Predigtreihe. Das Leben verändern, aber wie ?

Epheser 4, 22-32

Teil 1 (Grundsätzliches) am 11. Oktober 1998. Das hier.

Teil 2 (Praktisches) am 18. Oktober 1998

"Ich hab‘ erkannt, daß sich in meinem Leben einiges ändern muß!" Liebe Gemeinde, wenn das jemand sagt, dann vermuten wir Schlimmes. Wenn das ein Mensch sagt, dann muß es doch weit gekommen sein. Zu viel Alkohol vielleicht, zu viel Streit mit der eigenen Frau, zu viel Arbeit, keine Zeit mehr. Der Stress macht zu schaffen, keine Entspannung ist in Sicht.

Wenn das ein Mensch sagt: "Ich hab erkannt, daß sich in meinem Leben einiges ändern muß", dann vermuten wir wahrscheinlich zu recht, daß dieser Mensch schon jenseits der Schmerzgrenze gelandet ist. Er oder sie hat es schon längst übertrieben. Zu sehr sind die schlechten Gewohnheiten in Fleisch und Blut übergegangen, und was in Fleisch und Blut übergegangen ist, das läßt eben nicht abends so leicht ausziehen wie ein verschwitztes Hemd.

Aber Sie wissen genauso gut wie ich, daß der Wunsch nach einer tiefgreifenden Veränderung erst dann ernst genommen wird, wenn es anders nicht mehr weitergeht. Vorher heißt die Devise immer noch: "Weiter so! Was bisher gut gegangen ist, geht auch morgen noch gut. Den Alkohol hab ich im Griff, die Arbeit macht mir doch Spaß und der Streit ist bis jetzt doch noch immer beigelegt worden." Sagen wir und denken: Nein, Veränderung ist noch nicht nötig.

Ich weiß nicht, ob Sie noch Heinrich Albertz kennen. Heinrich Albertz war Pfarrer und Ende der 60er Jahre regierender Bürgermeister von Berlin. Heinrich Albertz ist schon recht bald nach seiner Pensionierung in ein Altenheim eingezogen. Das war noch gar nicht nötig, er konnte durchaus noch in seinem Haus leben und alles erledigen. Aber Heinrich Albertz sagte: "Ich muß die Schritte, die irgendwann nötig sind, früher gehen, als zu dem Zeitpunkt, wenn es gar nicht mehr anders geht." Ich empfand diese Einstellung als Spiegelbild einer großen Lebensweisheit. Dadurch bewahrt man sich Freiheit und die Möglichkeit, noch gestalten zu können. Wird die Grenze überschritten, dann wird über einen nur noch bestimmt. Und das ist nicht nur in dieser Sachfrage so.

Und, liebe Gemeinde, ich verrate Ihnen kein großes Geheimnis, wenn ich Ihnen sage: Das machen viele Menschen mit Gott genauso. Neulich wurde ich zu einem Besuch gebeten, weil jemand schwer krank war. Ich wußte die Adresse nicht genau und fragte mich durch: Der Nachbar sah mich erschrocken an und sagte nur: "Oh, ist es schon so schlimm?" Man will mit der Kirche, mit dem Pfarrer und mit Gott erst zu tun haben, wenn es von alleine nicht mehr geht.

Jetzt habe ich mich so auf die Seite Gottes gestellt. Ich verrate Ihnen ebenfalls kein großes Geheimnis, wenn ich Ihnen gestehe: Ich mach es selbst nicht anders. Auch ich treib es auf die Spitze und denke. Gott wenn’s brenzlig wird, dann kann ich Dich ja immer noch erreichen. Gott ist dann so etwas wie ein ABS-System, das wir in Notfällen aktivieren können, wenn wir ins Schleudern kommen.

Und Gott läßt das mit sich machen, liebe Gemeinde, aber ich verrate Ihnen nocheinmal kein Geheimnis, wenn ich sage: Wir verschenken uns etwas dabei. Gott ist zwar kein Gott, der hämisch und besserwisserisch sagt: Wärst du mal rechtzeitig gekommen, so wie ein Arzt zuweilen sagt: Tja, wären Sie schon letzte Woche gekommen, dann hätte ich noch... Aber uns entgeht die Möglichkeit, die Dinge unseres Lebens mit Weisheit und Klarheit zu leben.

Ich möchte heute und am nächsten Sonntag über den ein und selben Predigttext predigen. Es geht dabei um das Thema, wie wir uns zu Christen und als Christen verändern können zum Guten hin. Wie wir mit ins Fleisch und Blut übergegangen Gewohnheiten brechen können. Heute möchte ich es etwas grundsätzlich besprechen und angehen und in der nächsten Woche ganz praktisch. Es lohnt sich, dann wieder zu kommen.

 

Predigttext

Eph 4,22-32

22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.

23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn

24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

25 Darum legt die Lüge ab und [a ] redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.

26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; laßt die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen,

27 und gebt nicht Raum dem Teufel.

28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.

29 Laßt kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.

30 Und betrübt nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.

31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. [a ]

32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Sie merken hier wird’s grundsätzlich und es wird ganz praktisch. Heute grundsätzlich und nächste Woche praktisch. Beides ist aber wichtig.

