Gottesdienst am Heiligen Abend 2007
Christus ist das Geheimnis Gottes – Kolosser 2, 1-10
Liebe Gemeinde am Heiligen Abend!
Wenn Sie, was ich vermute – sonst wären Sie zum Krippenspiel gekommen und nicht erst jetzt – keine kleinen Kinder haben, dann haben Sie wahrscheinlich auch die große Bescherung mit allen Geschenken noch vor sich. Stimmt’s? Und dann sind die Geschenke, die zuhause liegen, noch nicht ausgepackt. Richtig? Und ihr Mann hat noch keine Ahnung, welche Farbe die Socken und Krawatten haben, die er gleich bekommen wird! Wie, Sie haben was ganz anderes – etwas viel Persönlicheres – da bin ich ganz sicher. Wenn das alles aber so ist, dann sind Sie jetzt in diesem Moment ein Geheimnisträger! Und geben das Geheime nicht preis. Wollen diesen Moment selbst erleben, in dem der Beschenkte staunend das Päckchen aufmacht und sagt: „Nee, du spinnst ja!“.
Sie sind ein Geheimnisträger – gut zu wissen, denn heute Abend geht es um Geheimnisse!
Gibt es in dieser Welt sonst noch Geheimnisse? Ach, wissen Sie was. Fragen Sie doch mal Ihren Nachbarn und unterhalten Sie sich. Sie sind doch in all dem Streß dazu gar nicht gekommen. Was sind die größten Geheimnisse dieser Welt in unseren Tagen. Sie haben eine halbe Stunde Zeit – nein, sagen wir 1 Minute.
Ja, ja, da habe ich eben jemand sagen hören. Das größte Geheimnis der Welt ist an und für sich meine Frau. Die Frau an sich ist und bleibt mir immer noch ein Geheimnis. Tja, liebe Frauen, die Geheimnisse der Männer sind noch viel tiefer verborgen!
Oder die Sache wird wirklich ernst: In diesem Jahr haben Menschen wie selten zuvor erlebt, dass ihnen die Zukunft der Welt geheimnisvoll und rätselhaft ist: Wie kann es gehen, dass so viele Menschen mit Energie und Nahrung versorgt werden? Welche Geheimnisse lässt die Veränderung des Klimas erwarten? Was kommt auf uns zu? Mehr noch als die geheimnisvollen Tiefen des Weltalls oder der Weltmeere muss uns die Frage umtreiben, wie die Menschheit die nächsten 100 Jahre überstehen will, ohne in verheerende Kriege um grundlegende Ressourcen zu geraten.
Dabei merken wir immer wieder, dass unsere technische Art, die Dinge wahrzunehmen, viel zu kurz greift. Da finden in der ersten Adventswoche Statistiker heraus, dass im Umkreis von Atomkraftwerken viel mehr Kinder an Leukämie erkranken, ohne dass die gemessene Strahlung höher ist. Dann kann es doch sein, dass der Organismus eines Menschen viel feiner und feinfühliger auf Einflüsse reagiert als wir zu messen in der Lage sind. Könnte das andeuten, dass wir uns selbst viel stärker ein Geheimnis sind, als wir in der ach so aufgeklärten Weltsicht vermutet haben?
Und dann werden wir manchmal in Geheimnisse gestürzt, die uns viel zu nahe rücken. Eine Frau sagt mir, dass ihr Sohn bald sterben werde – er habe einen schnell wachsenden Tumor. Warum müssen Eltern am Grab von Kindern stehen?
Das ist etwas Verborgenes, Kryptisches, Mysteriöes – etwas, das uns nach Gott fragen lässt. Aber ist Gott nicht selbst ein Geheimnis?
Wir können von ihm reden, aber wir können ihn nicht beweisen:
Sie
kennen das Gute-Nacht-Gebet des Skeptikers? „Lieber Gott, wenn es
dich gibt,
dann rette
meine Seele,
- wenn ich eine habe.“
Bleibt Gott ein Geheimnis?
Die Bibel spricht an einer Stelle vom „Geheimnis Gottes“. Der Kolosserbrief, über den ich mit Ihnen nun nachdenken möchte, sagt: Ich lese, was der Apostel schreibt:
Das Geheimnis Gottes – ist Christus...
