Lukas 24, 36-35
Liebe Gemeinde,
Unhörbar, aber deutlich atmete der Verkäufer durch. Geschafft. Die Unterschrift des Kunden unter den Kaufvertrag war getätigt. Endlich. Seit 3 Wochen schon hat er immer wieder freundlich die Vorzüge des Produkts erklärt, Prospekte geschickt, kritische Rückfragen beantwortet oder zumindest intelligent umschifft. Drei Wochen lang hat er wie ein Angler gemerkt: Den habe ich jetzt an der Leine. Nur nicht zu fest ziehen, denn dann reißt der Haken aus dem Fleisch, aber auch nicht locker lassen, denn hier wird ja schließlich geangelt.
Dann zum Schluß noch einmal die Bestätigung. "Doch, da haben Sie keinen Fehler gemacht. Sie werden zufrieden sein. Und wenn Sie noch irgendeine Frage haben, dann können Sie mich anrufen. Hier haben Sie meine Karte, da ist auch die Privatnummer. Nein, das macht mir nichts aus. Außerdem haben Sie eine gute Wahl getroffen."
Die Arbeit ist erledigt, die Provision ist im Sack, die Überzeugungsarbeit ist geschafft.
Überzeugungsarbeit, begegnet uns tagtäglich. Überzeugungsarbeit lassen wir uns gefallen oder üben machen wir selbst, je nach dem auf welcher Seite des Tisches wir sitzen oder stehen.
Psychologische Schulungen und Hintergründe, was zum Verkauf reizt und was nicht, gibt es massenweise, welche Kleidung, welcher Tonfall, welche Hintergrundsmusik. Die Überzeugungsarbeit ist eine wichtige Sache. Hier geht es ja um Millionen. Nicht selten hat man das Gefühl, über den Tisch geworden zu sein. Ein flaues Gefühl.
Sie werden Sich fragen, liebe Gemeinde, was mein kleiner Ausflug in die Geschäftswelt heute, an Ostern eigentlich soll?
Richtig, heute begegnet uns auch Überzeugungsarbeit. Jesus überzeugt die Jünger von der Auferstehung, eine Geschichte in der ich vier Schritte entdecke.
Und wenn Sie es hören, dann spüren Sie wer sich das abhebt von der Praxis der Geschäftswelt. Das ist nicht die Überzeugungsarbeit eines Verkäufers, das ist die Überzeugungsarbeit eines Liebenden. Am Ende ist nicht das flaue Gefühl, über's Ohr gehauen worden zu sein, sondern das Gefühl, am Ziel zu sein. Die Dankbarkeit: Gut, daß der sich die Mühe um mich gemacht hat, sonst säß ich jetzt noch da mit meinen Zweifeln.
Die Geschichte schließt sich unmittelbar an die Evangelienlesung an (Luk. 24, 13-35; Emmausjünger). Gerade waren die beiden Jünger aus Emmaus mit letzter Kraft wieder zurückgelaufen nach Jerusalem. Mit leerer Lunge und übervollem Herzen berichten sie den anderen Freunden, daß Jesus lebt, daß sie ihn erkannt haben, als er das Brot gebrochen hat. In dieser vertrauensvollen Geste gingen ihnen die Augen auf.
Und dann kommt Jesus in diese Situation und leistet ganz eigene Überzeugungsarbeit. Wie gesagt, vier Schritte, die ich jetzt nummeriere, wenn ich lese.
Lukas 24, 36-45
Erster Schritt: Begrüßung der Ängstlichen
Als sie aber davon redeten, trat er selbst, Jesus mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!
Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist.
Zweiter Schritt: Überzeugung der Zweifelnden
Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?
Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Faßt mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, daß ich sie habe.
Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und Füße.
Dritter Schritt: Probe aufs Exempel
Als sie aber noch nicht glaubten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen?
Und sie legtem ihn ein Stück gebratenen Fisch vor.
Und er nahm's und aß vor ihnen.
Vierter Schritt: Öffnen der Schrift
Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muß alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen.
Da öffnete er ihnen das Verständnis, so daß sie die Schrift verstanden.
Das sind vier wichtige Schritte liebevoller Überzeugungsarbeit.
Erster Schritt: Begrüßung der Ängstlichen
Begrüßung. Immer wenn ich einige Tage bei den Eltern meiner Frau in Württemberg bin, gewöhne ich mir an, wie die Leute da unten es tun, "Grüß Gott" zu sagen.
Grüß Gott heißt nicht: Bestell ihm bitte einen schönen Gruß, wenn Du ihn triffst, sondern Grüß Gott ist ein Segenswort: Grüß Gott, das heißt: "Gott grüße dich". Und das bedeutet nichts anderes als: "Gott segne dich". Gottes Segen, sein Friede, sein Schalom sei mit dir. Das bedeutet dieser Gruß.