Grundsätzlich heute die Frage: Wie kann es in meinem Leben zu Veränderungen kommen? Wir haben schon darüber nachgedacht, daß immer schwerer wird, je länger wir damit warten. Aber angenommen, wir wollen es, wie kann es gehen?

Liegt das Problem nicht darin, daß die wesentlichen Veränderungen Bereiche unseres Lebens betreffen, die uns in Fleisch und Blut übergegangen sind und die wir – ich sagte es schon – eben nicht ablegen können wie ein verschwitztes Hemd?

 

Vier kurze Punkte

Veränderung ist Verstandessache

Veränderung ist Willenssache

Veränderung ist Herzensache

Veränderung ist Gottes Sache

 

Veränderung ist Verstandessache

Gott hat uns unseren Kopf nicht nur gegeben, damit Friseure ihr Auskommen haben, sondern auch damit wir über die Dinge in unserem Leben nachdenken! Viele Leute denken über ihre Steuererklärung nach, denken über die geplante Kücheneinrichtung nach, denken aber nicht nach, warum sie kaum noch dazu kommen, mit der Ehefrau oder dem Ehemann in Ruhe zu reden. Bei kurzem Nachdenken würde man darauf kommen, daß man vielleicht deshalb miteinander so selten redet, weil der Fernseher die ganze Zeit läuft.

In vielen Bereichen unseres Lebens klärt sich vieles, was Veränderung braucht, durch Nachdenken! Das ist ein erster wesentlicher Schritt. Es klingt vielleicht selbstverständlich, aber das ist es nicht. Viele Menschen ergeben sich in ihr Schicksal und sind nicht bereit darüber nachzudenken.

Eine gute Form des Nachdenkens ist das Gespräch. Miteinander ehrlich reden. Liebevolle, gute, seelsorgerliche Gespräche können vieles aufdecken. Und ganz unspektakulär ergibt sich Veränderung, weil wir anfangen, nachzudenken.

Veränderung ist Willenssache

Nachdenken allein ist es aber noch nicht. Die Veränderung muß im Leben dann auch gewollt werden. Wenn jemand nicht will, dann kann ihm auch nicht geholfen werden. Jesus selbst hat immer wieder Menschen gefragt: Willst du gesund werden? So selbstverständlich ist das nicht, denn es gibt Menschen, die lieben ihre Krankheit. Von was würden die sonst reden können, als von ihren Krankheitsgeschichten! Der Wille nach Veränderung muß da sein. Der Wille nach Therapie muß da sein, sonst braucht man gar nicht anzufangen.

Sie empfinden das als selbstverständlich oder banal? Nein, Gott macht Veränderung unseres Lebens nicht an unserem Verstand, nicht an unserem Willen vorbei. Diese beiden wesentlichen Kräfte müssen in den Veränderungsprozeß in unserem Leben einbezogen werden. Heinrich Albertz hat damals darüber nachgedacht, wie es denn einmal sein soll in seinem Alter. Und dann hat er diesen Schritt auch gewollt. Ohne das geht es nicht.

Veränderung ist Herzensache

Aber neben Verstand und Willen sind es doch Gefühle, die uns bestimmen. Gefühle, das was uns unser Herz, oder besser unser Bauch sagt. Die Gefühle markieren für viele Menschen eine Schmerzgrenze über die sie nicht hinausgehen wollen. Wenn die Chemie nicht stimmt, wenn die Gefühle flau im Magen liegen und grummeln, dann geht es eben nicht.

Reinhold Ruthe, ein Familien- und Eheberater, den ich sehr schätze, hat einiges zum Thema der Gefühle geschrieben. Und er nimmt in seinen Büchern den Gefühlen die Allmacht, die sie über uns zu haben scheinen. Gefühle sind Fleisch und Blut gewordenen Gedanken. Gefühle sind in die Biochemie unseres Wesens übergegangene Gedanken, die wir einfach immer wieder gedacht haben, bis wir denken: Das ist eine Wahrheit, an der komme ich nicht vorbei.

Wenn jemand das Gefühl hat, sich nicht aus dem Haus zu trauen, weil ihn oder sie niemand mag, dann steht dahinter der Gedanke, der sich verfestigt hat: "Mich kann ja doch niemand leiden." Gefühle verlieren ihre Allmacht über uns, wenn wir sie als Gedanken ertappen und ergreifen.

Veränderung ist Gottes Sache

Zuletzt ist Veränderung Gottes Sache. Es ist der Heilige Geist, der in unser Herz kommt und Veränderung möglich macht. In unserem Denken, in unserem Wollen, in unseren Gefühlen. Da kommt es darauf an, daß wir uns auf–machen lassen für das Wirken dieses Geistes.

Und wie das ganz konkret und praktisch werden kann, das erfahren Sie nächste Woche hier an dieser Stelle. Da geht es um unsere Laster: Um unsere ganz private Spedition, die wir gesammelt haben. Lüge und Zorn, Schlecht-Hinterherreden und Habgier. All das, was unsere Persönlichkeit so prägt. Und da geht es ans Eingemachte.

Gottes Veränderung geht in all diese Bereiche hinein. Aber immer tut uns seine Liebe gut.

Amen.

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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