Predigt an Exaudi 1998

Epheser 3, 14-21*

Liebe Gemeinde,

vor einigen Wochen waren sie am Graben. Schatzsucher, Archäologen, auf einer heißen Spur. An der Veste Coburg, in der schönen oberfränkischen Stadt, haben sie gebuddelt, denn es gab konkrete Vermutungen, hier müsse es sein. Sie wissen, was ich meine, das legendäre Bernsteinzimmer. Einst ein Geschenk des deutschen Kaisers an den Zaren in Russland, ein ungeheuer wertvoll eingerichtetes Zimmer, mit edlen Wänden, einer wunderbaren Einrichtung und kostbaren Gemälden, das in den Wirren des zweiten Weltkrieges, abgebaut und irgendwo verschollen und verschüttet war. Vor einigen Monaten war die Schatzsuche nach dem Zimmer richtig in die Gänge gekommen, denn man hatte ein Bild des Zimmers bei einem Sammler gefunden, der offensichtlich kaum wußte, wie wertvoll dieser Schatz war. Doch mehr als dieser kleine Ausschnitt, mehr als dieses Bruchstück war nicht vorhanden, doch dies hat die Sucher heiß gemacht ist. Wenn das nicht verloren ist, dann muß doch noch mehr da sein, wenn dieses Bruchstück noch erhalten ist, dann können wir doch noch mehr finden, mit so wenig dürfen wir uns nicht zufrieden geben. Sie haben es nicht gefunden, die Sucher an der Veste Coburg, bislang nicht, vor einigen Wochen haben sie dort die Suche eingestellt, aber ganz sicher: Es wird wieder andere geben, die fasziniert werden von der Schönheit, angelockt von der Herrlichkeit dieses Schatzes und ihn suchen werden, investieren, damit sie ihn endlich finden.

Ich lese uns nun den Predigttext für den heutigen Sonntag. Auch darin ist ein Schatz. Auch er ist so wie das Bernsteinzimmer ein verschütteter Schatz. Manchmal scheint mir genau wie beim Geschenk des Kaisers an den Zaren, auch bei diesem Schatz haben wir noch ein kleines Bild, noch eine Erinnerung, noch eine Ahnung, wie das Ganze ausgesehen hat, doch das Ganze ist nun mal verschüttet... Was ich meine. Vielleicht hören sie es:

Epheser 3, 14-21

Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, daß Christus durch den Glauben in eurem Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.

Haben Sie den verborgenen Schatz erkannt? Ich meine das Wort vom Vater, gar von dem Vater, vor dem der Apostel die Knie beugt. Knie beugen vor dem Vater? "Das ist doch eine Zumutung! Allerhöchstens vor dem Turnvater Jahn würde ich Kniebeugen machen, damit ich das Sportabzeichen in Gold bekomme, aber doch nicht vor meinem Vater. Was will der denn, daß ich die Knie vor ihm beuge?"

Sehen Sie, spüren Sie es? Merken Sie wie verschüttet das Bild von Gott als dem Vater ist? Vieles, was wir wahrnehmen, sind verzerrte Erinnerungen, schlechte Erfahrungen, verletzende Enttäuschungen, aber das Bild ist verschwunden, verschüttet. Da hilft es nicht, darauf hinzuweisen, daß mein Vater doch eigentlich wirklich ok war oder ist. Natürlich ist es Gott sei Dank nicht so, daß jeder und jede von uns katastrophale Erfahrungen mit dem Vater gemacht hat, es gibt sie noch die lebendigen und guten und erhaltenen Bilder vom Bernsteinzimmer der Vaterschaft Gottes.

Doch im Großen und Ganzen hat Alexander Mitscherlich, der vor vielen Jahren schon die deutsche Nachkriegsgesellschaft die "vaterlose Gesellschaft" genannt hat, recht. Die Väter waren im Krieg, kamen nach Hause, 9-jährige Kinder lernten einen Fremden als Vater kennen, wenn überhaupt, der oft meinte väterliche Liebe und Autorität mit soldatischer Gehorsamsforderung verwechseln zu können. Die 9-jährigen wurden dann selber Väter, mit verzerrtem Vaterbild vor Augen und dann, wenige Jahre später kamen die 68er, die Tragödie vor Augen, die wollten Vaterschaft als altes Herrschaftsinstrument nicht annehmen. Biologisch wurden sie trotzdem Väter, waren ihren Kindern aber nur dann Väter, wenn sie das verschollene Bild gefunden haben.

Aber lassen Sie uns bitte jetzt den Schatz suchen. Im Text des Apostels Paulus finde ich drei Ziele guter Vaterschaft.

