Predigt beim GoGospel-Gottesdienst

9. Mai 1999

Predigt zu Lukas 11,1-13

Liebe Gemeinde,

der Po ist an sich keine Ebene, nur in Norditalien gibt es so etwas. Dort in Norditalien gibt es noch mehr, was es sonst nicht gibt. Da gibt es einen Dorftpriester, dessen größtes Hobby es ist, sich seiner Rauflust hinzugeben und seinem Erzrivalen, dem Kommunistenführer und Bürgermeister Peppone eins auszuwischen.

Der italienische Schriftsteller Giovannino Guareschi hat mit Don Camillo eine unvergeßliche Romanfigur geschaffen, die aber nicht nur wegen des satten Kinnhakens, sondern besonders wegen seines intensiven Gebetslebens interessant ist.

Don Camillo redet mit Christus. Als Kruzifix im Altar der Kirche. Eine Stimme bloß, aber deutlich hörbar:

Kostprobe gefällig?

Gerade war sein Erzfeind Peppone zur Beichte gekommen. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren und außerdem hatte er zu beichten, daß er es war, der den Priester vor zwei Monaten verprügelt hat, und Peppone hatte noch mehr zu erzählen:

Alles in allem war es nicht viel, und Don Camillo fertigte ihn mit zwanzig Vaterunser und Ave Maria ab. Als dann Peppone an der Kommunionbank kniete, um seine Buße abzubeten, fiel auch Don Camillo vor dem Kruzifix auf die Knie.

»Jesus«, sagte er, »verzeih mir, aber ich haue ihm eine herunter.«

»Denke nicht einmal daran,« antwortete Jesus. »Ich habe ihm vergeben, du mußt ihm auch vergeben. Im Grunde ist er ein braver Mensch.«

»Jesus, traue diesen Roten nicht. Sie sind furchtbar heimtückisch. Schau ihn dir gut an. Hat er nicht ein Räubergesicht?«

»Ein Gesicht wie alle anderen. Don Camillo, in dein Herz hat sich Gift eingeschlichen!«

»Jesus, wenn ich Dir je gut und mit Hingabe gedient habe, dann bitte ich dich um diese Gnade. Laß es wenigstens zu, daß ihm dieser Leuchter auf den Nacken fällt. Was ist schon so ein Leuchter, mein Jesus?«

»Nein,« antwortete Jesus. »Deine Hände sind zum Segnen da, nicht zum Schlagen.«

Don Camillo seufzte.

Er verbeugte sich und verließ den Altar.

Er wandte sich noch einmal um, um sich zu bekreuzigen, und befand sich so gerade hinter Peppones Rücken, während dieser kniend ganz im Gebet versunken war.

»In Ordnung,« flüsterte Don Camillo, indem er die Hände faltete und zu Jesus hinaufschaute. Die Hände sind zum Segnen da, aber nicht die Füße!«

»Auch das ist wahr«, sagte Jesus vom Hochaltar, »aber ich bitte dich, Don Camillo: nur einen!«

Der Fußtritt traf wie ein Blitz. Peppone steckte ihn, ohne mit der Wimper zu zucken ein, stand dann auf und seufzte erleichtert: »Zehn Minuten warte ich darauf. Jetzt fühle ich mich viel besser.«

»Ich auch,« rief Don Camillo und sein Herz war jetzt leicht und rein wie der heitere Himmel.

Jesus sagte nichts. Man sah ihm aber an, daß auch Er zufrieden war.

So weit Giovannino Guareschi. Ich weiß nicht, was Sie bewegt bei diesem Abschnitt: Ärger über die Ketzerei, wie denn man so genau wissen will, was Jesus zu sagen hat.

Oder Sehnsucht danach, mit ihm auch einfach so zu reden und vor allem, genau zu hören, was er denn antwortet.

Oder sind Sie entrüstet über die Tatsache, daß dieser Christus einen Tritt in den Po zuläßt, oder denken Sie gerade darüber nach, wem Sie so etwas auch gerne zukommen lassen würden?

Und das am Sonntag Rogate. Das heißt Betet! Deswegen gleich 3 Fragen dazu: 1. Wie kann ich beten? 2. Was soll ich beten? 3. Wie antwortet Gott?

 

1. Wie kann ich beten?

Erinnern Sie sich noch an die Geschichte, die Irmela Brosk eben vorgelesen hat? In der Nacht klopft es an die Tür des Hauses. Die Kinder, die alle im Raum liegen und schon schlafen, werden leicht wach. Der Nachbar hat Besuch bekommen, völlig unerwartet und nun benötigt er noch Brote, damit er ihn versorgen kann.

