Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis

Apostelgeschichte 9, 1-20

Liebe Gemeinde,

wissen Sie eigentlich, was der größte Fehler der DDR-Regierung war? Was die Regierung nicht hätte tun sollen, wenn sie ihren Arbeiter- und Bauernstaat noch länger hätte erhalten wollen. Ich sag's ihnen: Der größte Fehler der DDR waren ihre Autobahnen. Ich meine nicht die Tremolo-Qualität des Fahrbahnbelags, die einem regelmäßig alle Plomben aus den Zähnen heraustrieb. Das konnte man noch hinnehmen. Nein, der größte Fehler der DDR und damit ihrer Autobahnen war, daß man dort wenden konnte. Richtig wenden. Da gab es offene Mittelstreifen, dort durfte man nach links blinken und auf der anderen Seite in 180 Grad veränderter Richtung weiterfahren. Das hätten sie nicht tun sollen. Ich bin sicher - und vertrete diese historische These mit aller Vehemenz: Die Sehnsucht nach der Wende wurde beim Wenden geweckt.

Bei uns im Westen schon immer und nun im vereinigten Deutschland für immer kann man nur geradeaus fahren. Wenden ist nicht erlaubt, es gibt keine offenen Mittelstreifen, es gibt nur Punkte in Flensburg. Auch erlaubterweise ist es schwer. Versuchen sie mal auf dem Frankfurter Kreuz zu wenden. Von Basel in Richtung Basel zurück. Wenn Sie nicht ungeheuer aufpassen, dann verfransen Sie sich und landen im Parkhaus des Frankfurter Flughafens und dort wird man Sie drei Wochen später verzweifelt und verdurstet auffinden. Kein Scherz, was glauben Sie, warum die Parkhäuser dort so groß sind! Mal im Ernst. Eine wirkliche Lebenswende ist bei uns ungeheuer schwer. Man ist festgelegt, wie auf der Autobahn, es geht immer weiter geradeaus. Irgendwann tanken und dann wieder geradeaus. Die sprichwörtliche Wende vom Saulus zum Paulus kann keiner sich erlauben. Darum geht es heute: Schauen wir uns diese Lebenswende doch einfach einmal an.

9,1 (a) (b) Saulus aber (c) schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester 9,2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe. 9,3 aAls er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; 9,4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? 9,5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 9,6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. 9,7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden. 9,8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; 9,9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.

9,10 Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. 9,11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet 9,12 und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde. 9,13 Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wieviel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; 9,14 und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangenzunehmen, die deinen Namen anrufen. 9,15 Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, daß er meinen Namen trage (a) vor Heiden und (b) (c) vor Könige und vor das Volk Israel. 9,16 Ich will ihm zeigen, wieviel er leiden muß um meines Namens willen. (a) 9,17 Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, daß du wieder sehend und mit dem heiligen Geist erfüllt werdest. 9,18 Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließsich taufen 9,19 und nahm Speise zu sich und stärkte sich. Saulus in Damaskus und Jerusalem Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus. 9,20 Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, daß dieser Gottes Sohn sei.

Vom Saulus zum Paulus. Da werden Sie zustimmen: Das ist die klassische Lebenswende. 180-Grad. Von nun an in eine ganze andere Richtung. Vorher war er der Christenverfolger. Engagierter jüdischer Pharisäer, der sich zum Ziel gesetzt hat, wo auch immer, diese verrückten und gefährlichen Christen zu vernichten. Und nun engagierter christlicher Missionar, der sich zum Ziel gesetzt hat, wo auch immer, den Menschen von Christus zu erzählen, daß er die wirkliche Liebe Gottes ist. Das waren wirklich 180-Grad. Zweifellos. Doch was hat das mit uns zu tun? Um dem auf die Spur zu kommen, möchte ich drei Fragen stellen.

Muß das bei mir auch so sein? Wo befinde ich mich eigentlich jetzt? Was ist Basis und Ziel dieses neuen Lebens?

Muß das bei mir auch so sein?

Das ist die erste spannende Frage, die sich an unsere Geschichte anschließt. Muß das bei mir auch so sein? Muß ich auch eine 180-Grad-Lebenswende vollziehen? Ist es das, was Gott von mir verlangt? Ja, um Himmels willen, was soll ich denn tun. Was soll denn bei mir alles so verkehrt sein? Bei mir gibt es doch keinen Grund, vom Saulus zum Paulus zu werden? Das ist doch zu radikal! Diese Reaktion kann ich gut verstehen. Es ist eine verständliche Abwehr. Man versteht den Satz: Gott möchte Dein Leben verändern als Vorwurf: Nichts mache ich wohl richtig. Gott muß an allem herummäkeln. Permanent wird mir in der Kirche Schuld unterstellt, ich soll meine Fehler -- was sind die eigentlich -- einsehen, Schuld bekennen und was noch alles. Gott soll mein Leben verändern! Gut, es gibt sicher ein paar Bereiche, da wäre es gut, daß er mich verändert. Aber alles und 180-Grad? Das ist die Kernfrage: Ist die 180o -Lebenswende, die Saulus zum Paulus gemacht hat, etwas, das man als Standard für die persönliche Lebensgeschichte eines jeden Christen annehmen muß? Bedeutet Christ-Werden in jedem Fall eine solche 180o Lebenswende oder geht es auch billiger? Ist es bei den einen eher eine kleine Kurskorrektur, die man auch von Silvester auf Neujahr unter dem Stichwort, gute Vorsätze für's Neue, mit verbuchen kann. Oder ist es so wie eine Diät, die mich innerhalb von 5-6 Wochen aller meiner Fett-Sünden entledigt, so wie die Bilder in Illustrierten verheißen. Sie spüren, schon, daß es das nicht ist.

