Herbststürme: Depression und frischer Wind Teil II
Zum ersten Gottesdienst mit der Predigt über Psalm 88
1 Könige 19
Elia am Horeb
1 Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.
2 Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!
3 Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.
4 Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.
5 Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iß!
6 Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
7 Und der Engel des HERRN kam zum zweitenmal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iß! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
8 Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.
9 Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia?
10 Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, daß sie mir mein Leben nehmen.
11 Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.
12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.
13 Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia?
14 Er sprach: Ich habe für den HERRN, den Gott Zebaoth, geeifert; denn Israel hat deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen, deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, daß sie mir das Leben nehmen.
15 Aber der HERR sprach zu ihm: Geh wieder deines Weges durch die Wüste nach Damaskus und geh hinein und salbe Hasaël zum König über Aram
16 und Jehu, den Sohn Nimschis, zum König über Israel und Elisa, den Sohn Schafats, von Abel-Mehola zum Propheten an deiner Statt.
17 Und es soll geschehen: Wer dem Schwert Hasaëls entrinnt, den soll Jehu töten, und wer dem Schwert Jehus entrinnt, den soll Elisa töten.
18 Und ich will übriglassen siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht gebeugt haben vor Baal, und jeden Mund, der ihn nicht geküßt hat.
Liebe Gemeinde,
es war ein bezauberndes Fest geworden. Schon Wochen vorher hatte Silvia das Menü des Abends im Kopf. Dekoration und tolle Überraschungen. Ihr Geburtstag sollte unvergeßlich werden. In den letzten Tagen davor ging es dann richtig zur Sache. Kuchen wollten gebacken, alles geputzt, alles gerichtet sein. 55 wird man schließlich nur einmal. Es war ihr besonderer Ehrgeiz alles allein machen zu können. Freundinnen, die sich anboten, ihr zu helfen, sagte sie höflich ab, ein bißchen stolz, obwohl sie spürte, die Hilfe doch gut brauchen zu können.
Ein mulmiges Gefühl hatte sie. Ihre beiden Brüder, die sich nicht sonderlich gut verstanden, hatte sie zu dem Abend natürlich auch eingeladen. Sie gingen sich eigentlich aus dem Weg, aber zu dem Anlaß, mußten sie doch kommen.
Und dann war es ein bezauberndes Fest: Die Gäste kamen aus dem Ah und Oh gar nicht heraus, mehrfach wurde Silvias guter Geschmack gelobt. Bis, es war kurz nach dem Dessert, aus einem Nebenraum lautes Reden hörbar wurde.
Wutschnaubend kam einer der Brüder heraus. "Es tut mir leid, aber wenn dein Bruder da ist, dann gehe ich..." Betretene Stille setzte ein, als der Bruder mit seiner Frau, die etwas ratlos Silvia zum Abschied umarmte, zur Haustür ging.
Einige Gäste versuchten daraufhin fröhliche Stimmung zu machen, aber der Abend blieb ein Torso.
Noch Wochen darauf hatte Silvia das Gefühl völlig erschöpft zu sein. Sie empfand es so gemein von ihren Brüdern, gerade an diesem Abend über die Erbschaft zu reden und dann zu streiten.
Dabei hatte sie sich soviel Mühe gegeben, dabei wollte sie alles perfekt machen, und dann diese Undankbarkeit und Taktlosigkeit.
Noch Wochen hatte Silvia damit zu kämpfen, bis sie bei einer guten Freundin all den Ärger raus ließ und es ihr schon wieder etwas besser ging.
Depression, liebe Gemeinde, ist das vielleicht noch nicht. Aber bestimmt kennen Sie das auch, wenn man sich angestrengt hat und irgendetwas nimmt einem alle Freude, alles Gute weg, läßt einen belämmert und elend da stehen.
Und dann fühlt man sich leer und müde, und mag niemand mehr sehen.
Elia ging es genauso. Elia hatte das Traumerlebnis. Das war für einen Propheten nicht der Geburtstag, sondern das war für ihn der Beweis, daß sein Gott der lebendige Gott ist.
