Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis

Apostelgeschichte 2, 42-47

Weißt du noch damals, in Südfrankreich, das wahr traumhaft. Schau mal da, auf dem Foto, da war Peter gerade vier Jahre alt. Da hatte er gerade keine Windel mehr an. Das ging manchmal in die Hose, weißt du noch?

Liebe Gemeinde !

Erinnerungen beim Blättern in einem Fotoalbum. Das sind meistens die schönen Seiten des Familienlebens, die man da auf Hochglanz oder Seidenmatt-Papier festgehalten hat. Wer knipst sich schon nach einem Ehekrach? Ein Familienalbum bietet eine Auslese, aber eine schöne Auslese. Einige Fotos sogar vom Fotografen: Die waren besonders schön, aber leider gestellt.

Trotzdem - da denkt man gern - etwas wehmütig - an die gute, alte Zeit zurück. Und es beflügelt einen ein bißchen, es wieder so werden zu lassen. Denn die Bilder schimmern etwas wieder vom Zauber der ersten Liebe, die zwar jetzt ein verflogen ist, aber noch nicht ganz weg ist.

Der Predigttext, den ich ihnen jetzt vorlese wirkt auch so ein bißchen wie so Familienalbum. Rückblick mit besonderer Auslese. Der große Krach, den es auch gegeben hat; etwas später schon, ist nicht drauf. Aber es schimmert, es ist spürbar: Der Zauber der ersten Liebe...

Die Rede ist von der Gemeinde in Jerusalem. Und man nennt die nicht umsonst Ur-Gemeinde, denn es ist auch ein Ur-Bild, das da hindurchschimmert.

Apostelgeschichte 2 (GNT)

Sie blieben ständig beisammen; sie ließen sich von den Aposteln unterweisen und teilten alles miteinander, feierten das Mahl des Herrn und beteten gemeinsam.

Durch die Apostel geschahen viele wunderbare Taten, und jedermann in Jerusalem spürte, daß hier wirklich Gott am Werk war.

Alle, die zum Glauben gekommenwaren, taten ihren ganzen Besitz zusammen.

Wenn sie etwas brauchten, verkauften sie Grundstücke und Wertgegenstände und verteilten den Erlös unter die Bedürftigen in der Gemeinde.

Tag für Tag versammelten sie sich im Tempel und in ihren Häusern feierten sie in jubelnder Freude und mit reinem Herzen das gemeinsame Mahl.

Sie priesen Gott und wurden vom ganzen Volk geachtet. Der Herr führte ihnen jeden Tag weitere Menschen zu, die er retten wollte.

Lukas, der diese Fotos ins Familienalbum eingeklebt hat, redet hier nicht von den Streitigkeiten, die es in Jerusalem auch gegeben hat; wie die Apostel, das sind übrigens die Christen gewesen, die Jesus persönlich gekannt haben, aneinander geraten sind. Lukas erzählt das später; auch daß einige das mit dem Teilen der Grundstücke nicht so genau nahmen. Aber das kommt später. Hier geht es um das Urbild. Und das ist wichtig.

Aber wie wollen wir jetzt damit umgehen, mit diesem Urbild von Gemeinde, das wie ein Familienalbum vieles Schöne hervorhebt. Wollen wir es zum rigorosen Leitbild erheben und sagen: Genau so müssen wir es auch machen, und nichts falsch machen, dann wird es auch bei uns so werden. Oder werden wir resigniert sagen - wie beim Familienalbum: Ach ja, und jetzt bin ich schon so alt; diese Zeiten kommen nie wieder; schön, aber Schnee von gestern?

Beides ist falsch: Kein rigoroses Leitbild will die Erzählung von Lukas sein, aber beileibe nicht nur ein bloßes Erinnerungsstücklein, sondern ein lebendiges Urbild, das in uns Sehnsucht weckt. Und Sehnsucht weckt schon einiges in diesem Bericht. Nicht alles, aber vieles spricht mich an.

Ich beginne am Ende: Diese Gemeinde wächst. Es kommen Menschen dazu. Die müssen nicht mit Werbestrategien gezogen werden, mit Versprechungen gelockt werden; die spüren, daß da etwas authentisch ist, und stimmig und fröhlich und ehrlich. Und sie kommen dazu. Gott fügt sie hinzu. Er läßt es ihnen kalt und warm werden. Er macht ihnen Feuer unter den Hintern und das Herz heiß. Und die bekommen eine Sehnsucht. Mein Leben war bisher ja ordentlich, rechtschaffen und nicht all zu langweilig, aber das Wichtigste hat gefehlt.