Als Jesus zu seinen Jüngern kommt, da muß er das Entsetzen gespürt haben. Nicht Wiedersehensfreude, die ihm entgegen geschwappt ist, nicht Tränen des Glücks, sondern das blanke Entsetzen war in den Augen der Jünger.
Sie erschrecken sich und halten Jesus für ein Gespenst.
Ich will jetzt nicht darüber rätseln, wie Jesus ausgesehen hat, ob er durch geschlossene Türen gehen konnte und all so was, aber ich kann mit diesem Entsetzen etwas anfangen.
Michael Herbst, praktischer Theologe in Greifswald erzählte uns vor einigen Wochen, daß er mit einer Kindergruppe aus einer Schule von Mecklenburg-Vorpommern in einer kleinen Dorfkirche war und keines der Schulkinder hatte eine Ahnung, wer denn diese Holzpuppe an dem Kreuz da ist.
Diese Geschichten - für die meisten von uns selbstverständlich - sind im Grunde Gruselgeschichten: Jugendliche heute denken bei dem Stichwort: "Einer war tot und lebt wieder" eher an Zombies und Voodookult auf Haiti als an die Auferstehung von Jesus.
Die Jünger haben an ein Gespenst gedacht, sie waren schockiert, aber Jesus grüßt und segnet sie: Friede sei mit Euch. Gott grüße Euch, er segne Euch.
Der Evangelist Lukas, der ja auch die Apostelgeschichte geschrieben hat, war leidenschaftlich daran interessiert, daß Fremde, daß von der Kirche Distanzierte, Jesus kennenlernen. Und Lukas sagt uns zwischen den Zeilen: Geht doch so mit diesen ratlosen, fragenden, spottenden, ängstlichen Menschen um, wie Jesus mit den Jüngern umging, die ihn für ein Gespenst gehalten haben: Segnet Sie, grüßt sie.
Wenn heute kirchendistanzierte Menschen in unsere Gemeinden kommen, spüren sie die leise unausgesproche Anklage: Seht euch die an: Die kommen ja sonst nie, die kommen ja nur zur Trauung und zu Heiligabend, die kennen sich ja gar nicht mehr aus, die sind vielleicht sogar ausgetreten. Was haben die denn für ein Verhältnis zu Christus.
Aber Jesus grüßt und segnet die Fremden.
In der Mönchsregel des hl. Benedikt heißt es: Alle Gäste, die zum Kloster kommen, werden wie Christus aufgenommen.
Laßt uns davon lernen und Menschen grüßen und segnen, nicht nur nach 60 Minuten tapfer überstandenem Gottesdienst, sondern auch die Konfirmandinnen und Konfirmanden, die Hineinkommenden, die Nachbarn.
Ein Zulugruß kann wegweisend sein: Sahubona, das heißt: Ich sehe dich. Wenn wir die Menschen grüßen und segnen, dann sehen wir sie.
Erster Schritt: Begrüßung der Ängstlichen
Zweiter Schritt: Überzeugung der Zweifelnden
In der Osterüberlieferung des Lukas taucht der Jünger Thomas überhaupt nicht auf. Die anderen Evangelien berichten davon, daß dieser Thomas ein besonderer Zweifler und Skeptiker ist, der die ganze Ostergeschichte gar nicht glaubt, bis Jesus ihm persönlich die Nägelmale fühlen läßt.
Bei Lukas taucht Thomas nicht auf. Das hat einen einfachen Grund: Nicht nur einer, sondern alle sind wie Thomas Skeptiker und brauchen lange, das zu verstehen.
Lukas hat sich viel damit beschäftigt, wie Gottes gute Nachricht fremde Menschen erreicht und er weiß: Nicht nur 9% der Leute sind Skeptiker, keiner ist leichtgläubig, Überzeugungsarbeit muß doch bei allen geleistet werden.
Und Jesus geht jetzt den zweiten Schritt. Er fragt die Jünger, was sie so erschrocken macht, warum solche Gedanken in ihrem Herzen sind.
Und dann bittet Jesus die Jünger, ihn anzusehen und anzufassen. Er ist Leib, er ist nicht Geist, er ist Anbruch der neuen Schöpfung, er ist das Ziel, das jetzt schon da. Prototyp der neuen Welt, die den Tod hinter sich hat.
Alle Zweifler dürfen fühlen, anfassen, tasten, berühren. Schmecket und sehet, wie freundlich.
Ich bin angerührt und fasziniert: Hier ist die Liebe von Jesus für seine Freunde. Er sagt nicht: Friß oder stirb, er läßt sie fühlen und spüren. Ich bin's.
In unseren reformatorischen Kirchen geht es oft anders zu. Auf harten Holzbänken, bei max 16-17 Grad Celsius und kalten Füßen einer langweiligen Predigt lauschen und begreifen, daß das Gottes Liebe für mich sein soll?