3 in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.*
5 * Ich freue mich, wenn ich eure Ordnung und euren festen Glauben an Christus sehe. 6 Wie ihr nun den Herrn Christus Jesus angenommen habt, so lebt auch in ihm 7 und seid in ihm verwurzelt und gegründet und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und seid reichlich dankbar. 8 Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus. 9 Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig 10 und an dieser Fülle habt ihr teil in ihm, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.
Das ist das Versprechen, liebe Freunde, das uns an Weihnachten gemacht wird: Dass wir dem Geheimnis Gottes auf die Spur kommen. Das Geheimnis Gottes – ist Christus. Und in ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Haben Sie das gehört? In Christus liegen die Antworten auf die Fragen, die uns bedrängen, verborgen.
Verborgen, das bedeutet nicht: Auf der Hand. Verborgen, das heißt, wir müssen daran gehen, die Antworten zu bergen. Christus ist das Geheimnis Gottes – in ihm sind die Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen.
Ich möchte drei Schritte mit Ihnen gehen.
1.) In Jesus Christus begegnet uns Gott, der ganz anders ist, als was wir bislang dachten. Na, ja, was dachten wir bislang? Viele Menschen denken Gott immer so, dass er das genaue Gegenteil von dem ist, was man selbst ist. Wir sind halb- oder ohnmächtig, dann ist Gott voll- oder allmächtig. Wir sind sterblich, Gott ist unsterblich. Wir sind endlich und begrenzt, Gott ist unendlich und unbegrenzt. Die mittelalterliche Philosophie – und die schwirrt noch in unseren Köpfen, nannte das den „negativen Weg“, Gott wird im Umkehrschluss der menschlichen Existenz gedacht und wird dabei nie im Leben ein menschlicher Gott, sondern ist ein Wesen, das auf Anerkennung seiner Gottheit aus ist und darauf, die Distanz zum Menschen zu wahren! Ein Gott mit Abstandskontrollsystem.
Und dann kommt Weihnachten und wir sehen einen Gott, der Wahrung der Distanz zum Menschen aus ist, sondern ein Gott, der in einem Wort zu fassen ist: HINGABE. Ein Gott der sich hingebungsvoll zu den Kleinen beugt: Zu dem Mädchen Maria – fürchte dich nicht - , zu den Hirten auf dem Feld – fürchtet euch nicht - , zu den Kindern, die Jesus segnet – in ihnen ist der Himmel offen.
Ein Gott, der den Kindern ein Kind wird. Den Juden, dem kleinen Volk, ein Jude.
Ein Gott, der herunter kommt, das Risiko auf sich nimmt, dass ihn die Menschen fortan den ‚heruntergekommenen Gott’ nennen werden. Das macht ihm nichts, denn sein Wesen ist Liebe und wird erkannt. Gott tritt heraus aus der Sphäre des Numinosen, des abgehoben Transzendenten. Der Gott des Himmels und der Erden wird zum „Immanuel“: Gott ist mit uns.
2.) Ein zweiter Aspekt. Jesus hebt die Decke, die über dem Geheimnis Gottes liegt, indem er zeigt, an welcher Stelle dieser Gott in unserem Leben vorkommen soll.
Üblicherweise begegnen wir Gott an den Grenzen des Lebens, wir denken an ihn bei Geburt und Tod, bei den Übergängen ins Erwachsenwerden, in die Ehe, beim Altwerden, beim Krankwerden. Wir denken an ihn, wenn wir einmal sterben. Üblicherweise begegnen wir Gott an den Grenzen des Lebens, das ist so in den Religionen aller Kulturen und insofern nichts besonders.
Doch Jesus sagt: Lass Gott in die Mitte des Lebens! Er hat das getan, in dem er uns ein Gebet beigebracht hat, das Sie alle kennen. Das Vaterunser:
Wissen Sie, welche Wörter im Vater-Unser, dem Gebet, das Jesus gelehrt hat, nicht vorkommen? Die Wörter ICH, MICH und MIR und MEIN – die wohl wie keine anderen das beschreiben, worunter unsere Gesellschaft leidet: Nämlich unter unverhohlenem Egoismus. Versuchen Sie mal als Top-Manager ihre Gehaltsforderungen ohne diese vier Wörter zu führen!
Im Vaterunser geht es nicht zuerst um uns, sondern um Gott in unserem Leben: Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme – dein Wille geschehe. Da kommt Gott zuerst. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht? Was wäre, wenn das Vaterunser hier aufhören würde? Wenn Gottes Wille auf dieser geschieht? Fallen dann meine Wünsche unter den Tisch? Komme ich dann zu kurz? Ich finde das eine reizvolle Frage, über die Sie heute Abend miteinander reden können.