Der Hausherr flüstert laut und deutlich, daß die Kinder schlafen, daß die Tür schon abgeschlossen ist, daß er ungelegen kommt und eigentlich wollte er noch sagen, daß er doch durchaus hätte besser planen und vorsorgen können, für alle Fälle. Das macht er doch auch.

Aber der penetrante Nachbar ist nicht zu abzuwimmeln. Wie eine Nervenkreissäge redet er weiter, er habe halt nichts und es wäre doch peinlich, die Gäste hätten einen weiten Weg hinter sich und er wüßte nicht, an wen er sich sonst denn wenden solle...

Entnervt steht der Hausherr auf und holt das Brot.

Das alles ist keine Einleitungsgeschichte für den Krimi: Mord in der Nachbarschaft. Es ist auch kein Werbespot für Baldrian Extra, nein, Jesus redet vom Gebet.

Und Jesus beantwortet mit dieser Geschichte, die ich nicht mehr lange erklären muß, die Frage: Wie kann ich beten? Ganz einfach, sagt Jesus und wäre er ein Berliner würde er sagen: Frei Schnauze. Oder etwas höflicher: Wie dir der Schnabel gewachsen ist.

Diese Geschichte vom penetrant bittenden Freund zeigt eindeutig: Zu irgendwelcher Diplomatie ist beim Gebet kein Anlaß.

Ich glaube, daß viele Menschen, auch gerade wenn sie Gebete in Gottesdiensten hören, den Eindruck bekommen: Bevor ich mein Anliegen loswerden will, muß ich die richtige Anrede kennen, die richtige Gebetshaltung beherrschen, die korrekte Sprache sprechen, sonst wird es sowieso nichts. Viele bekommen den Eindruck: Bei Gott muß ich mich erst einschmeicheln, ihn mit Lob umwerben.

Diese Geschichte zeigt anders: Zu Schmeichelein ist in der Nacht und in der Not keine Zeit. Ich darf frei und einfach heraus, mit dem, was mir auf der Seele liegt.

Wie soll ich beten? Eine Formvorgabe macht Jesus nicht. Das, was dir auf der Seele liegt, darf raus...

Aber, nun kommt mein zweiter Punkt...

 

2. Was soll ich beten?

Die Jünger von Jesus sind mit dem Gebet groß geworden. Die Bibel zeigt, besonders das Alte Testament und die Psalmen zeigen, das Wesentliche ist das Gebet. Nicht die blutigen Opfer im Tempel, sondern daß Menschen zu beten beginnen, nicht länger allein bleiben mit dem, das sie bedrückt.

Obwohl die Jünger in dieser Disziplin sicher keine Anfänger sind, fragen sie Jesus: Was sollen wir beten?

Und da nennt Jesus ihnen das Vater-Unser. Haben Sie das im Konfirmandenunterricht auch auswendig lernen müssen. Könnten Sie es jetzt auswendig aufsagen?

Das Vater-Unser ist doch dann doch Formsache, würden viele jetzt erwidern. Eben habe ich gesagt, man darf mit Gott frei Schnauze reden und jetzt doch ein vorformuliertes Gebet?

Es gibt viele Menschen, die empfinden das als einen großen Halt, daß es dieses Vater-Unser gibt, ein Gebet, wo man sich einklinken und einfach mitsprechen. So wie man frei reden darf, ist doch gerade nicht meine Formulierkunst das Entscheidende.

Aber noch wichtiger scheint mir, daß wir das Vater-Unser nicht nachbeten, sondern daß wir mit dem Vater-Unser beten. Es geht nicht darum, daß wir einer Form folgen, sondern, daß das Gebet nicht immer nur um unsere Bitten und Wünsche kreist!

Ich möchte Ihnen und Euch drei dieser Bitten versuchen näher zu bringen, so daß wir uns Vom Vater unser in die Weite führen lassen...

Dein Name werde geheiligt...

Im Moment, in diesen Tagen des Krieges auf dem Kosovo, da führen alle Gott im Mund. Slobodan Milosevic lädt die orthodoxen Kirchenfürsten aus Moskau und Belgrad zu sich und versichert sich derer Solidarität.

Bill Clinton beruft sich auf Gott, betet in dieser Woche in Spangdahlem in Rheinland-Pfalz für seine Soldaten und gleichzeitig kündigt er an, daß erbarmungslos weitergekämpft werden soll.

Es ist ein bißchen wie 1914, als europäischen Mächte in den Krieg gezogen sind, alle Gott mit uns und alle ihn in Gottesdiensten angefleht...

