Predigt an Himmelfahrt 1998

20. Mai 1998

Apg 1, 1-12a*

Liebe Gemeinde,

Die Geschichte von der Himmelfahrt ist leider weder einfach himmlisch, denn am Ende bekommen die Jünger und damit wir eine deutliche Dienstanweisung. Schaut nicht in den Himmel, sondern seid meine Zeugen, hier auf der Erde. Und die Geschichte von der Himmelfahrt Jesu ist auch leider nicht himmlisch einfach, denn das ist nun ganz schön rätselhaft, mit dem Himmel und was denn damit nur gemeint sein kann.

Und mit dieser Frage, was denn mit dem Himmel hier nur gemeint sein kann, wenn es schon nicht himmlisch einfach ist, sondern eher schwierig, möchte ich einfach einmal beginnen.

Kennen Sie das? Das Weltall, unendliche Weiten, wir schreiben das Jahr ... So, oder jedenfalls so ähnlich haben immer die Sendungen um das Raumschiff Enterprise angefangen, jene Geschichten, die heute Kultsendungen sind für Star-Trek- Fans, mit Captain Kirk und Leutnant Spock. Das hat viele fasziniert, daß man da so hineinfahren kann, denn der Himmel ist offenbar Sinnbild des Göttlichen: Unendlich, undurchschaubar, ewig, da geht es immer weiter. Das Faszinosum des Weltalls reißt viele in seinen Bann, nicht nur Astrologen. Von Dietrich Bonhoeffer wird berichtet, daß er als kleines Kind abends mit seiner Zwillingsschwester im Bett immer darüber nachgedacht hat, wie sehr unendlich die Unendlichkeit denn eigentlich ist. Man denkt, es muß doch irgendwann einmal Schluß sein, aber immer wieder noch geht es weiter. Die beiden dachten immer weiter, bis ihnen vor lauter Unendlichkeit schwindlig war. Unendlichkeit des Himmels und darin sind wir: Ein Atom im Ganzen -- nebenan werden Galaxien geboren und sterben Sonnen und wir gehen zum Psychiater, weil wir uns so wichtig nehmen. Sollten wir da nicht resignieren und mit Heinrich Heine sagen: "Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen"? Oder sollten wir da nicht sagen: Den Himmel überlassen wir den Physikern und Astronomen? Weil es nicht himmlisch einfach ist, anzunehmen: Die gestaltende Kraft dieser Unendlichkeit, ist der Gott, der mich persönlich kennt und liebt. Aber das ist gerade die Grundaussage des christlichen Glaubens. Darauf kommt es doch an.

Also halten wir doch einmal fest: Der Himmel ist uns Christen durch die Neuzeit geraubt worden. Als Juri Gagarin in seiner Wostok I im Jahre 1961 zum ersten Mal als Kosmonaut die Erde umkreiste, meldete er, treu sozialistisch realistisch, daß da kein Himmel, sondern nur Weltall sei. Das hat gut 300 Jahre vorher Galileo Galilei auch schon gemacht, den Himmel hat er als Weltall entlarvt, die Erde sei gar nicht der Mittelpunkt. Der große italienische Physiker und Astronom mußte das vor dem römischen Inqusitionsgericht widerrufen, dennoch hatte er ja recht. Der Himmel war entzaubert. Und heute ist der Himmel trivial, alltäglich. Daß die Satelliten als Kosmosmüll herumfliegen und wir Angst haben müssen, wie die alten Gallier, daß uns der Himmel oder etwas davon auf den Kopf fällt, ist auch wahr und irgendwie peinlich.

Tut man da nicht gut daran, die Geschichte von der Himmelfahrt Jesu unter den Tisch fallen zu lassen, aus dem Himmelfahrtstag einen Tag im Grünen unter weiß-blauem Himmel zu machen, oder ihn gar kampflos als Vatertag abgeben. Würde man nicht gut daran tun, den Himmel und das Große und Ganze einfach aufzugeben, aus dem christlichen Glauben ein paar Trostpflästerchen herauszufiltern, an die wir uns noch halten können ?

Hören wir auf die Geschichte von der Himmelfahrt Jesu: (Apostelgeschichte 1 )

1 Den ersten Bericht habe ich gegeben, lieber Theophilus, von all dem, was Jesus von Anfang an tat und lehrte 2 bis zu dem Tag, an dem er aufgenommen wurde, nachdem er den Aposteln, die er erwählt hatte, durch den heiligen Geist Weisung gegeben hatte. 3 Ihnen zeigte er sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes. 4 Und als er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, die ihr, so sprach er von mir gehört habt: ... 8 ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis ans Ende der Erde. 9 Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. 10 Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. 11 Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen. 12 Da kehrten sie nach Jerusalem zurück.

Liebe Gemeinde, glauben Sie bitte bloß nicht, die Zeitgenossen des Lukas, der uns in der Apostelgeschichte diese Himmelfahrtsgeschichte erzählt, hätten das einfach so geschluckt. Völlig klar. Wolke gekommen, Jesus aufgehoben, jetzt ist er im Himmel. Alles ganz einfach. Nein, damals wie heute stellt diese Geschichte eine Herausforderung dar. Wenn wir sie platt und gegenständlich begreifen wollen, dann entzieht sie sich uns. In einer Wolke verschwinden und auf einmal weg sein, das gibt's doch nur beim Beamen im Raumschiff Enterprise! Denken wir, wenn wir so denken.