3.) Ein Drittes mal heben wir die Decke vom Geheinmis Gottes: In dem Vater-Unser, in dem zunächst nach Gott gefragt wird, geht es doch um uns.
„Unser“ täglich Brot gib uns heute.
Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Dass wir Menschen werden, die nicht nur an sich selbst denken, sondern wirklich solidarisch – das Wort ist kaum noch gebräuchlich, oder? – mit den Schwachen werden. Dass wir also anderen geben wie uns gegeben worden ist.
Und dass wir beim Aufrechnen von Schuld daran denken, dass wir anderen so vergeben, wie uns vergeben wurde!
Nein, liebe Freunde, das ist jetzt nicht der obligatorische Spendenaufruf am Heiligen Abend und nicht die Aufforderung, dass wir bitte etwas netter zueinander sind.
Es ist viel mehr. Der Gott, der unter den Menschen wohnt, macht das menschliche Miteinander zur seinem Bereich. Wir denken im Abendland so unglaublich individualistisch. Wir denken, dass Gott den Menschen geschaffen hat. Den einzelnen Mann, die einzelne Frau. Ganz viele dieser Einzel-Linge. Und die müssen nun – in zweiter Linie - miteinander auskommen, das gibt Stress, deshalb gibt es dann von Gott Gebote und Regeln.
Und nun lüftet Jesus das Geheimnis Gottes und gleichzeitig das Geheimnis des Menschseins, in dem er selbst Mensch wird – zeigt, lehrt und lebt: Unser Miteinander, das spiegelt wider, wie göttlich wir sind – oder es zeigt wie weit wir von ihm entfernt sind.
Ich sag’s noch mal:
Gott ist anders. Er ist nicht fern. Er kommt uns ganz nah.
Jesus sagt: Diesen Gott vor allem anderen, lieben und ehren, ernst nehmen.
Und meinen Mitmenschen, mit dem ich lebe und auskommen muss – in unserem Miteinander kann sich Gottes Liebe spiegeln!
In Jesus wird das Geheimnis Gottes gelüftet und rückt mir bedrohlich nahe. All das ist wirklich radikal und lässt mich fragen, wie ich lebe, worauf ich baue, was ich hoffe, wofür ich mich einsetze, was für mich das Wichtigste ist, wohin mein Geld fließt, wem meine Liebe gilt, wem ich meine Hingabe und meine Leidenschaft schenke – kurz: Wofür ich da bin. Das bedeutet, dass mit dem Geheimnis Gottes in Christus auch mein Geheimnis geborgen wird. Warum ich auf dieser Welt herumspringe, glücklich bin oder leide, allein bin oder geborgen, lache oder weine.
Gott wird ein Mensch – und was wird aus mir?
Weihnachten heißt: Das Geheimnis ist geöffnet. Gott verbindet sich mit den Menschen. Er verbindet sich mit mir. Paulus schreibt den Menschen in der Gemeinde in Kolossä gleich in 5 verschiedenen Begriffen, wie ihr Leben mit diesem Geheimnis verbunden sein kann.
Er sagt ihnen zu:
Seid verwurzelt und gegründet
Er fordert sie heraus:
seid fest im Glauben
so wie ihr gelehrt worden seid
seid reichlich dankbar
habt teil in ihm
Wie
kann sich mein Leben auf Christus gründen? Wie kann es wahr
werden? Glaubwürdig werden? Wie kann ich lernen, mit weniger
Gütern auszukommen, und dabei mehr Liebe leben?
Wie kann ich
Vergebung lernen und fröhlicher und mutiger werden? Wie kann ich
also ein Nachfolger werden, wie kann ich „Jünger“ werden,
ein Jünger Jesu werden?
Einfach, wenn ich an diesem Abend mein Herz aufmache, offen werde für das Erlebnis, das die Mystiker so nannten, dass Gott mit mir eins werden will. Einfach, ja wirklich einfach, indem ich das Gebet eines Gerhard Teerstegens, das anfänglich fremd scheint, zu meinem Gebet mache:
Süßer Immanuel,
werd auch in mir nun geboren,
komm doch, mein Heiland,
denn ohne dich bin ich verloren!
Wohne in mir,
mach mich ganz eines mit dir,
der du mich liebend erkoren.
Gerhard Teerstegen, EG 41,7
Amen.
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Evangelische Kirchengemeinde Traisa |