Predigtreihe. Das Leben verändern, aber wie ?

Epheser 4, 22-32

Teil 1 (Grundsätzliches) am 11. Oktober 1998

Teil 2 (Praktisches) am 18. Oktober 1998.

"Ich hab‘ erkannt, daß sich in meinem Leben einiges ändern muß!" Letzte Woche haben wir mit diesem Thema angefangen. Wenn Sie nicht da waren, was Sie und ich sicher sehr bedauern, dann kann ich Ihnen weiterhelfen, wenn ich Ihnen kurz verrate, was Sie verpaßt haben: Veränderung im Leben ist immer wieder nötig. Und schwierig. Jetzt in der Politik sehen wir es. Von Veränderung zu reden, ist eines. Es wirklich auch zu tun, ist eine andere Sache.

Wichtig war, daß man Veränderungen rechtzeitig angeht. Wenn man etwas anbrennen läßt – das weiß jeder, der schon einmal in der Küche gearbeitet hat, hat man viel Arbeit, die Töpfe zu reinigen. Aber in Gelassenheit und rechtzeitig ändern die meisten nichts. Erst wenn’s brenzlig wird. Aber nun gut.

Wir haben weiter festgehalten, daß Veränderung ein Geschenk Gottes an uns ist. Sie erreicht uns in allen Lebensbezügen. Deshalb ist Veränderung immer und gleichzeitig:

Verstandessache

Willenssache

Herzensache

Gottes Sache ist sie natürlich auch. Aber mit uns! Mit unserem Engagement. Gegen uns tut Gott nichts.

Grundlage für unser Nachdenken waren gewichtige, grundsätzliche und praktische Worte des Apostels im Brief an die Epheser. Es tut uns gut, darauf zu hören:

Predigttext

Eph 4,22-32

22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.

23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn

24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.

26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; laßt die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen,

27 und gebt nicht Raum dem Teufel.

28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.

29 Laßt kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.

30 Und betrübt nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.

31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.

32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Die Überlegungen der letzten Woche waren eher grundsätzlicher Natur. Heute geht es um praktische Fragen. Eigentlich ist das eine ganze Spedition. Von so vielen Lastern ist hier die Rede. Die Theologen nennt so etwas auch moralisch "Lasterkatalog", aber man kann es auch anders sehen:

In unserer Schule waren wir als Schüler im Chemielabor immer fasziniert vom Giftschrank in der Ecke. Da standen seit Jahrzehnten schon – es war ein alter Raum so ähnlich wie in Heinz Rühmanns "Feuerzangenbowle" – geheimnisvolle Flaschen mit gefährlichen Totenkopfsymbolen darauf. Giftige chemische Substanzen. Welcher anständige Chemieschüler hat nie davon geträumt, die dem gefürchteten Lehrer in den Kaffee einzuflößen? Als Strafe für viele organische und anorganische Formeln!?

Aber so ähnlich sehe ich das hier auch. Das ist kein Moralkatalog, aus dem mit erhobenem Zeigefinger zitiert wird: "Willst du fromm und gläubig sein, dann laß mal schön das Stehlen sein..." Nein, das ist eher ein Giftschrank, mit Substanzen, die uns vergiften. Und es gibt – Krimileser wissen das – Gifte, die spürt und schmeckt man nicht, die wirken nicht sofort, aber nachhaltig und gefährlich und irgendwann dann tödlich.

Aber in jedem gut geführten Chemielabor gibt es für den Ernstfall auch Gegengifte, ein Antiserum, ein Antidot gegen das Gift. Und diese Gegengifte, diese Heilmittel werden uns hier auch nicht vorenthalten.

Das ist Veränderung, das ist Heilwerden, Gesundwerden in den Bereichen unseres Lebens, wenn das Gift aus dem Körper kommt und die Belastung sinkt.

Veränderung ganz praktisch.

