Herbststürme: Depression und frischer Wind Teil I

Zum zweiten Gottesdienst mit der Predigt über 1. Kön. 19

Vorspiel: Orgel

zur Gemeinde: Begrüßung

Ein jegliches hat seine Zeit,

und alles Vorhaben unter

dem Himmel hat seine Stunde:

geboren werden hat seine Zeit,

sterben hat seine Zeit;

pflanzen hat seine Zeit,

ausreißen, was gepflanzt ist,

hat seine Zeit;

weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;

klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;

Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Und jetzt ist Herbstzeit. Eine richtige Novemberwoche liegt hinter uns, mit Tagen, die nicht richtig hell wurden. Mit viel Grau. Vielleicht haben Sie es auch anders erlebt.

Herbststürme. Von der Depression und vom frischen Wind. Zwei Gottesdienste lang wollen wir darüber nachdenken.

Wir wollen darüber nachdenken, was das denn ist, und wie das ist, und warum das so ist, daß Menschen gerade in diesen Wochen so niedergedrückt und traurig sind.

Depression ist dabei die Beschreibung eines Krankheitszustandes. Und wenn jemand depressiv krank ist, gehört er in ärztliche Behandlung. Da kann man mit guten Worten allein nichts tun.

Aber oft sind wir an der Schwelle dazu, depressiv zu werden: Niedergeschlagen und mutlos und wissen gar nicht warum.

Was uns dann helfen kann, darum soll es heute und im nächsten Gottesdienst gehen.

Ich begrüße herzlich Irmela Brosk und Heike Göbel. Wir haben zusammen diese beiden Gottesdienste vorbereitet. Heike und Irmela werden nachher einführen in das Thema. Aber wir wollen auch viel singen. Lieder aus der Depression, aber auch Lieder, die uns aus der Depression heraushelfen, indem sie frischer Wind sind.

Lied zum Eingang: 161 Liebster Jesu, wir sind hier

Psalmlesung 69 (731)

  • G Ehr sei dem Vater ...
  • Eingangsgebet

    Daß du an uns festhältst,

    daß du uns festhältst,

    das wollen wir oft nicht begreifen.

    Zu vieles scheint dagegen zu sprechen.

    Die Lage in der Welt

    unsere persönliche Lage.

    Du kannst unseren Blick verändern.

    Zeig uns, daß unser Leben doch schon immer

    in deiner Hand ist,

    daß du es schützt, daß du es schon vor

    vielen Gefahren bewahrt hast,

    daß du schon so oft uns

    vor Schaden und Gefahr beschützt hast.

    In der Stille des Morgens beten wir

    miteinander und füreinander.

    Stille

    Amen.

    Vertrauenslied

    Einführung in das Thema Depression mit Beispielen (Heike und Irmela)

    Meine Hoffnung und meine Stärke

    Lieder gegen die Depression! Nicht nur Lieder mit der Depression.

    Schriftlesung Kolosser 3,12-17

    G Halleluja

    Lied vor der Predigt: 612 Fürchte dich nicht

    Predigt

    Text: Psalm 88

    HERR, Gott, mein Heiland, ich schreie Tag und Nacht vor dir.

    Laß mein Gebet vor dich kommen. Neige deine Ohren zu meinem Schreien.

    Denn meine Seele ist übervoll an Leiden und mein Leben ist nahe dem Tode.

    Liebe Gemeinde,

    ich habe Ihnen den Psalm 88 auf einem Blatt abgezogen. Psalm 88, ist wirklich kein Stoff für eine aufregende Predigt. Psalm 88, daraus kann man keinen Hollywood-Film drehen, denn Psalm 88 hat kein Happy-End.

    Auf das Ende kommen wir noch. Ein Happy- End, ein guter Ausgang, das wäre vielleicht gar nicht das Hilfreiche an einem Tag wie diesem, an einem Sonntag, an dem wir über den Herbst nachdenken und über Depressionen, in denen Menschen niedergedrückt werden.

    Aber Psalm 88, das kann ein Begleiter sein. Wie viele Psalmen in der Bibel. Ein Gebet, aber es ist gleichzeitig geprägt von Frömmigkeit und von Unsicherheit, von sicheren Gefühl, bei Gott zu sein, und von der Ungewißheit, ob er denn da ist.

    Ich schreie Tag und Nacht vor dir. Noch nicht einmal zu dir. Da spüren wir die Unsicherheit. Ob das Gebet denn ankommt? Wir spüren, wie groß die Unsicherheit ist und zugleich wie groß die Sehnsucht.

    Und wir spüren die Tiefe, in der dieser Mensch steckt und wie er es denkt und fürchtet: Da wo ich bin, in meiner Verfassung, wie soll sich Gott für mich interessieren?

    Und wie dieser Mensch sich fühlt, drückt sich in jeder Zeile aus. Und mit wem er sich vergleicht, das drückt er mit den nächsten Versen aus:

    Ich bin denen gleichgeachtet, die in die Grube fahren, ich bin wie ein Mann, der keine Kraft mehr hat.

