Johannes 3, 16-21
Liebe Heiligabend-Gemeinde,
noch vor einigen Wochen wehte ein Streit durch unser Land. Alles begann mit einem Preis, den ein deutscher Schriftsteller und Dichter von Rang verliehen bekam:
In der Frankfurter Paulskirche empfing Martin Walser den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Und er bedankte sich mit einer Rede über die "Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede" und kam auf vieles in unserem Land zu sprechen. Deutsche Gegenwart ist immer -- nicht immer noch, sondern immer -- verknüpft mit der Geschichte, der Schuldgeschichte und Leidensgeschichte, dessen Stichwort Ausschwitz ist. Und Walser sagt: Jeder kennt die geschichtliche Last, aber in den Medien sei eine Routine des Beschuldigens entstanden. Wer einen Beitrag mit der Nennung von Auschwitz unterfüttert, steht wohl automatisch auf der richtigen Seite und zwingt die Menschen zum Zuhören, der instrumentalisiert die Schande zu gegenwärtigen Zwecken.
Daraufhin hat sich Ignatz Bubis gewehrt, vehement: Walser beschuldige das Judentum und bezichtige dessen Ansprüche auf Wiedergutmachung als solche Instrumentalisierung. Walser wehrte ab: Davon sei sicher nicht die Rede.
Die Aussprache der beiden vor wenigen Wochen war dann längst überfällig und sie war doch möglich. Gott sei Dank.
Was Walser mit Recht gespürt hat: Man kann mit der Nennung von Auschwitz im journalistischen, im kirchlichen, im pädagogischen Milieu Aufmerksamkeit erzwingen, keine Aufmerksamkeit für die Geschichte, sondern für sich und damit ist das Geschehen instrumentalisiert und der Vorwurf leicht, wer nicht hinhöre oder -sehe, der wolle nur verdrängen.
Doch jetzt geht es nicht um Auschwitz, sondern um Bethlehem. Kein Katastrophenereignis, sondern ein beglückendes Ereignis und ich behaupte. Genauso kann man auch Weihnachten zu seinen gegenwärtigen Zwecken instrumentalisieren, man kann das Christkind vor jeden Karren spannen und meinen, daß es ihn zieht.
Sofort fällt uns dabei der Kommerz ein, an dem wir sicher alle Anteil hatten, aber dieses Klagelied von der Hetze im Advent und den wunden Füßen in den Fußgängerzonen ist schon oft gesungen worden.
Es geht noch um mehr. Davon will ich heute reden. Doch wovon die Bibel redet, will ich als Maßstab für unser Denken vorwegstellen, damit wir sehen, ob das, was uns als Bild von Weihnachten geboten wird, dem biblischen standhält.
Denn: "Gott ist nicht Mensch geworden, damit wir Weihnachten feiern können." Es geht um viel mehr.
Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde.
Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet, wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.
Das ist aber das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.
Wer Böses tut, der haßt das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.
Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, daß seine Werke in Gott getan sind.
Gottfried Bernhard Goez: Maria als Königin des Himmels
Ein Deckengemälde aus dem 18. Jahrhundert, der Hochzeit des Barock, vom Augsburger Maler Gottfried Bernhard Goez. Zu sehen in der Wallfahrtskirche Birnau am Bodenssee.
Was bei diesem Bild auffällt, das ist der Blick, der in den offenen Himmel geht und darin leuchtet der Stern. In den Weihnachtsgeschichten der Bibel spielt der Himmel eine wichtige Rolle:
Am Himmel erscheinen den Hirten auf dem Feld die Engel, die mit dem hellen Licht auf die Geburt des Kindes hinweisen.
Am Himmel erscheint den klugen Sterndeutern der Stern, der sie neugierig macht, der sie zum Stall führt.
Es ist wahr und wichtig. An Weihnachten öffnet sich der Himmel. Viele Maler haben das begriffen und das Weihnachtsfest aus der betulichen Stille des dunklen Stalles ist das Licht des Tages geholt. Der Himmel ist offen, denn Gott selbst wendet sich den Menschen zu. Wie kann es da Nacht bleiben?