Dieses Bild einer wachsenden Gemeinde fasziniert mich, das wünsch ich mir auch. Aber wie lebt diese Gemeinde, daß es offensichtlich so attraktiv ist, dazu zu kommen, mit dazu zu gehören? Unsere Kirchen haben ja eher fortlaufenden Erfolg; es laufen ihnen die Leute fort. Und deswegen tut es uns not, dieses Urbild freizulegen, und zu fragen: Was sind die Impulse, die unser Gemeindeleben und damit auch unser persönliches Leben so bereichern, daß es sich lohnt dabei zu sein:

Fünf Impulse, die ich aus dem Bericht des Lukas herauslesen kann:

1. Erlaubtes Denken

2. Knisternde Erwartung

3. Freiheit für den Geldbeutel

4. Verzicht auf Abgrenzung

5. Ehrliche Freude

 

1. Impuls: Erlaubtes Denken

Das Erste was Lukas von dieser neuen Gemeinde erzählt, ist daß sie sich mit Ausdauer um den Kern, um den Inhalt gekümmert haben. Sie haben nach der Lehre der Apostel gefragt. Und Fragen waren sicher erlaubt.

Am Anfang steht kein Denkverbot: Bitte am Eingang der Kirche Gehirn ausschalten, sondern sie haben über die Lehre geredet, auf Lehrer, vielleicht auch Lehrerinnen gehört, nachgefragt. Unverständnis geäußert, kritische Fragen gestellt. Es ging um das, was Jesus gesagt hat, es ging um sein Leben und seinen Tod.

Die Gäste werden die Apostel, die Augenzeugen gelöchert haben: "Hat Jesus wirklich gesagt, ich soll die andere Backe hinhalten, wenn mich einer schlägt. So was Verrücktes hab ich ja noch nie gehört." "Und daß die Römer ihn hingerichtet haben, das soll für mich gut sein? Versteh ich nicht..." "Auferstanden. Ihr habt ihn wirklich gesehen!" Diese Fragen waren erlaubt!

Wachstum von Gemeinde beginnt nicht mit dem perfektem Rahmenprogramm, mit anspruchsvollen Räumen und nettem Ambiente, sondern mit dem Kern. Und Denken ist dabei erlaubt. Du mußt nicht glauben. Du darfst alles fragen.

2. Impuls: Knisternde Erwartung

Die ersten Christen waren Juden. Und was sie als Juden wußten, war, daß man von Gott viel erwarten darf. Man darf von ihm alles erwarten, auch wenn alles dunkel aussieht.

Damals hatte Israel schon eine lange weit über tausend Jahre alte Geschichte. Und die Juden wußten 40 Jahre ägyptische Wüste. Gott hat uns durch geführt. 70 Jahre Gefangenschaft in Babylon. Und er hat uns bewahrt. Diese Christen, die noch Juden waren, die wußten: Man kann von Gott viel erwarten.

Und so haben sie viel von Gott erwartet: und sie haben viel gesehen. Wie Gott Menschenherzen verändert: Wie aus Traurigen Menschen fröhliche Menschen wurden, wie aus Kranken Gesunde Menschen wurden, wie aus hartgesottenen Egoisten Leute wurden, denen Herz und Portemonnaie aufgingen, wie aus ewigen Streitern Versöhnte wurden!

Wir sind eher Skeptiker und Pessimisten: "Ach, ich weiß auch nicht, was noch werden soll. Er wird doch immer schlimmer."

Gerade wir Deutschen lassen uns gern von kritischen Gedanken auffressen. Aber diese Christen in Jerusalem hatten die unbändige Erwartung, zu erleben, daß Gott etwas tut: Daß er kaputte Menschen heil gemacht hat. Und das haben sie erlebt.

3. Impuls: Freiheit für den Geldbeutel

Als gut 1100 Jahre, nachdem Lukas das beschrieben, in Italien der Sohn eines reichen Tuchhändlers, Giovanni Bernadone, genannt Franziskus von Assisi, den elterlichen Reichtum verlassen hat, losgezogen ist, mit ein paar Freunden, um auf alles zu verzichten und um Jesus zu den Menschen zu bringen, da hat er etwas losgetreten, daß er nie vorher gedacht hat. Die Menschen haben ihm geglaubt: Er und seine Freunde, die auf den Reichtum verzichteten, waren glaubhaft, das war authentisch, das waren keine feisten Priester, die doch nur Geld wollten, die Keuschheit lehrten und irgendwie doch immer eine Frau im Bett hatten. Franz von Assisi war einer, der diesen Impuls der ersten Gemeinde aufgenommen und vermehrt hat.

Und als vor 60 Jahren Dietrich Bonhoeffer mit ein paar illegalen Vikaren der Bekennenden Kirche in Finkenwalde an der Ostsee ein geheimes und improvisiertes Predigerseminar einrichtete, da teilte er, was er hatte mit ihnen: Bibliothek, den Flügel, und ganz viel Zeit: Und die lebten gemeinsam.

Auch Bonhoeffer hat den Impuls vom gemeinsamen Leben aufgenommen. Wir teilen, was wir haben: Zeit und Geld.