    Ich liege unter den Toten verlassen, wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen,

    derer du nicht mehr gedenkst, und die von deiner Hand geschieden sind.

    Du hast mich hinunter in die Grube gelegt, in die Finsternis und Tiefe.

    Wir, liebe Gemeinde, halten es kaum aus, wenn ein Mensch, sagt, es geht ihm nicht gut. Auf die Frage: "Na, wie geht's denn?", erwarten wir mindestens ein "recht gut". Würde jemand sagen: Ach beschissen, mir geht's total schlecht, das würde uns aus dem Konzept bringen, das würde uns sprachlos machen. Wir verheimlichen unseren Zustand voreinander. Wir verstecken uns.

    Vor einigen Wochen stand in der Zeitung, daß der norwegische Premierminister wegen Depressionen sein Amt über Wochen hinweg nicht habe ausüben können. Hätte man bei uns nicht eine Lüge erfunden, eine Krankheit, wie Bronchitis oder eine Viruskrankheit? Es fällt uns schwer, damit umzugehen, es fällt schwer auf uns, es belastet uns.

    Es ist nicht leicht anzuhören, wenn ein Mensch sagt: "Mir geht's, ach ich glaub den Toten geht's besser... Die wissen wenigstens wo sie dran sind."

    Wir würden dann gerne ein Rezept haben, wie bei einer Krankheit. Du dann mach doch mal, dann nimm doch mal, dann geh doch mal zu... Aber all das hilft eher nicht.

    Wir versuchen abzulenken. Hören wir weiter auf den Psalm, der uns zeigt, wie es einem solchen Menschen geht:

    Dein Grimm drückt mich nieder, du bedrängst mich mit allen deinen Fluten.

    Meine Freunde hast du mir entfremdet, du hast mich ihnen zum Abscheu gemacht. Ich liege gefangen und kann nicht heraus,

    mein Auge sehnt sich aus dem Elend. HERR ich rufe zu dir täglich; ich breite meine Hände aus zu dir.

    Niedergedrückt, depressed, depressio, Depression. Das ist das Wort wörtlich. Andere Begriffe für die Sache helfen es auch zu sagen: Melancholie (schwarze Galle) oder Schwermut.

    Wer niedergedrückt wird, weiß ja noch um seine Kraft, aber kann nicht gegen die stärkere Kraft angehen.

    Und der nächste Vers beschreibt das Phänomen der Vereinsamung, die so ein Mensch erleidet: Die Freunde sind entfremdet, ihnen ist der Mensch zur Abscheu geworden...

    Es ist ein Teufelskreis: Je mutloser ein Mensch wird, desto weniger Kontakte wagt er, einzugehen. Je weniger Kontakte, desto mutloser wird, desto mehr wird er sicher, daß ihn alle merkwürdig oder langweilig oder nichtssagend finden.

    Ein Depressiver weiß, daß er anderen nicht fröhlich bei der Begrüßung entgegenlächeln kann und er weiß, daß andere damit nicht umgehen können. Deswegen weicht er aus und drängt immer mehr in die Isolation.

    Wirst du an den Toten Wunder tun, oder werden die Verstorbenen aufstehen und dir danken?

    Wird man im Grabe erzählen deine Güte und deine Treue bei den Toten?

    Werden deine Wunder in der Finsternis erkannt oder deine Gerechtigkeit im Lande des Vergessens?

    Der Depressive weiß sich zuweilen dem Tod näher als dem Leben. Für den Glauben Israels, der eine Lehre von der Auferstehung von den Toten noch nicht entwickelt hatte, war der Tod das Ende, die Leblosigkeit, die Grube: Da konnte Gott nicht sein. Wenn also sich einer im Leben wie ein Toter fühlt, wie sollte Gott für ihn da sein?

    Merken Sie etwas? Das ist nicht bloß ein Gefühl! Das ist ein logischer Gedankengang! Dieser Mensch denkt! Dieser Mensch denkt ununterbrochen. Er läßt seine Gedanken kreisen, sucht einen Ausweg und findet dann keinen und wendet am Ende die Gedanken wider sich.

    Depression ist keine Gedankenlosigkeit. Depression ist da, wo sich die Macht der Gedanken gegen einen Menschen wendet. Und dieser Mensch hat keine Chance, die Gedanken selbst umzudrehen.

    Und Gedanken machen Gefühle. "Es kann gar nicht sein, daß Gott sich für mich interessiert," denkt der Mensch aus dem Alten Israel: "Er interessiert sich nicht für Tote."

    "Es kann gar nicht sein, daß sich Gott für mich interessiert: Er interessiert sich nicht für Versager, für langweilige Menschen, für Depressive", denkt ein Depressiver vielleicht heute.

    Aber ich schreie zu dir, HERR, und mein Gebet kommt frühe vor dich.