Wieviel mehr, wenn dieses Wort bestätigt wird von einer Umarmung oder einem herzlichen Händedruck, von einem Besuch eines Gemeindegliedes bei mir, einer Karte zum Geburtstag.
Friedrich Christoph Oetinger hat einmal gesagt: Leiblichkeit ist das Ziel der Wege Gottes.
Nicht sphärisch, sondern leibhaftig ist Gottes Liebe.
Leiblich leben, Anteil geben bedeutet auch, daß man seine Grenzen deutlich macht. Jeder Leib hat Grenzen. Und so ist es eine Grenze an der wir angekommen sind, daß uns die Worte fehlen für das, was im Moment im Kosovo geschieht, die klugen Antworten gehen aus. Mitweinen und helfen, das ist wohl das einzige.
Dritter Schritt: Probe auf's Exempel
Und was jetzt passiert ist ein Satz, der so einzigartig ist in der Bibel, daß ich noch einmal vorlesen muß:
Als sie aber noch nicht glaubten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen?
Haben Sie das gehört:
Da gibt es eine Freude an Christus, Wiedersehensfreude, die bringt es fertig, daß der Glaube noch gar nicht da ist.
Die Angst ist völlig weg, daß Jesus ein Gespenst ist, die Zweifel sind gerade immer mehr von ihnen abgefallen. Sie haben Jesus angefasst und gefühlt und sind außer sich vor Freude.
Zu kritischer Reflexion, zur Abfassung eines Glaubensbekenntnis inklusive der Abgrenzung von den Irrlehren, Jesus sei nur im Geist auferstanden, hatte keiner Zeit.
Jesus gewährt den Jüngern Freude, die noch nicht durch den Glauben gedeckt ist. Das kann er. Diese Größe hat er: Er weiß, das kommt noch. Warum soll die Freude immer noch Folge des Glaubens sein, warum geht sie ihm nicht einmal voran?
Und dann bittet Jesus um den Fisch, um letztlich alle Zweifel weg zu nehmen. Und Jesus ißt und gestattet den Jüngern dadurch die Probe auf's Exempel. Er ist leibhaftig auferstanden.
Für uns ist das kein Beweis. Denn wir hören ja alle diese Geschichten auf der Ebene einer alten Erzählung, die wir glauben oder nicht glauben.
Eine glaubhafte Probe auf's Exempel ist es nicht, wenn wir das heute nachsprechen: Seht ihr, Jesus hat gebrateten Fisch gegessen, er lebt.
Aber die Probe auf's Exempel wird heute auch gestellt: Ganz oft, in der Begegnung von Menschen mit der Gemeinde.
Ich habe beides erlebt.
Eine junge Frau erzählt mir: Als ich krank war, da hat sich keiner um mich gekümmert, in den ersten Wochen ja, aber dann war auf einmal Ebbe.
Als meine Mutter krank war, da waren die Frauen von der Akkordeonspielgruppe immer da, über lange Zeit.
Oder im guten.
Da erzählt einer: Daß ihr die ganze Zeit der Krankheit für mich gebetet habt, mich immer wieder besucht, Karten geschrieben, das hat mir so gut getan. Da habe ich gemerkt, was mein Glaube wert ist.
Merken Sie, was der gebratene Fisch heute ist: Verbindliche Liebe und Gemeinschaft mit Menschen, wo durch die Gemeinde deutlich wird. Christus ist treu.
Vierter Schritt: Öffnen der Schrift
Am Ende kommt Jesus auf die Bibel zu sprechen. Wenn Sie mich vor der Beschäftigung mit diesem Text gefragt hätten, wie man Menschen die Ostergeschichte erklärt, hätte ich sie auf die Bibel verwiesen. Damit anfangen, diese Geschichten erzählen, ja das muß man tun, aber die Menschen sind weit weg davon, vieles heute ist ihnen fremd und fern geworden.
Der klassischer Kirchenweg in der Begegnung mit ihm ist heute brüchig geworden:
Lesen
und dann begreifen
und dann glauben
und dann gesegnet werden
und dann sich freuen.
Er gestaltet sich von den Impulsen hier ganz anders.
Gesegnet werden,
und dann greifen
und dann sich freuen dürfen,
und dann überzeugt werden
und dann begreifen und lesen und verstehen.
Am Ende lesen Sie miteinander in der Schrift und nach allem, was sie jetzt erfahren haben, schließt sich die Schrift für sie auf. Das ist das was Jesus tut, das ist was bei uns der Heilige Geist tut: Die Schrift reden lassen, glaubhaft und authentisch werden lassen in unsrem Leben.
Vier Schritte der Überzeugungsarbeit Jesu.
Er überzeugt mich selbst immer wieder,
es sind doch meine Ängste, meine Zweifel, die er nicht kritisiert, sondern liebevoll aufnimmt.
Und er macht uns zu Zeugen, glaubhaft, auch wenn sie noch nicht am Ziel sind.
Amen.
| © Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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