Doch hier fängt die Geschichte richtig an: Denn das war doch damals und ist doch heute der Anfangspunkt. Damals wie heute wissen Christen: Jesus Christus ist eine Realität, die mir in meinem Leben hilft. Er gibt mir ein Vertrauen, das Leben besser zu schaffen, ich werde bei ihm, im Kontakt zu ihm, Ängste und Schuld los, er gibt mir eine Aufgabe für mein Leben, er gibt meinem Leben Sinn. Christus ist nicht nur Phantasie, er ist Wirklichkeit, steht mir gegenüber. Das haben Christen damals wie heute erfahren. Und damals wie heute möchten Christinnen und Christen gerne weitererzählen von diesen Erfahrungen: Und sie werden bedrängt: Gebt uns ein Zeichen, einen Beweis: Wo ist denn euer Gott, wo ist denn euer auferstandener Jesus? Und die Christen würden gerne den Himmel aufreißen und sagen: Bitteschön, da ist er! Mein Gott, Herrscher des Himmels und der Erden. Vor aller Augen sichtbar! Jetzt mußt du glauben, ach was, du mußt nicht glauben, du kannst es ja jetzt sehen. Gerne würden die Christen, damals wie heute, den Himmel aufreißen, Jesus dingfest machen und allen zeigen, aber das geht nicht.

Denn Himmelfahrt bedeutet. Christus ist verborgen, er ist von der Wolke aufgehoben in den Himmel, im Himmel nicht himmlisch einfach zu erkennen. Damals nicht, heute nicht. Christen können nicht, damals nicht und heute nicht, den anderen Menschen einen Beweis um die Ohren schlagen für die Gegenwart Jesu. Himmelfahrt bedeutet, daß es so einfach nicht ist.

Aber trotzdem bekommen die Jünger, die Christen, einen Auftrag: Jesus sagt ihnen: Seid meine Zeugen in der Welt! Die Kraft meines Geistes geht euch mit. Und die Engel weisen den Blick der Jünger auf die Erde: Was schaut ihr in den Himmel?

Himmelfahrt. Das ist eine Dienstanweisung für die Christen. Die Kraft Jesu, die Menschenherzen verändert, die Liebe, Mut und Hoffnung gibt, die ist im Himmel nicht beweisbar, aber die ist auf Erden erfahrbar. Die Jünger werden losgeschickt, in immer größer werdenden Zirkeln, der ganzen Welt von dieser Liebe, von dieser Hoffnung von dieser Kraft zu erzählen. Es ist nicht beweisbar, aber erfahrbar, man kann es nicht demonstrieren, aber viele können es spüren, daß Christus Mut und Kraft und Liebe gibt. Einfach himmlisch, einfach wahr, erfahren können wir das nur auf der Erde. Jetzt und hier.

Himmelfahrt bedeutet: Die Gegenwart von Jesus ist uns verborgen, nicht vor unseren Augen, aber wenn wir uns aufmachen, davon erzählen und uns davon erzählen lassen, dann ist es einfach himmlisch, dann ist seine Liebe da, dann spüren wir, daß seine Macht größer ist, als die Mächte der Angst und des Hasses und des Streites, dann bewahrheitet sich, daß er zur Rechten Gottes sitzt, aufgefahren in den Himmel.

Himmelfahrt, das bedeutet: Jesus ist zwar verborgen, aber doch nah, nicht beweisbar, aber erfahrbar. Wir können diese Wahrheit anderen nicht vor den Kopf knallen, keine physikalisch - mathematischen Beweise seiner Wahrheit führen, aber Zeugen seiner Liebe sein, und diese Kraft spüren, die Leben verändert. Amen.

Lied mit Gitarre, nach der Predigt: EG Hessen 620

Fürbittengebet

Treuer Gott, manchmal sehen wir die Sonne nicht, und trotzdem ist ihre Wärme da, entweder verborgen unter Wolken oder für andere Menschen auf der Erde. Manchmal geht es uns so mit dir und deiner Nähe, da können wir es nicht festmachen und konkret machen, alles bleibt wie hinter einer Wolke. Aber du gibst uns die Zusage, daß du trotzdem da bist, auch wenn uns alles verschleiert vorkommt. Schenk uns die Kraft deines Geistes, die uns mutig und fröhlich macht, die uns erfahren läßt, daß wir uns auf dich verlassen können.

Wir bitten dich für deine Welt, für die Menschen in Indonesien, wo viele gegen die Ungerechtigkeit kämpfen, schenke dort einen friedlichen Wandel ohne mehr Blutvergießen. Wir bitten dich für unser Dorf, für die Gemeinschaft der Menschen untereinander, für Toleranz und gegenseitiges Verständnis. Wir bitten dich für deine Gemeinde, daß sie an der Kraftquelle deines Geistes Zeuge ist für deine Liebe, für deine Wirklichkeit, die verborgen aber nah ist. Miteinander beten wir.

Vater Unser

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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