Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis,
20. Juni 1999

zu Lukas 15, 1-3;11b-32

Liebe Gemeinde,

Der Philiosoph Erich Fromm hat ein bedeutendes Buch geschrieben: "Haben oder Sein". Erich Fromm sagt, daß diese Unterscheidung zwei Grundhaltungen im Leben markiert, die über alles andere entscheiden. Wenn ich mich durch das definiere, was ich habe, bin ich arm dran, selbst wenn ich reich bin. Wenn ich mich definiere über das, was ich bin, kann ich reich sein, auch wenn ich arm bin. Kleine Worte unterscheiden groß.

Die Worte Sein und Haben unterscheiden aber noch mehr. Setzt man sie in Verbindung mit anderen Begriffen ein, dann geben sie den Dingen neue Bedeutung: Wenn ich sage: Ich bin fertig, dann ist das schön, wenn ich sage: Ich habe fertig, bin ich wahrscheinlich Trainer bei Bayern München... gewesen.

Heute geht es um solch eine wichtige Unterscheidung: Die Unterscheidung zwischen Verloren-Sein und Verloren-Haben.

Es ist ein Unterschied, ob ich sage:

"Ich habe verloren" oder ob ich sage: oder "Ich bin verloren". Auch hier werden zwei Grundphänomene des Lebens beschrieben, zwei Ängste, die uns umtreiben.

Es gibt Menschen und Zeiten bei Menschen, da gibt es die:

- Angst vor dem Verloren sein

Das klingt mächtig, kommt aber in unserer Sprache vor. Mitten in einer fremden Großstadt kann ich entnervt ausrufen: "Ich komme mir hier so verloren vor." Bei einem Jahrmarkt, habe ich Furcht, daß die Kinder verloren gehen.

Und dann gibt es die:

- Angst vor dem Verloren haben

Noch einmal das Beispiel Fußball: Die Angst, vielleicht verlieren zu werden, also am Ende verloren zu haben, hat das Spiel von vielen Favoriten schon belastet. Siehe nochmal Bayern München am vergangenen Samstag.

Es ist eine andere Angst, ein Spiel zu verlieren, als verloren zu gehen, verloren zu sein. Aber es geht ja nicht nur um ein Spiel. Man kann sagen, das ist das Spiel des Lebens und es gibt Menschen, die haben die Angst, daß sie dieses Spiel verlieren und sich eingestehen müssen: Ich habe verloren. Denn nur wer wagt, gewinnt und in unserer Leistunsgesellschaft ist man ein Looser und die Freude los, wenn man verliert. Verlieren kommt übrigens von Verlies.

Ich glaube diese Unterscheidung der Ängste zwischen der Angst vor dem verloren sein und der Angst vor dem verloren haben, markiert zwei Grundtypen von Menschen: Die eher Ängstlichen und Mutigen.

Oder benennen wir es anders: Es ist die Frage: Was ist die größere Sehnsucht im Leben eines Menschen: Ist es die Sehnsucht nach:

- Sicherheit und Geborgenheit?

Oder ist es die Sehnsucht nach:

- Freiheit und Erlebnisreichtum?

Als Stichfrage würde man die Frage benennen können: Was würden Sie jetzt mit 100.000,- DM machen, wenn ich Sie Ihnen geben würde, was ich jetzt nicht tue, aber überlegen Sie mal: Traumurlaub oder sichere Geldanlage. Etwas Verrücktes oder etwas Solides?

Die Geschichte, die Jesus erzählt, setzt das palästinische Erbrecht voraus. Das Land Palästina ist eng. Es gibt keine großen Grundstücke, die man auf die Kinder so aufteilen könnte, daß es für alle reicht. Man würde das Land buchstäblich tot-teilen, wollte man das tun. Deswegen gilt ein Erbrecht, daß dem Ältesten bei der Erbteilung 2/3 des Ganzen zugesteht, der jüngere bekommt als Abfindung 1/3 ausbezahlt, verliert damit alle Ansprüche.

Der Jüngere nun bringt die Bitte mit allem Respekt vor: Vater, gib mir... Der junge Mann beweist Selbständigkeit und Unternehmergeist. Daran gibt es nichts zu kritisieren.

Sein Weg führt ihn in fernes Land, das ist wohl eine Beschreibung für Übersee. Irgendwo im Mittelmeerraum, in Kleinasien, in der heutigen Türkei, in Griechenland. Es ist ja keine reale Geschichte, aber Jesus und seine Zuhörer konnten sich dabei Reales vorstellen. Die Auslandsjudenschaft im Römischen Reich betrug ein Vielfaches der jüdischen Bevölkerung in Palästina. So wie es heute in den USA mehr Juden gibt als in Israel.

Wo aber beginnt die Schuld des jüngeren Sohnes? Sie beginnt da, wo er die Selbständigkeit in Verantwortungslosigkeit verwandelt und den Unternehmergeist in nächtliche Unternehmungen investiert: Das Geld ist bald weg. Die Zukunft, die er wollte, leichtfertig verspielt.

Dann gibt es dann noch den älteren Bruder. Von ihm erfahren wir, als der Jüngere zurücckehrt. Er benimmt sich merkwürdig. Er hört die Musik und sieht den Reigentanz der Festgäste, aber er geht nicht dazu. Sollte er ahnen, daß sein Bruder - ach, was, der ist doch weit weg.

Der Ältere ist ein durch und durch reservierter Typ. Er ruft den Knecht und läßt sich berichten, was da vor sich geht, ehe er weitere Schritte unternimmt.