Das Gift der Lüge und der üblen Nachrede

Jesus hat seinen Gegnern, die ihm vorgeworfen hatten, daß er die Speisegebote nicht richtig einhält entgegengehalten: "Was zum Mund hineingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein." Mt 15,11

Krass gesagt: In das entscheidende Mordwerkzeug der Weltgeschichte stecken Sie jeden Morgen und jeden Abend Ihre Zahnbürste. Das meiste Leid, das Menschen aushalten müssen, wird nicht durch Hände oder durch Waffen zugefügt, sondern durch den Mund. Das ist meine These, die ich bis auf Gegenbeweise erst einmal hochhalte.

Es kann mich fertigmachen, was andere mir oder über mich sagen. Schlimmer ist es immer noch, wenn ich es hinten herum erfahre. Und wenn das in einer christlichen Gemeinde so ist, dann kann die Mühe von Jahren umsonst sein, dann wird alles unglaubwürdig und verkommt zur verlogenen Show.

Wenn wir über andere Menschen herziehen, kann man das in ganz seriösen Tönen tun, ganz dezent. Aber wenn wir andere fertigmachen, dann ist das immer ein Hilfeschrei! Wir stellen andere in ein dunkles Licht, um selbst zu glänzen. Wir machen die Leistung von anderen herab, damit man uns endlich würdigt.

Liebe Freunde, das ist ein Gift. Egal für wen. Für den Menschen, der über andere herzieht genauso wie für den, der es erfährt. Das, was wir mit unserem Mund machen, kann pures Gift sein. Und Gift und Mund verträgt sich nicht, das ist zu gefährlich.

Da hilft nur, den Mund mit Gutem zu füllen. Redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören. Eine Untersuchung hat herausgefunden, daß in christlichen Gemeinden, wo die Menschen gerne kommen, viel gelobt wird. Das ist keine Lobhudelei; keine Angst. Wir Deutschen kritisieren sehr, wenn zuviel gelobt wird. Aber es ist so. Wenn Lob und Kritik im Verhältnis von 9:1 stehen, dann wird man gerne da sein. Bei uns ist das Verhältnis noch anders.

Das wird nur anders, wenn wir Gott loben, ihm danken für die Fülle des Lebens und er uns lobt: Du bist mein Kind. Es ist gut so. Ich steh zu dir. Dann verändert sich auch unser Reden!

Das Gift des Zorns

26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; laßt die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.

Liebe Gemeinde. Ich kann so richtig jähzornig sein. Das glauben Sie mir nicht? Das glaubt man bei den meisten Menschen nicht, die das können. Das gehört zum Bild.

Und ich bin froh, daß dieses Wort so in der Bibel steht. Laßt die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. Ich bin froh über dieses Wort, weil es meinen Zorn erst einmal feststellt und stehen läßt. Es sagt nicht: Na, du darfst aber nicht zornig sein, wie kannst du nur, sondern läßt den Zorn, der ja oft einen guten Grund hat, zu!

Aber nun bietet dieses Wort als Antwort auf den Zorn zuerst einmal eine Abgrenzung. Ja, ok! Du hast jetzt Wut, aber sieh zu, daß Du nicht mit Deiner Wut schlafen gehst.

Wer mit Zorn und Wut ins Bett geht, sich gar im Streit nebeneinander ins Ehebett legt, der wird schlecht oder überhaupt nicht einschlafen, der wird am nächsten Morgen gerädert mit den unversöhnten Gedanken aufwachen, und möglicherweise bei der nächsten Gelegenheit, spätestens beim Frühstück die Neuauflage des Streites suchen.

Erkenntnisse der Tiefenpsychologie, sind hier schon vorweg genommen. In der Nacht schläft unsere Seele nicht, in der Nacht verarbeiten wir viel, aber Lebenslösungen können da nicht entstehen.