Gleichzeitig befremdet mich dieses Bild. In der Barockzeit wollte man mehr als den geöffneten Himmel sehen: Bei einer Einweihung sagte ein Prediger: "Eine Kirche bauen, ist wie einen neuen Himmel erschaffen... Erhebe deine Augen und siehe an diesen neuen Himmel."
Es war auch das Zeitalter der Könige und Bischöfe, die sich, wenn sie denn hätten wählen können zwischen Himmel und Erde, mit ihrer Machtfülle eher dem Himmel als der Erde zurechneten. Wenn Sie einmal in der herrlichen barocken Würzburger Residenz den Treppenaufgang nach oben gehen, sehen Sie das große Deckengemälde von Tiepolo, alle Himmelsrichtungen, Götter der Antike und über allem thront -- man hätte es nicht erwartet -- der Würzburger Fürstbischof.
Nur Zeitalter der absolutistischen Vermessenheit? Da wird Gott Mensch, armes Kind im Stall, der Himmel öffnet sich als Zeichen dafür, daß hier Gottes Liebe ist. Und was tun wir Menschen? Wir lassen das Kind im Stall ein Kind sein und usurpieren als erstes den geöffneten Himmel! Wir setzen uns selbst hinein, wollen an der Macht teilhaben, anstatt an der Liebe.
Die Geschichte von Weihnachten ist die Geschichte seiner Entfremdung, die zeigt, wie wenig wir davon verstanden haben.
Aber ich bleibe dabei: Weihnachten ist Zeichen der Liebe Gottes, der geöffnete Himmel das Zeichen der Zuwendung dessen, der uns gemacht hat. Und der uns liebt, obwohl wir die Finsternis lieben.
Es ist das älteste Bekenntnis der Christenheit, daß das Christkind, daß Jesus von Nazareth, daß der Gekreuzigte und Auferstandene der Herr sei. Jesus ist der Kyrios, der Herr. Das war zunächst gefährlich zu sagen, denn das Herr-Sein war nur dem römischen Kaiser erlaubt.
Dann wurden die römischen Kaiser christlich -- einer von ihnen setzte das Weihnachtsfest in den Dezember und fortan waren sie Herrscher genau wie vorher, aber von nun an der Seite des Nazareners. Den haben sie aber nicht gefragt.
Instrumentalisierung von Weihnachten zu gegenwärtigen Zwecken, zu Zwecken der Macht, gab es allenthalben und überall.
Es ist gut, da auf das Wort von Gustav Heinemann zu hören, das im Getümmel des gemalten Himmels aufräumt: "Die Herren der Welt kommen und gehen, unser Herr aber kommt."

Käthe Kollwitz: Not
Ich gebe zu, das ist ein Wechselbad. Aus dem barocken Licht-Himmel in die Düsternis einer schlesischen Weberbaracke zu fallen, in der gerade, verfolgt von den Blicken von Menschen, die zur Verzweiflung kaum noch Kraft haben, ein Kind stirbt. Schwach, krank, unterernährt.
Nicht nur Gerhart Hauptmann hat sich als Dramaturg des Schicksals dieser Menschen angenommen, die im Juni 1844 aus dem Elend heraus den Aufstand wagten, der bald von preußischem Militär blutig niedergeschlagen wurde.
Auch Käthe Kollwitz, Malerin, Professorin an der Berliner Kunstakademie, Frau eines Armenarztes engagierte sich für diese Not.
Was hat das mit Weihnachten zu tun? Wir sehen in diesem Bild, dessen Licht ein totenfahles Licht ist, in eine Armenstube hinein. Doch die Szenerie ist typisiert, es sind Elemente der Weihnachtsszene: Das Kind, die Mutter, Beobachter von Ferne. Ein niedriger, finsterer Raum, Spinnrad, Webstuhl, wie eine Höhle, nur keine Tiere, die Menschen im Hintergrund, sie leben wie Tiere...
Was für eine befremdende Weihnachtsszene! Der bürgerliche Betrachter entdeckt es und erschrickt. Weihnachten wird instrumentalisiert zu gegenwärtigen Zwecken.
Gott sei Dank! Wir müssen sagen, Käthe Kollwitz tut das mit recht, denn das Kind im Stall ist doch für dieses Kind im Loch einer Webernkate gekommen!