Ich bleibe also dabei. Christ-Werden bedeutet in jedem Fall eine 180 Grad-Lebenswende. Es geht dabei nicht um moralinsaure Vorwürfe, daß ich bisher alles falsch gemacht habe und von nun an alles richtig mache, aber es geht darum, daß mein Leben ein neues Fundament, eine neue Basis bekommt, eine neue Ausrichtung, eine neue Zielrichtung.

Wer eine Zielrichtung bestimmen will, der muß als erstes den Standort bestimmen, sonst kann es keine Navigation geben. Deshalb jetzt die zweite Frage.

Wo befinde ich mich eigentlich jetzt?

Ihre Reaktion auf den Satz: "Gott möchte dein Leben verändern", könnte sein: "Ich bin doch schon Christ. Ich bin so erzogen. Das sind mir wichtige Werte. Ich habe mich entschlossen, Christ zu sein. Was willst du denn noch? Soll ich mich nun nochmal und nochmal und nochmal drehen? Das kann doch nicht sein?" Oder ihre Reaktion auf den Satz könnte sein. "Ich bin zwar kein Christ, aber das finde ich unverschämt, arrogant und überhaupt nicht hilfreich. Hilfreicher wäre konkrete Lebenshilfe, wie ich von einigen meiner Fehler und Macken loskomme, weil die mich ärgern. Aber von 180-Grad-Lebenswende will ich nichts hören."

Zwei Standortbestimmungen: Ich möchte versuchen, auf beide Standortbestimungen zu antworten. Auf das erste. Ich bin schon Christ...

Gut so. Aber die Stichfrage lautet jetzt. Ist das Christsein das Herzzentrum Ihres Lebens? Das Herz pumpt Blut in alle Lebensbereiche hinein. Wenn es das nicht tut, sind Gliedmaßen schon abgestorben, oder es ist ein Herzfehler da. Vielleicht sagen Sie: Ich bin Christ, aber ich fühle das eher nicht. Viele Bereiche meines Lebens sind davon nicht betroffen. Ich wünsche mir, mehr Freude und Spaß, mehr, daß Christsein mein Leben durchdringt. Ich wünsche mir eine Herzmassage, eine Reanimation meiner Beziehung zu Christus und daß das Herz wieder Blut in alle meine Lebensbereiche hineinpumpt. Nochmal eine Stichfrage. Sind Sie Christ? Finden Sie ihr Leben als Christ langweilig? Ja, dann ist solch eine Reanimation von Nöten und ein persönliches Gespräch mit einem Menschen Ihres Vertrauens auch. Wenn Christsein langweilig ist, dann pumpt das Herz nicht richtig. Und hören Sie bitte weiter zu. Die Reanimation ist dem, was mit Paulus passiert ist, ziemlich ähnlich.

Oder Sie bezeichnen sich nicht als Christ. Und Sie empfinden es, gelinde gesagt, als eine Frechheit, wenn ich behaupte, daß Sie Ihr Leben um 180 Grad verändern sollen? Ich habe nicht das Recht, an Ihrem Leben herum zu mäklen. Ich habe selbst genug mit mir zu tun. Aber ich möchte Sie fragen. Gibt es Teilbereiche in Ihrem Leben, wo sie sich wünschen, daß sich etwas verändert? Lebensbereiche, wo Sie spüren: Da kann es nicht so weitergehen, da möchte ich, daß mein Leben sich verändert.

Ich nenne ein paar Beispiele. Ein solcher Teilbereich könnte der Umgang mit den eigenen Kindern sein, dann wenn sie klein sind. Manchmal geht es einem so: Die eigenen Kinder nehmen einem viel Kraft und Nerven und man jagt und plagt sich nur noch so durch den Alltag. Aus Liebe und Freude an den Kindern ist Kampf und Genervtsein geworden. Ein anderer Lebensbereich. Der Umgang mit den eigenen Kindern, wenn sie groß sind. Vor einigen Wochen habe ich es erlebt. Altengeburtstag, aber außer den Alten war niemand da. Ein unglücklicher Tag, sagten sie. Wegen Erbstreitigkeiten lassen uns unsere Kinder einfach links liegen. Ein dritter Lebensbereich. Die Partnerschaft, die Ehe. Vielleicht geht es ihnen so: Wir streiten uns in letzter Zeit immer mehr und reden immer weniger miteinander. Wenn nicht da bald etwas geschieht, gibt es bald einen Riesenschlag.