Und dann heißt es: Dein Name werde geheiligt... Das bedeutet: Gott laß nicht zu, daß dein Name vor jeden Karren gespannt wird und so durch den Kakao gezogen wird. Und bewahre mich, darauf herein zu fallen, daß du es schon bist, wenn nur jemand sich auf dich beruft.

Mit dem Vater-Unser beten, heißt, geschärften Blick und geöffnete Augen zu bekommen: Weiter heißt es:

Dein Reich komme.

Da wird der Blickwinkel weit aufgemacht. Unser persönliches Gebet, das bezieht sich sehr oft nur auf unseren privaten Raum. Es ist gut und ok. Wir dürfen Gott alles sagen: Nichts ist Gott peinlich oder kleinlich, aber Gott hat die Leidenschaft für diese Welt und wenn wir beten: Dein Reich komme, dann beten wir für

- für die Jenny in Zornheim, dort wo Silke und Hajo Schöne herkommen und bitten für alle Kinder, die schwer krank sind,

- Flüchtlinge in Ingelheim und in Mazedonien.

Dein Reich komme, das ist ein echter Augenöffner...

Und dann noch:

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Viele fragen ja immer wieder: Wenn ich bete, einfach so, dann kommt es mir vor wie eine Einbahnstraße: Ich rede, aber wann redet Gott?

In dieser Bitte des Vaterunser gibt Jesus den Ball zurück, aus dem Spielzug wird ein Doppelpaß. Vergib mir so, wie ich auch anderen vergebe. Und dann lenkt Gott meinen Blick zu den Menschen, bei denen ich schon Wut bekomme, wenn ich nur an sie denke: Was der mir angetan hat und immer noch antun, das ärgert und kränkt mich maßlos. Mir vergeht alles, wenn ich an den denke...

Wie auch wir vergeben, das heißt: »Gott, ich möchte diesen ganzen Ärger nicht haben, der mich vergiftet, nimm das weg von mir.« Das Gebet wird zum Ventil für das, was in mir gärt und übel riecht: All das soll hinaus...

 

Da sind wir schon bei der dritten Frage:

3. Wie antwortet Gott?

Vielleicht doch nicht so, wie der Christus von Don Camillo, obwohl wer weiß? Oft auch ganz direkt, aber viele Menschen, die andere im Gebet anleiten, sagen: Es ist wichtig zur Ruhe, zur Stille zu finden, damit Gott auch hören kann...

Neulich habe ich einen CB-Funker gesehen, der sich am 1. Mai vergnügt mit Funkerkollegen unterhalten hat. Bei Funkgeräten geht das anders als bei Telefonen. Wenn man selbst redet, dann kann man nicht im gleichen Moment hören. Dann muß man erst einmal umschalten, die Leitung in die andere Empfangsrichtung öffnen.

Wir sind alle vollduplex-telefongewohnt, da kann man beides reden und hören zugleich, aber Gebet ist vielleicht doch eher wie CB-Funk. Wenn ich Gott hören will, muß ich auf Hören umschalten, selbst still werden. Das schon fällt vielen nicht leicht, im Zimmer zuhause oder bei der Arbeit ist das auch schwer. Schon ein Spaziergang hilft und wir spüren in der Stille, was da alles an unverdauten Gedanken rauskommt. Es tut aber gut.

Und wie antwortet Gott dann?

Der Freund in der Geschichte rückt die Brote schließlich raus und Jesus ermuntert seine Freunde daraufhin: Bittet, so wird euch gegeben, klopft an, so wird euch aufgetan...

Ich weiß nicht, ob Gott die verzweifelten Stoßgebete im Frankfurter Waldstation und auf dem Mönchengladbacher Bökelberg erhört, die erflehen, daß die Eintracht und die Borussia doch vom Abstieg verschont bleiben.

Ich glaube nicht, daß Gott hiermit zur Wunschmaschine für alle Dinge wird, auf die wir Lust haben...

Jesus schließt am Ende des Abschnittes, wo er die Geschichte vom penetrant nervenden Freund erzählt hat: Ihr dürft frei reden... Gott wird seinen heiligen Geist geben denen, die ihn darum bitten.

Das Gebet ist nicht der Freischein zur 90-Jahre-nur-Glücks-Garantie für mein Leben.

Das Gebet bewirkt nicht, daß alles so kommt, wie ich es mir erträumt habe.

Aber Gott sagt zu: Wenn du den heiligen Geist haben willst, wenn du wissen willst, daß du sein Kind bist, das wird er nicht versagen. Das wird er dir zusagen. Darüber wird er dich nicht im Unklaren lassen.

Dietrich Bonhoeffer hat das prägnant formuliert: Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen, seine Zusagen. Und das ist die Zusage des Vaters. Ich halte dich, was auch kommt. Du bist mein Kind.

Amen.

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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