Dieses Kind -- das Christkind mußte fliehen, es mußte mit nach Ägypten fliehen, vor dem König Herodes, der um seine Herrschaft fürchtete. Das Kind kam auf die Welt im Stall, ohne alle Romantik, ohne lockiges Haar, ohne Geburtshilfe, dem Tod bei der Geburt schon nah.
Instrumentalisierung zu gegenwärtigen Zwecken? Jetzt müssen wir sagen: Ja, denn es kommt darauf an, ob die Zwecke der Geschichte entsprechen.
Weihnachten erzählt von Gottes Leidenschaft für die Verlorenen, davon will die Malerin auch erzählen.
In einer Tagebuchnotiz hat Käthe Kollwitz festgehalten: "Ich will eine Zeichnung machen, die einen Menschen zeigt, der das Leid der Welt sieht. Kann das nicht nur Jesus sein?"

Gerard van Honthorst: Die Anbetung der Hirten (Ausschnitt)
Vielleicht sind Sie entspannt, wenn Sie nach dem Kollwitzschen Bild nun das Bild dieses niederländischen Meisters sehen. Es ist ein Ausschnitt aus einem großen Bild: Die Anbetung der Hirten von Gerard von Honthorst.
Ein Bild, in dem der Maler Licht und Dunkelheit deutlich unterscheidet. Das Kind in der Mitte des Bildes reflektiert ein großes Licht. Für die Menschen, für Maria und Josef wird es zur Quelle des Lichtes.
Ruhe und Zufriedenheit geht vom Kind aus, Licht in der Finsternis und die Menschen ergreifen das Licht.
Die Atmosphäre ist familiär, die Kleidung ist einfach, der Ochse, auf den sich Josef stützt würde in den barocken Himmel des ersten Bildes nur schwerlich passen.
Wir hatten zwei Bilder gesehen: Das Deckengemälde und das Bild von den schlesischen Webern, wo Weihnachten zuerst zu Unrecht und dann zu Recht instrumentalisiert wurde, zu gegenwärtigen Zwecken.
Zu Unrecht, denn Gott hat nicht den Himmel aufgerissen, damit wir uns dort zur Ausübung der Herrschaft an seine Seite setzen.
Zu Recht, denn Gottes Liebe gilt den Schwachen und sein Vorwurf gilt seit den Propheten und weiter seit dem Nazarener denen, die das Recht beugen und brechen.
Aber was ist mit uns, die wir unser kleines bürgerliches Leben führen, weit entfernt davon, den Himmel zu stürmen.
Was ist mit uns, die wir versuchen, mit einem Teil unseres Einkommens, etwas an der Ungerechtigkeit in der Welt zu ändern, ohne wesentlich an den Grundstrukturen des Unrechts etwas ändern zu können.
Wir hoffen, daß das Kind von Weihnachten uns persönlich, in unser bürgerlich-kleinbürgerliches Leben Licht und Mut, Hoffnung und Freude bringt.
Das dürfen wir hoffen?
Was ist das private Glück? Privat kommt von privare und das heißt im Lateinischen auch rauben. Wenn nun privat heißt, daß man die Augen zumacht, von angemaßter Herrschaft und von erlittenem Unrecht nichts mehr hören und sehen und spüren will, dann hat man sicher das Recht auf das Weihnachtsfest verspielt.
Aber wenn man das hört, daß und wie dieses Fest doch allen gilt, dann gilt es doch auch uns. Und uns gestreßten Menschen, die wir arm sind in allem Reichtum, die wir in der Dunkelheit sind bei aller Halogen-Lux-Leuchtkraft, die uns umgibt, die wir in der Traurigkeit sind, bei allen strahlenden Gesichtern auf den Werbeplakaten, die wir im Streit sind, trotz und wegen der Ansprüche, doch einmal im Jahr Frieden in der Familie zu haben. Uns gilt es auch.
Wir sind doch auch verloren und deswegen gerettet, weil Gott seinen einzigen Sohn gab, damit wir an ihn glauben, damit wir ihm vertrauen, nicht länger dem Tod gehören, sondern durch Christus, durch seine Liebe dem Leben.
Gott ist nicht Mensch geworden, damit wir Weihnachten feiern, aber damit er uns rettet und darüber dürfen wir uns freuen.
Amen
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Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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