    Warum verstößt du HERR, meine Seele und verbirgst dein Antlitz vor mir?

    Ich bin elend und dem Tode nahe von Jugend auf; ich erleide deine Schrecken, daß ich fast verzage.

    Der Mensch betet. Wie gut, mögen wir denken. Aber es tut sich noch kein Ausweg auf. Das Gebet ist ein Schreien, die Frühe am Morgen kein Ausdruck von großer Frömmigkeit, sondern liegt darin begründet, daß der Schlaf ihn schon verlassen hat.

    Es geht Ihnen vielleicht wie mir. Man denkt an einen burschikosen Aufruf: "Mensch jetzt reiß dich doch zusammen!" Oder an einen rationalen Vorwurf: "Du bist undankbar. Es gibt doch so viel Gutes in deinem Leben.!"

    All das verpufft. Aber, dieser Mensch betet. Auch wenn es ein Schreien vor Gott ist. Er betet. Und das Gebet begleitet ihn.

    Und dieser Mensch ist ein Jude, wir sagen, er ist ein Christ und doch kommt noch keine Hoffnung auf. Und wir denken: Das kann doch nicht sein. So jemand darf doch nicht so verzweifelt sein, der muß doch wieder fröhlich sein, das darf doch, wenn höchstens eine Episode sein im Leben.

    Und das ist genau der falsche Weg. Damit setzen wir einen depressiven Menschen unter Druck, leisten zu müssen, was er nicht leisten kann, nämlich die Gedanken einfach so zu ändern.

     

    Dein Grimm geht über mich, deine Schrecken vernichten mich.

    Sie umgeben mich täglich wie Fluten und umringen mich allzumal.

    Meine Freunde und Nächsten hast du mir entfremdet, und meine Verwandten hältst du fern von mir.

    Ich hab's zu Beginn gesagt: Das ist das Ende des Psalmes. Kein Happy-End. Die Probleme für den Beter haben sich nicht gelöst, es ist noch lange nicht alles klar. Es ist, wie es im Umgang mit Depressiven ist, daß am Ende eines langen Weges, alles vielleicht nochmal von vorne anfängt.

    Aber der Psalm hat den Menschen begleitet. Er hat ihn nicht unter Druck gesetzt, eine Wende zum Fröhlichen mitvollziehen zu müssen, wie andere Psalmen das tun (z.B. Ps 13).

    Und durch den Psalm, durch das Gebet, hat Gott selbst den Menschen begleitet. Und das ist letztlich das Wichtigste. Gott begleitet unser Leben. Er zwingt uns nicht und dreht uns nicht. Er möchte Veränderung unseres Lebens, aber damit belastet er uns nicht auf's neue. Er begleitet uns. Und er begleitet die, die mit Schwermütigen mitgehen auch.

    Amen.

    Lied nach der Predigt: 383 (Mel. 402) Herr, du hast mich angerührt

    Fürbittengebet

    Lieber Vater im Himmel,

    Depression und Schwermut ist uns ein schweres Rätsel. Menschen, die darunter leiden, haben in den schweren Zeiten oft kein Licht, keinen Mut und keine Kraft zur Veränderung.

    Gib ihnen doch, daß sie dennoch Deine Begleitung erleben. Daß sie spüren, daß du nicht auch noch an ihnen zerrst. Daß sie nicht das Gefühl bekommen, dir nun nicht auch nicht recht zu sein. Sondern, daß sie begreifen, daß sie bei dir einfach so sein können.

    Und wir bitten dich heute besonders für Menschen, die lange Wege mit Schwermütigen mitgehen und die von der Last ebenso gedrückt werden. Dass sie immer wieder ins Leben finden, daß sie immer wieder Licht und frischen Wind finden, Menschen, die ihnen zur Seite stehen.

    Wir bitten dich um Weisheit und Liebe, um Gelassenheit und um Kraft für lange Wege.

    Wir befehlen dir die Weltlage an. Die Spannung, die im Irak sich aufgebaut hat. Die Flutopfer in Mittelamerika. Wir bitten dich um Einsicht, auch gerade um die ökologischen Zusammenhänge hinter der Katastrophe.

    Wir befehlen die die Kranken und die Alten an. Die Menschen aus unserem Dorf, die in den Kliniken und Krankenzimmern liegen und nicht weiter wissen. Begleite auch sie.

    VATER UNSER im Himmel.

    Geheiligt werde dein Name.

    Dein Reich komme.

    Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden.

    Unser tägliches Brot gib uns heute.

    Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

    Und führe uns nicht in Versuchung,

    sondern erlöse uns von dem Bösen.

    Denn dein ist das Reich

    und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit

    Amen.

    Schlußlied 171 Bewahre uns Gott

    zur Gemeinde: Segen

    Der Herr segne dich und behüte dich.

    Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

    Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

    Amen.

    Orgelnachspiel

    © Evangelische Kirchengemeinde Traisa
    Pfarrer Andreas Klein
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