisung und Orientierung.
Das
Heilige trägt auch immer den „Charme des Absonderlichen und Exotischen“. -
Ich jedenfalls finde es tief bewegend, dieses alte Ehepaar wahrzunehmen mit
ihrer heiligen Sturheit und ihrem demütigen und treuen Festhalten an den
Glaubensordnungen Israels.
Aber
kann das wirklich hilfreich für euch sein, wenn ihr euch fragt: Wie soll unsere
Gemeinde sich weiter entwickeln? Denn es folgt ja nun in der Geschichte doch der
traurige und nüchterne Satz:
Und sie hatten kein Kind; denn Elisabeth
war unfruchtbar, und beide waren hochbetagt.
Schade.
Dann eignen sich die beiden wohl doch nicht als Leitbilder für euch! Ein
kinderloses Ehepaar! – das war schon damals Sinnbild von Zukunftslosigkeit.
Doch
dieser düstere Satz – er sagt eigentlich nichts anderes als dass selbst unser
treuestes Glauben und Gott-Dienen als solches noch kein Leben, keine
Nachkommenschaft hervorbringt, keine Erweckung, kein von neuem Geborenwerden.
Wir haben als Kirchengemeinde genau so leere Hände wie Zacharias und Elisabeth.
Und wir könnten noch so viel Kirchenprogramm machen, Gospelkonzerte und die
tollsten Sachen – und es könnte trotzdem heißen: unfruchtbar, kinderlos!
Nein, wir sind alle keine Regenmacher! Wir können immer nur leere Eimer vor die
Türe stellen und warten, bis der Himmel es regnen lässt. Insofern sind wir
Zarachias und Elisabeth viel näher in ihrer Armut und ihrem Angewiesensein als
wir zunächst vielleicht denken.
Und es begab sich, als Zacharias den
Priesterdienst vor Gott versah, da seine Ordnung an der Reihe war, dass ihn nach
dem Brauch der Priesterschaft das Los traf, das Räucheropfer darzubringen; und
er ging in den Tempel des Herrn.
Was
für eine bewegende Situation: Da haben zwei Menschen eigentlich ihre
Erwartungen begraben, dass Gott aus ihnen noch eine Zukunft hervorgehen lässt.
Es ist Feierabend! Und dennoch bleibt Zacharias treu in seinem Opferdienst im
Heiligtum zu Jerusalem. Was fast wie übrig gebliebene Altersroutine aussieht,
ist in Wahrhaft der kühne Trotz des Glaubens.
Ich
fordere euch heute morgen auf, Zacharias nachzuahmen! Denn genau, indem er das
tut, was scheinbar nichts bringt, nämlich im Tempel das Räucheropfer anzuzünden,
passieren auf einmal mehrere Dinge, womit keiner rechnet.
Das
erste:
Und die ganze Menge des Volkes stand draußen
und betete zur Stunde des Räucheropfers.
Bisher
war nur von drei Namen die Rede: Herodes, Zacharias und Elisabeth. Nun auf
einmal: „… und die Menge des Volkes!“ Es gibt also das Volk, es gibt jene
große Zahl von Menschen; von denen zu sagen ist, dass sie „draußen“
stehen!
Aber
wo stehen sie genau? Erstaunlicherweise nicht irgendwo in Caesarea oder
Tiberias, wo der römische Trendset vorgeführt wird, nicht in der Umgebung des Palastes von Herodes. Sondern das Volk
steht vor den Toren des Tempels – und ist total froh, dass da drinnen ein
Priesterlein das Opfer entzündet! Wer hätte das gedacht!
Wir
denken das heute auch nicht. Wir denken, dass das Volk vor den Konsumtempeln
steht. Wir sehen, wie unsere Gesellschaft eine metaphysische Bescheidenheit an
den Tag legt, die schon beklemmend ist. Wir haben den Eindruck, dass viele
bereits vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben; Hauptsache, das handy
ist an und man ist online…
Aber
hier heißt es, das Volk da draußen steht in Wahrheit wartend vor dem Tempel.
Es
ist also doch noch nicht ganz aus damit, dass man immer noch eine Ahnung hegt: nämlich
die Ahnung, dass es ein Haus Gottes gibt, eine Wohnstätte des Allerhöchsten,
inmitten dieser Welt.