Spüren Sie es: Das sind die beiden Typen. Die Geschwisterkonstellation kommt zur Grundveranlagung, dann wird es überdeutlich.

Der ältere Bruder hat die Angst verloren zu sein. Deswegen bleibt er, wo er nur bleiben kann und er bleibt irgendwie sitzen.

Der jüngere Bruder hat die Angst, verloren zu haben, deswegen sucht er zu gewinnen, was er gewinnen kann und verliert dabei.

Beide Haltungen haben große Chancen. Die Haltung des Älteren birgt in sich Treue und Beständigkeit, Tradition und Konsequenz. Die Haltung des Jüngeren steht für Entdeckermut und Aufgeschlossenheit.

Beide Haltungen haben große Gefahren. Der Ältere mit der Angst verloren zu sein, kann am Ende viel verloren haben: Reichtum an Erfahrungen, vielfältige Eindrücke. Der Jüngere mit der Angst verloren zu haben wird am Ende verloren sein und heimatlos und ungeborgen.

Ich bitte Sie um eines. Reden Sie nie mehr vom "verlorenen Sohn". Es sind doch die beiden verlorenen Söhne, von denen Jesus hier berichtet: Beide sind zu Verlierern geworden, beide drohen, dem Vater verloren zu gehen: Der eine driftet in die äußere, der andere in die innere Emigration.

Zwischenfrage...

Zu welchem Typ gehören Sie? Vielleicht überlegen Sie schon die ganze Zeit: Noch eine Stichfrage: Würde es Sie reizen, eine Woche lang New York zu erforschen, mit Sky-Line und Straßenschluchten oder würden Sie lieber diese Woche in Bad Wiessee verbringen? Sie wissen, was ich meine?

Beides sind verlorene Söhne. Beide sind weit davon entfernt, in der Liebe Gottes Geborgenheit und Freiheit zu erfahren.

Und doch sollen in der Geschichte von den verlorenen Söhnen, die ja auch die Geschichte vom verlorenen Vater heißen könnte, beide Söhne gefunden werden, aus den Verlierern Gewinner werden. Aber wie werden die beiden Söhne zu Gewinnern?

Da kommt ein Lumpenpaket aus Übersee. Gerade noch am Leben. Die Konturen des Gesichtes waren für niemand anderes zu entziffern als für den Vater, sonst hätte doch einer der Sklaven auf dem Feld den Junior erkannt.

Der Vater erkennt ihn und läuft ihm entgegen. In den Bildern von Rembrandt, die einzigartig sind, gibt der alte, weise Vater alle Würde dran und umarmt den stinkenden Lumpensack.

Der Vater läßt ihn gar nicht reden. Die Entschuldigung muß gar nicht ausgesprochen werden. Der Vater entdeckt in der Rückkehr die Umkehr. Helmut Gollwitzer sagt es eindrücklich: "Der Kuß kommt vor der Buße."

Und neulich las ich wieder einen Satz, den ich kompakt und eindrücklich finde, gerade auch für den Umgang der Kirche mit den Menschen, denen sie fremd geworden ist: Ehrung kommt vor Bekehrung.

Der Vater rennt los und fragt nicht lange und das Fest, das er ausrichtet, ist vom Feinsten. Der jüngere Sohn kommt heim in die Geborgenheit.

Da kommt noch ein Sohn. Ärger steht ihm in den Augen geschrieben. So ein Fest. Bitte: Weswegen und für wen? Das gab's ja noch nie. Der ältere Sohn klagt dem Vater: Du hast noch nie so ein Fest für mich ausgerichtet.

Er klagt die Ungerechtigkeit, aber es ist nicht deutlich, ob er schon je einmal gefragt hat, mit Freunden zu feiern. Jetzt, in diesem Moment, gehen dem älteren Sohn die entgangenen Möglichkeiten auf.

Mit was wird der ältere Sohn beschenkt. Der Vater möchte in ihm etwas wecken: Die Sehnsucht nach Erlebnis der Liebe und Freiheit Gottes, die in seinem Leben sich öffnet. Komm doch aus dir heraus.

Das ist doch verrückt: Haben Sie es gemerkt?

Der Vater beschenkt die beiden geradezu überkreuz zu den ursprünglichen Erwartungen, mit dem was, gerade nicht bisher benannter Zielpunkt ihrer Veranlagung aus Furcht und Sehnsucht war!

Der Jüngere, der nichts verlieren wollte und dabei verloren ging, er findet in den Armen des Vaters Geborgenheit. Danach hat er doch gar nicht gesucht, aber vielleicht war sein Suchen auch nur oberflächlich.

Der Ältere, er wird am Ende vom Vater ermutigt, mitzufeiern, wird in die Freiheit eingeladen. Endlich von den Ängsten abzulassen, etwas falsch machen zu können und befreit die Liebe des Vaters zu feiern, die ihm wie dem Bruder gilt.

Und nun merken wir am Ende, daß die beiden verlorenen Söhne doch ein verlorener Sohn sind. Denn beides findet sich in mir. In unterschiedlichen Zeiten meines Lebens unterschiedlich. Gottes Liebe ist nicht für den einen das und für den anderen das. Sie ist immer Liebe in Geborgenheit und Freiheit. Und manchmal ist gerade das, was ich nicht suche, das was ich brauche.

Was du wirklich brauchst, spürst Du, wenn Du es erfährst. Die ganze Liebe Gottes in Geborgenheit und Freiheit, die dich wiedergefundene Tochter, wiedergefundenen Sohn des Vaters im Himmel sein läßt.

Amen.

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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