1. Gott, der rechte Vater gibt Kraft, gemäß dem Reichtum seiner Herrlichkeit

Das ist Ziel Nummer eins. Der Vater gibt Kraft, Energie an die Kinder weiter. Nicht Geld, nicht Reichtum, nicht Vermögen, sondern Lebenskraft. Woher aber kommt diese Kraft? Und nun heißt es weiter. Gott der rechte Vater gibt Kraft, gemäß dem Reichtum seiner Herrlichkeit. Du kannst nur geben, was du hast. Du kannst nichts geben, was du nicht selbst bekommen hast. Väter -- und Mütter genauso -- müssen wissen: was ist die Kraftquelle, aus der ich lebe? Kinder wissen und spüren, daß wir kein Perpetuum mobile sind, Kinder sehen doch, daß wir oft kraftlos sind. Aber Ziel guter Vaterschaft ist es, Kraft weiter zugeben. Und Gott, legen wir doch dieses Bild des Bernsteinzimmers frei, ist der Vater der uns Kraft gibt, wenn wir ihn darum bitten. Vaterschaft soll die Kinder stärken, und Väter können die Kraft weitergeben, die sie selbst empfangen haben. Wie wichtig ist es, nicht nur für Väter, Gott als den Vater zu entdecken, unerschöpfliches Kraftreservoir für uns.

2. Gott der gute Vater, läßt seine Kinder inwendig stark werden durch seinen Geist

Der zweite Punkt konkretisiert den ersten. Gottes Vaterschaft, die uns Kraft gibt, hat nicht das Ziel, das wir aller Welt unsere starken Muckis zeigen können. Das Ziel der guten Vaterschaft Gottes ist, daß Kinder inwendig stark werden durch seinen Geist.

Wissen Sie eigentlich, daß die Vaterschaft auch die Schwäche zuläßt? Auch Gottes Vaterschaft zeigt Schwäche. Gott hat eine ungeheure Schwäche für den Menschen. Es macht Gott schwach, was für einen Weg der Mensch geht. Von ihm abgewandt, nicht auf ihn hörend geht er ins Chaos. Da könnte Gott nicht nur heulen, er tut es auch. Stärke demonstriert nicht der, der Schwäche nicht zuläßt oder nicht zeigt. Wir werden vor den Kindern nicht glaubhaft, wenn wir die Maske des starken Mannes oder der starken Frau aufsetzen, können wir doch auch gar nicht, doch das wir das nicht zugelassen haben, hat das Bild von der Vaterschaft auch verschüttet. Es ist kein Beweis von Stärke, die Schwäche nicht zuzulassen, sondern es ist ein Beweis innerer Stärke, die Schwäche anzunehmen und zu überwinden, so gut es geht. Alles andere spüren die Kinder doch sofort.

Also nocheinmal das zweite Ziel: Vaterschaft gibt Kraft weiter, die Kinder inwendig stark macht.

3. Gott der gute Vater läßt Christus in den Herzen wohnen und seine Kinder in der Liebe wurzeln.

So lange du deine Füße unter meinen Tisch steckst, so lange habe ich das letzte Wort. Typischer Spruch eines Vaters ohne innere Stärke. Vater ohne innere Stärke markieren gern den strammen Max. Väter ohne innere Stärke tun so, als wären sie der Stärkste. Wer darauf beharrt, immer das letzte Wort zu haben, dessen vielen Worte sind meistens auch das allerletzte.

Für uns als Väter auch als Mütter tut es gut, Kinder auf den Vater im Himmel hinzuweisen. Hinzuweisen auf den Stärkeren, von dem wir auch nur alles geliehen haben. Wirkliche Vaterschaft im Sinne Gottes lehrt Kinder des Vertrauen gegenüber der Liebe, die Jesus für uns hat. Diese Vaterschaft läßt Kinder in dieser Liebe Wurzeln schlagen. Vaterschaft, die sich selbst für das größte hält, verweist immer wieder auf sich selbst. Gute Vaterschaft verweist Kinder auf die Liebe Christi.

Jesus sagte übrigens Abba zu seinem Vater. Das war kein Vorgriff auf die schwedische Popband, sondern ist aramäisch und bedeutet ganz vertraut Papa. Jesus wußte bei seinem Weg, daß ihn dieser Vater nicht enttäuscht.

Liebe Gemeinde, ich weiß nicht, was das in Ihnen bewegt hat. Sicher viele Gedanken an Ihren eigenen Vater, den Sie alle haben, oder an die eigene Vaterschaft, die einige von Ihnen ausüben. Vielleicht hier und da Widerspruch.

Das Bernsteinzimmer ist immer noch nicht gefunden. Aber diese Liebe des Vaters im Himmel läßt sich finden. Oft ist sie verschüttet unter schlechten Erfahrungen mit schlechten Vätern, mit Paschahafter Selbstgefälligkeit und oft mit Gewalt. Ein Haufen Schutt. Aber darunter gibt es das Bild und die Wirklichkeit der Liebe des Vaters, die zu finden lohnt.

Amen.

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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