Und dann heißt es kurz und knapp: und gebt nicht Raum dem Teufel. Wir haben in einem Kreis darüber gesprochen, wer oder was, mit dem Teufel hier gemeint ist. Das spüren wir, wenn wir uns im Zorn manchmal nicht wieder erkennen. Wenn der Zorn zum dauerhaften Groll wird, der einen begleitet, der einen nie ganz aus der Umklammerung läßt. Wenn uns eine innere Unruhe umtreibt, mit Gedanken wie: Das kannst Du Dir nicht gefallen lassen. Das kannst Du Dir nicht bieten lassen, dann spüren wir förmlich, wie die negative Kraft in uns immer mehr Raum gewinnt.

Das Wort sagt: Du kannst diesen Gedanken einen Raum einräumen oder eben nicht. Du kannst Deine Gedanken auch mit Gutem füllen. Ein Bibelwort meditieren, ein Lied von Paul Gerhardt auswendig lernen und vor dich hersummen. Das wird eine praktische, spürbare Veränderung in deinem Leben bewirken!

Ich komme zum letzten Abschnitt:

Das Gift der Habgier

28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.

"Na also, Herr Pfarrer, nun bleiben Sie aber mal realistisch. Diebe sind wir doch nun keine. Das zu behaupten, wäre doch nun wirklich etwas dreist." Das stimmt. Diebe sind Sie sicher nicht. Und Sie werden sicher bei der Kollekte alle etwas einlegen und nichts herausnehmen, da bin ich mir ganz sicher. Aber potentielle Diebe sind wir alle. Und Steuererklärungen füllen wir fast auch alle aus. Und ich gebe zu: Die Versuchung ist genauso groß, wie bei lila Schokolade.

Ich ertappe mich immer wieder dabei, so etwas zu denken wie: Das kann doch nicht sein, daß Familienväter mit drei Kindern so viel Steuern bezahlen müssen, so wie ich. Es müßte doch einen Robin Hood geben, der die vielen armen und entrechteten Familienväter mit drei Kindern mit all den Geldern beschenkt, die in die Steuerschlüpflöcher der letzten Jahre geflossen sind.

Die gelindeste Form von Habgier ist die permanente, schleichende Unzufriedenheit und das ist ein Gift! Es wird schlimmer mit dem Neid auf die, die mehr haben, es endet in Steuerlügen und Betrug, aber nein; das tun wir ja nicht. Aber spüren Sie es auch? Unzufriedenheit über den Besitzstand, das kann ein Gift sein, das mich zerfrißt und nicht ruhig schlafen läßt.

Und nun gibt es Menschen, die haben es wirklich nötig. Bei mir ist das ein Luxusproblem. Was sage ich denn Flüchtlingen aus Albanien, die an der italienschen Küste ankommen und das Glück suchen? Die würden ja gerne das Gut mit den eigenen Händen erarbeiten. An Menschen, die wirklich in Not sind, entdecke ich, daß meine Unzufriedenheit in Wirklichkeit eine große Undankbarkeit ist, die übersieht, wie sehr wir alle beschenkt sind.

Das Gegengift gegen die Habgier ist die Dankbarkeit. Fangen Sie einmal an, für alles zu danken, was Ihnen Gutes widerfährt. Und lassen Sie die "Ja, aber... – Sätze" sein. Es geht mir schon gut, aber... Diese Sätze sind auch Gift. Dankbarkeit, für das Leben, für das Essen, die Luft, die Menschen, die für mich da sind, auch wenn die manchmal nicht so einfach sind.

Drei Gifte habe ich aus dem Giftschrank geholt und hoffe, Ihnen Gegengifte genannt zu haben. Veränderung unseres Lebens, daß wir dieses neues Kleid anziehen, das vollzieht sich ganz praktisch in unserem Leben.

Basis dieser Veränderung ist Gottes Liebe, der uns brutto, mit unserem Fehlern liebt. Aufgrund dieser Basis kann Veränderung beginnen.

Amen.

Lied nach der Predigt: 240

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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