Auf einem großen Berg, dem Karmel hatten sie sich getroffen zum Gottesbeweis: 450 Propheten, die dem Baalsgott anhingen, protegiert von der Königen Isebel selbst.
Und Elia, ganz allein. Wer zuerst einen Stoß mit Holz und einem Opfertier in Brand steckt, dessen Gott war der lebendige Gott.
Die Baalsleute mühten sich redlich aber vergeblich. Elia aber konnte es und das Feuer kam vom Himmel. Er hatte gewonnen, er hatte gesiegt. Er ließ das Volk die Propheten greifen und ums Leben bringen.
Das hätten sie auch mit ihm getan. Eine alttestamentliche Geschichte erscheint uns immer archaisch und befremdlich, aber dadurch werden Grundzüge des Lebens überdeutlich.
Überdeutlich wird, wie es Elia jetzt geht: Isebel die Königin verzeiht ihm nicht. Ein Bote trägt es ihm zu: Die Königin hat Rache geschworen. Laß dich lieber nicht mehr blicken: Du bist jetzt vogelfrei.
Und Elia, der Sieger läuft weg, vom Karmel im Norden des Landes Israel bis nach Beerscheba, in die Wüste in den südlichsten Zipfel. Weit weit weg.
Und Elia hat Angst, er will jetzt lieber sterben. Es war ein großer Erfolg, aber alles ist jetzt weit weg, es war ein wunderschönes Fest, aber alles ist vergessen.
Jetzt zählt nur noch die böse Nachricht. Jetzt zählt nur noch das Schlechte. So wie Silvia sich an den Komplimenten des Abends nicht mehr freuen konnte, so wie sie die gutgemeinten Wünsche beim Abschied, alles nicht so tragisch zu sehen, gar nicht in sich aufnehmen konnte.
Liebe Gemeinde, das kennen wir: Wenn wir sowieso schon müde und erschöpft sind. Und wir haben uns verausgabt und viel Mühe gemacht, dann fehlt nicht viel. Eine Kleinigkeit: Wir hören, daß jemand schlecht über uns redet und wir kommen aus dem Konzept.
Und dann geht es uns wie Elia, der vom allem nichts mehr wissen will: Der sagt: Nun ist es genug. Nun mag ich nicht mehr. Jetzt möchte ich sterben.
Silvia ist müde. Elia ist müde. Ausgebrannt, erledigt. Da ist keine Energie mehr, das Pulver ist verschossen. Vielleicht ist das noch keine Depression, aber eine große Erschöpfung, Burn-Out.
Wer ist jetzt da, um mit dem Müden zur rechten Zeit zu reden? Und was redet der? Wie kann man mit solchen Menschen umgehen, die in eine Erschöpfungsdepression gefallen sind, die gar nicht mehr können?
Gott schickt einen Engel, einen Boten, der Elia hilft. Der Engel zeigt uns, wie wir miteinander umgehen können. Ich finde diese Geschichte ist eine Therapiegeschichte, die uns gut tun kann.
Wie fängt Gottes Engel die Therapie an? Redet er auf ihn ein? Der Engel läßt Elia erst einmal schlafen. Alles war so anstrengend. Der Engel ermahnt nicht, der Engel befiehlt nicht. Der Engel läßt den Elia schlafen.
Glauben Sie mir das, daß Gott Sie schlafen läßt? Viele würden gern schlafen und können nicht, weil die Gedanken kreisen und dann kommt ein unruhiger Schlaf, voller angstmachender Träume und am morgen fühlt man sich erschöpft wie am Abend. Ich habe in der letzten Woche gesagt: Depression ist keine Gedankenlosigkeit, da kreisen die Gedanken immerzu, immer im Kreis und lassen den Schlaf nicht zu.
Gott läßt Elia schlafen. Und dann kommt der Engel und sagt:
Steh auf und iß.
Und Elia sieht sich um. Und da steht ein Krug Wasser und Toastbrot, ja geröstetes Brot. Mitten in der Wüste. Wundern Sie sich nicht. Gott liebt Details. Nicht nur Wasser und Brot, das wäre Gefängnis, sondern geröstetes Brot.