Ja,
noch mehr wird von diesem Volk gesagt: Es
betete zur Stunde des Räucheropfers: ausgerechnet des Räucheropfers! Das
heißt doch: wo der alte Zacharias drinnen das Räucheropfer darbringt, oder wo
ein paar Dutzend Christen im Dorf noch den Sonntag heiligen und wo in
irgendeiner Kirche 80 oder 100 Leute sonntags zusammenkommen, um „Gott ist
gegenwärtig“ zu singen oder “Wie soll ich dich empfangen?“, da erinnern
sich die da draußen, dass es doch noch etwas anderes gibt als Aktienkurse und
Benzinpreise und Harry Potter und das neueste Spassbad, als gehirnamputierte
Talkshows und die nächste Kochsendung …
Gleichsam
unterhalb des Säkularismus und des Religionsabbruchs immer noch dieselbe
hungrige Gottessehnsucht, eine namenlose Gottessehnsucht und ein wie Hunger
bohrender Gottesbedarf.
Und
doch: diese Sehnsucht vermag kein Tempel als solcher zu stillen, obwohl sie alle
vor seinen Toren stehen, warten und brennen. Diese Sehnsucht vermag auch kein
altes Priesterlein zu stillen.Und auch keine noch so begabter und mitreißender
Pfarrer! Diese Sehnsucht vermögt ihr als Kirchengemeine hier am Ort auch nicht
zu stillen. Da könnt ihr anstellen, was ihr wollt.
Diese
Sehnsucht sucht nach etwas anderem, Neuen und zugleich Ewiggeltenden, nach
etwas, das nur vom Himmel her auf die Erde kommen kann:
„Da erschien ihm der Engel des
Herrn!“
Nur
so geht es.
Vielleicht
wünscht ihr euch so etwas auf eurem weiteren Weg als Gemeinde. Nicht nur
kirchliches Leben, nicht nur all die Aktivitäten, nicht nur schöne Musik und
Freizeiten und Gruppen und Kreise. Sondern dass der Himmel sich auftut. Für uns
und für die vielen da draußen.
„Und als Zacharias ihn (den Engel) sah,
erschrak er, und es kam Furcht über ihn.“ Das hört sich an, als käme jemand in Berührung mit einer
Hochspannungsleitung.
Und
nun folgt die Verheißung:
Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein
Gebet ist erhört, und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, und du
sollst ihm den Namen Johannes geben… Er wird groß sein vor dem Herrn und er
wird vom Volk Israel viele zu dem Herrn bekehren.
Auf
eure heutige Frage: „50 Jahre – was jetzt? Ein Ausblick nach vorn“ wäre
von dieser Geschichte her zu sagen:
Bleibt
bei einer Zacharias-und Elisabeth-Existenz: Fromm und den Geboten Gottes treu
ergeben – und bleibt Lobsänger und
Bittsteller vor Gott. Und versucht niemals mehr zu sein als das! Und dann
haltet es aus, ins Warten gestellt zu sein bis zum Äußersten, wo man denkt:
Wozu machen wir den ganzen Kram?! Hütet euch, Gemeindeleben mit christlicher
Unterhaltung zu verwechseln, brausende Aktivitäten mit dem Reich Gottes – und
schämt euch eurer leeren Hände, eurer Armut und vielleicht auch eures
Misserfolgs nicht.
Alles
Kommende und alles, auf das ihr wartet, das findet ihr nicht, sondern es findet euch
!
„Zacharias
sprach zu dem Engel: Woran soll ich das erkennen? Denn ich bin alt, und meine
Frau ist betagt. Der Engel antwortete und sprach zu ihm: Ich bin Gabriel, der
vor Gott steht, und ich bin gesandt, mit dir zu reden und dir dies zu verkündigen.
Und siehe, du wirst stumm werden und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem
dies geschehen wird, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast.“
Dieses
Stummwerden des Zacharias ist keine Strafe. Es ist eine Gnade! Wirkliche
Gotteserfahrungen machen zunächst für eine Weile stumm. Dieses Verstummen ist
das Geschenk tiefen Schweigens und tiefer
Stille, der Beginn eines mystischen Glaubens. Und ich kann mir heute keine
wirklich relevante missionarische Gemeinde vorstellen, die die mystische Seite
ihres Glaubens vernachlässigt. „Schweigt dem Herrn!“ hat Gerhardt
Tersteegen gesagt. Zacharias hat sein Leben lang gebetet; und jetzt, wo sein
Gebet erhört wird, muss das Reden einmal aufhören, damit es zum Hören,
Verstehen und Betrachten kommt.
Das
wäre wahrscheinlich die entscheidende Voraussetzung dafür, dass wir der Welt
wirklich etwas zu sagen haben.
Und
mehr als das vermag ich als fremder Gast euch heute morgen nicht zu sagen.
Ihr
habt diese alte Geschichte. Und das reicht. Daraus und aus den anderen großen
Geschichten des Glaubens werdet ihr für die nächsten Jahre genug an Weisung
und Trost finden und dann auch euren Weg finden.
Amen.