Wir sind davon weit entfernt. In der privaten Abgeschottetheit, wo manche von der Sorge ums Geld erdrückt werden: Sei es die Last der Schulden, oder die Angst bei der falschen Anlageform eine Million zu verlieren.

Ich bin selbst weit davon entfernt. Lebe privat und denke: Dieser urchristliche Kommunismus, das ist doch Utopie.

Aber die Berichte von Menschen, die sich bewußt entschieden haben, sich nicht länger von der Sorge ums eigene Geld niederdrücken zu lassen und die frei wurden, neue Dinge zu tun, diese Berichte faszinieren mich immer wieder. Und lassen mich nicht los.

4. Impuls: Verzicht auf Abgrenzung

Es hat mich gewundert. Diese Christen gingen immer noch in den Tempel. Täglich. Der Tempel war die Kultstätte der Juden. Ja, waren die noch Juden? Das waren doch jetzt Christen?! Wieso haben die sich nicht entschieden? Man muß doch deutlich machen, wer man ist und wer nicht, was man will und was nicht. Ich gehöre zu dem Verein - mit denen hab ich nichts am Hut.

Etwas später schon in der Geschichte der jungen Kirche hagelte es Abgrenzungen: Die Juden von den Christen, die Christen von den Juden, die Christen, die zuerst Juden waren, trennten sich von den Christen, die zuerst Griechen waren.

Alles hatte irgendwie seine Gründe, und immer wieder traten Leute auf, die hatten phantastische Lehren, die einfach falsch waren und Abgrenzung war nötig, aber in den meisten Fällen war es eine soziologische Falle. Ich gehöre zu dieser Gemeinde, weil ich nicht zur anderen gehöre: Identität durch Abgrenzung. Die Reviere sind klar gegliedert, die Kirche Jesu ist zergliedert und viele fragen sich: Die wollen Christen sein und streiten sich wegen jedem Ding?

Die ersten Christen in Jerusalem sagten nicht: So nun gehen wir nicht mehr in den Tempel, sondern sie gingen hin, auch wenn sie einiges anders verstanden. Weshalb wächst diese Gemeinde? Weil sich ihre Glieder nicht abgrenzen, abschotten, sondern hingehen: Signalisieren. Wir haben immer noch viel gemeinsam. Und in diesem gemeinsamen Leben, das sie nicht nur mit denen im inneren Zirkel teilen, wird für die anderen die Freude erfahrbar, die ein Leben mit Christus bringt. Durch diese Offenheit, durch den Verzicht auf die permanente Abgrenzung ist der Topfdeckel geöffnet und der verführerische Wohlgeruch dringt nach außen.

5. Impuls: Ehrliche Freude

Friedrich Nietzsche, der große kritische Philosoph des letzten Jahrhunderts, sagte über die Christen, daß er ihnen ja schon glauben würde, wenn sie erlöster aussehen würden. Erlöst sahen sie nicht aus, eher angestrengt.

Die ersten Christen in Jerusalem haben ihre Freude nicht verborgen und das war ansteckend. Das Abendmahl war bei ihnen keine todernste Sache, sondern eine fröhliche Angelegenheit. Es war kein Büßermahl, das man nur im schwarzen Anzug nehmen konnte, sondern Vorgeschmack des Himmels, vom Fest, das Gott bereithält.

Im Abendland - Gottesdienste in Afrika - sind z.B. ganz anders - ist christliche Religion zur ernsten Angelegenheit geworden.

Ich möchte das an einem Beispiel erklären. Die Gebetshaltung der Juden und der ersten Christen waren die nach oben erhobenen Hände. Der Mensch ist offen, aufgerichtet und nach oben ausgerichtet. Seine Arme sind wie ein Kelch und zeigen, daß man empfangen möchte. Mit dieser Gebetshaltung kann man sich auch freuen und kann jubeln. Siehe die Dortmunder Südkurve!

Im Abendland hat sich stattdessen die Gebetshaltung der gefalteten Hände eingerichtet. Die kommt, so weit ich weiß, aus der Ergebung des Schwächeren vor dem Stärkeren. Ich falte die Hände, ich ergebe mich, du kannst mich fesseln, du bist stärker.

Das ist nun eher nicht so fröhlich. Und zu den gefalteten Händen legt sich auch meistens noch die Stirn dazu und mit jubeln ist es dann nicht so weit.

Die ersten Christen hatten auch nicht immer Grund zum Jubeln. Die werden bei Beerdigungen laut geklagt haben, weil es ihnen auch weh tat. Die haben auf Knien gelegen und gebetet, später, als sie verfolgt wurden, aber sie haben, wenn die Freude da war, sie auch gezeigt und das hat ansteckend und authentisch gewirkt.

So, jetzt schlag ich das Familienalbum zu und hoffe, daß Gottes Geist uns verändert, seine Impulse lebendig werden in uns, in unsrem Leben als Gemeinde.

Amen..

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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