Genug mit der zweiten Frage der Standortbestimmung. Stimmen Sie mir zu? Mit kleinen Kurskorrekturen ist es nicht getan. Es geht nicht darum etwas an sich zu verändern, sondern das ganze Lebensgefährt muß immer wieder neu ausgerichtet werden. Es geht nicht darum, ethisch (noch) ein bißchen besser zu werden, sondern um die Grundrichtung, um die Grundbeziehung zu Gott. Ob Christsein das Herzzentrum meines Lebens ist und das Blut der Liebe Gottes in alle Lebensbereiche hineinpumpen kann.

Und wie kann das aussehen: Frage Nr. 3:

Was ist Basis und Ziel dieses neuen Lebens?

Schauen wir doch einmal auf Saulus/Paulus. Was hat sich für ihn geändert? Was waren die Kernbereiche seiner Veränderung? Vielleicht trifft das auch auf uns zu: Das erste: Paulus gewinnt eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus. "Ich bin Jesus, den du verfolgst". So spricht Jesus ihn an. Und das ganze Leben von Paulus wird davon verändert. In den ganzen spannenden Streitigkeiten seines Lebens ist ihm das später immer wieder ein Halt: Christus hat mich angesprochen und berufen. Christsein ist nicht die Beziehung zu einer Ethik, daß ich bestimmte Regeln des Zusammenlebens wichtig finde. Christsein ist nicht die Beziehung zu einer Kultur, daß mich christliche Kunstgeschichte und Musik fasziniert. Christsein ist die Beziehung zu Christus. Das ist die Basis.

Und das zweite: Paulus gewinnt liebevolle Gemeinschaft mit anderen Christen. Die Lichtvision, die Paulus vor den Toren von Damaskus hatte, war niederschmetternd und blendend. Paulus kann das erst für wahrhalten und akzeptieren, als ein Christ, Hananias ihn besucht, ihm die Hände auflegt, ihn segnet. Christsein ist Gemeinschaftssache. Man kann es nicht allein. Es ist ein Miteinander. Ich halte es für unbedingt nötig, daß jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin eine Gemeinschaft von Menschen um sich weiß, von denen er oder sie weiß: Die tragen mich.

Keiner kann das allein. Paulus ist später viel allein gewesen, aber hier liegt die Kraft. Er spürt eine tragende und liebevolle Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die Hürden und Ängste überwindet, denn Hananias hatte Angst vor Saulus, der war ja gekommen um ihn einzukerkern. Und jetzt segnet er ihn.

Und das dritte: Paulus bekommt einen neuen Auftrag. Er soll Gottes Liebe in die Welt tragen. Und das tut er auch. Und wissen Sie, was dabei durchscheint: Gott liebt Persönlichkeiten. Die ganze Lebensenergie, die Reiselust, der Einsatzwille, alles was den alten Saulus vorher schon geprägt hat, wird eingesetzt. Gott transformiert die persönlichen Kräfte zu einem neuen Ziel. Paulus bekommt einen Auftrag, eine Lebensaufgabe, für die einzusetzen sich lohnt.

Die lebendige Beziehung zu Christus, eine liebevolle Gemeinschaft mit anderen Christen und ein meiner Persönlichkeit entsprechender Auftrag für mein Leben. Das ist Christsein. Finden Sie das zu hoch? Liegt die Latte zu weit oben? Dann erlauben Sie mir noch einen Schlußsatz.

Kennen Sie den Unterschied zwischen brutto und netto? Bei Gehaltszetteln muß ich immer wieder sehen, was brutto ist, und was netto. Ganz Einfach: Brutto ist alles inklusive. Und jetzt denken Sie vielleicht. Ja, was müßte ich nicht alles verändern, damit Gott mich liebhat. Damit ich mir seiner Liebe sicher sein, müßte ich wohl zuerst das und das, und dürfte nicht mehr dies und jenes. Vergessen Sie das. Gott liebt Sie brutto. Nicht erst netto, nach Abzug aller Ungereimtheiten, sondern brutto, mit allen Fehlern, mit allen Ängsten, mit allem, was schief läuft. So wie der Hananias zu dem Paulus geht, obwohl doch noch gar nicht klar ist, was der mit ihm macht. Gott liebt nicht netto, sondern brutto. Alles inklusive. Und das ist die gute Basis, auf der sich alles verändern kann. Du mußt diese Lebensveränderung nicht allein bewerkstelligen, bevor du seine Liebe spüren kannst. Nein, die Brutto-Liebe ist die Grundlage des Neuanfangs.

Amen.

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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