Und dann darf Elia nochmal schlafen. Mit nur einem Mal funktioniert keine Therapie. Wir spüren gerade in dieser Geschichte, wie die Depression immer wieder auftaucht, Elia die alte Leier immer spielen will. Gott hat Geduld.
Schlaf und Stärkung. Nicht im Schlaf versinken, aber doch wieder zu Kräften kommen. Nicht ermahnen, sondern Zeit geben. So geht Gott mit Elia um und das finde ich so bezaubernd. Das ist alles andere als verkopft, das ist ganzheitlich.
Und dann hat Elia geschlafen und bekommt noch einmal zu essen. Steh auf und iß.
Ich habe gesagt, daß wir hier eine Seelsorge Gottes vorgestellt bekommen, bei der ich mir wünsche, daß sie unserem Umgang miteinander prägt.
Dieser Umgang ist liebevoll und ideenreich, dieser Umgang ist geduldig und zugleich zielgerichtet. Eine Seelsorge, wie wir mit dem Müden zur rechten Zeit reden können.
Ich wünsche Silvia, daß sie so eine Freundin findet, die sie nicht zuredet, sondern bei der sie, auch niedergeschlagen, einfach da sein kann, bei Tee und Kuchen, Wasser und Toastbrot. Eine Freundin, der es nicht zuviel wird, wenn Silvia nochmal heult, obwohl alles schon 5-mal durchgesprochen wurde.
In unserer Geschichte geht Elia weiter. Er geht bis zum Horeb, bis zum Berg Sinai. Die Bibel erzählt, daß dort Mose die Gesetzestafeln von Gott empfangen hat. Dort hat sich Gott seinem Volk vorgestellt. Ich bin Jahwe, ich bin für euch da.
Und Gott, der so geduldig und liebevoll mit Elia umgegangen ist, stellt sich Elia selbst vor.
Elia hört eine Stimme, die ihn auf den Berg ruft und er bekommt drei Kräfte zu sehen und zu spüren, die damals mit Gott in Verbindung gebracht wurden:
Ein starker Sturm.
Ein Erdbeben.
Ein Feuer.
Und jedesmal heißt es: Da war Gott nicht.
Er war nicht im Sturm.
Er war nicht im Erdbeben.
Er war nicht im Feuer.
Und dann kommt ein stilles, sanftes Sausen.
Und da kommt Gott und redet mit Elia.
Er redet mit den Müden zur rechten Zeit.
Er hat ihn einen langen Weg geführt.
Weit weg von den Vorwürfen.
Er hat ihm Kraft geschenkt.
Er hat sich ihm selbst vorgestellt.
Und jetzt läßt er Elia reden.
Und alles quillt aus Elia hervor.
"Ich wollte für Gott kämpfen, ich war ganz allein übrig geblieben, und jetzt wollen sie mir ans Leben."
Er kommt mir vor wie ein Kind, das lange leise weint, und endlich bei der Mutter im Schoß, bricht alles hervor.
Im Sturm, im Erdbeben, im Feuer, hätte Elia nie reden können. Gott ist anders, das spürt Elia der Kämpfer jetzt.
Und nun redet Gott. Gibt dem Elia einen neuen Auftrag. Sein Leben bekommt Sinn. Und Gott klärt ihn auf. Es sind noch 7000, die zu mir gehören. Du bist nicht allein. Und zum ersten Mal kann Elia das glauben.
Depression und die Macht der Gedanken über einen, bedeutet auch, daß man die Wirklichkeit nur noch ganz verzerrt wahrnimmt. Für Elia stand fest: Ich bin ganz allein, ich allein der Kämpfer. Und Gott sagt ihm zu: Es sind viele an deiner Seite. Für Silvia, die so fest glaubt, alles falsch gemacht zu haben, bedeutet das, daß sie spürt, daß sie eben nicht für alles verantwortlich ist. Nicht für den Streit der Brüder. Sondern nur für sich selbst und es gar nicht schlecht gemacht hat.
Gottes Therapie geht lange Wege mit. Er zeigt uns, wie wir mit den Müden zur rechten Zeit reden können.
Amen.
| © Evangelische
Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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