Predigt für GoSpecial!Traisa 21. Februar 1999

Haben Sie ein Verhältnis? Von Beziehungen, die klappen oder klappern...

Da ist eine, die will Boot fahren. Sie trägt schon die Verantwortung, da muß sie doch nicht noch das Boot tragen. Sie gibt lieber Kommandos! Tief in ihr steckt aber die Angst, daß sie am Ende Schuld ist, wenn’s nix wird. Das wird man ihr vorwerfen. Und nun ahnt sie, daß es nix wird, also gibt sie immer mehr Kommandos.

Da ist eine, die will Boot fahren. Und sie haßt Kommandos. Und alle, die Kommandos geben. Es schnürt ihr alles, ab, wenn jemand über sie bestimmen will. So etwas raubt ihr allen Spass. Sie wehrt sich.

Da ist eine, die will Boot fahren. Sie hat das noch nie gemacht. Sie freut sich, mit den anderen mit zu können. Sie hat Angst, daß sie Fehler macht, und die anderen sich um sie kümmern müssen. Aber je mehr Angst sie hat, desto mehr Fehler macht sie. Und das Mitleid der anderen hält nicht lange an.

Da ist eine, die will Boot fahren. Sie ist der gute Geist. Beschwichtigend, besänftigend, beruhigend will sie alles zusammen halten. Und es gleitet ihr aus den Fingern.

Eine Bootsfahrt, die ist lustig? Alle wollen Boot fahren, alle wollen Spaß, alle wollen es gut miteinander machen. Aber sie kommen nicht mal dazu, zu sagen: "Wir sitzen doch alle in einem Boot!" Sie kommen erst gar nicht dazu...Sie sind sich selbst im Weg, dabei haben sie sich so darauf gefreut!

"Haben Sie ein Verhältnis?", so fragt unser GoSpecial heute abend. Nein, es geht dabei nicht nur um den viel beschworenen Seitensprung, sondern um Beziehungen, die klappen oder klappern. Der oft beschriebene Seitensprung steht wohl ganz am Ende, dann, wenn die tragende Beziehung schon längst nicht mehr trägt. Es geht heute aber um Beziehungen überhaupt.

Und wenn die klappen, dann sind sie tragfähig und halten und Menschen sind imstande, Tolles zu leisten. Aber wenn sie klappern, dann geht es mir, wie auf einer Hängebrücke über einer Schlucht, die anfängt zu wackeln und einzustürzen droht. Das macht mir Angst.

Ich gehe einfach davon aus, daß wir alle Menschen sind, die das brauchen und wollen: Gute, tragfähige, verläßliche, liebevolle Beziehungen. Dabei geht es um Qualität, nicht Quantität: Wir brauchen nicht viele davon, aber wesentliche, die uns tragen und halten.

Wir haben eine Sehnsucht danach: Daß es Menschen gibt, die sich für uns interessieren, die sich Zeit nehmen, die uns zuhören, zu denen wir kommen können, ohne Angst, daß wir stören. Haben Sie auch diese Sehnsucht?

Und gleichzeitig haben wir die Angst, daß das Gegenteil eintritt und wir das Gefühl bekommen, wir fallen jemand nur auf den Wecker, den komischen Eindruck nicht los werden, jemand hört uns gar nicht richtig zu, ich bin dem offensichtlich egal, und wenn ich anrufe, atmet der oder die erst einmal tief durch. Ich höre das Stöhnen "Schon wieder der...", obwohl es nicht hörbar ist.

Da ist jemand, bei dem gehörte ich zum engsten Freundeskreis. Auf einmal lädt er mich nicht mehr ein. Auf einmal komme ich nicht mehr an ihn heran. Ich weiß gar nicht warum.

Wir sind zwar unterschiedlich bei der Wahrnehmung solcher Signale. Es gibt Menschen, die sind sehr sensibel und merken sofort, daß etwas nicht stimmt, andere etwas dickhäutiger...

Aber mein Eindruck ist: Wer das schon mal erlebt hat, der reagiert – komischerweise – meistens sehr, sehr höflich: Man merkt die Absicht und ist verstimmt und zieht sich höflich zurück. Kaum jemand kämpft wirklich um eine Beziehung. Man will ja nicht aufdringlich sein. Man spürt: Der oder die will nicht: Dann eben nicht!

Zurück bleibt die prägende Erinnerung: So etwas passiert mir nicht noch einmal.

Und dann kommt irgendwann eine Zeit, wo die Wunde vernarbt ist, aber unser Schutzverhalten ist mittlerweile antrainiert. Wir halten uns schmerzfrei. Aber dabei bekommen wir eine komische Haltung.

Wenn wir am Fuß verletzt sind und das nicht behandeln, tut uns irgendwann der Rücken weh, dann gehen zum Arzt wegen der Rückenschmerzen, aber das Problem sitzt tiefer.

Diese Selbstschutzhaltung, in der wir auf gute Beziehungen verzichten, weil wir erlebt haben, daß wir verletzt wurden, ruft selbst Schmerzen hervor. Weil wir krumm gehen. Dann dürfen wir nicht an Symptomen herumdoktoren, sondern müssen an die Ursachen heran.

Es war siedend heiß. 12 Uhr Mittags. High Noon. Kein Hund geht bei diesem Klima vor die Haustür, schon gar nicht im Orient. Und doch kommt es an diesem Tag am Brunnen einer kleinen Stadt in Samarien, in Sychar, im Niemandsland zu einer merkwürdigen Begegnung.

Jesus kam mit seinen Jüngern durch diese Gegend. Die Jüngern gingen dann in die Stadt zu einem Bäcker, um Brot zu besorgen. Jesus blieb am Brunnen. Ansonsten war da niemand, denn es war heiß und High Noon und 12 Uhr Mittags.

Und nun kommt doch jemand zum Brunnen. Eine Frau, um Wasser zu holen.

Diese Frau kommt mittags, in der Affenhitze, weil sie niemanden treffen will.

Um diese Uhrzeit ist sie allein. Sie hat keine Lust, auf die anderen Frauen, die in der angenehmen Kühle des Morgens das Wasser für den Tag am Brunnen holen.

Sie will deren Gerede nicht hören, sie will deren schnippischen Bemerkungen und aalglatten Fragen entgehen. Diese Frau nimmt sich selbst in Schutz. Aber vor was? Was ist mit dieser Frau?

Jesus spricht sie an: Gib mir zu Trinken!

Das verwundert die Frau, denn daß jemand mit ihr spricht, dazu noch ein jüdischer Mann, ist absolut unüblich. Juden haben nichts mit den Leuten aus dieser Gegend, aus Samaria zu tun.

Aber diese Frau unterhält sich angeregt und dankbar mit Jesus. Sie reden über vieles: Über den Brunnen, über die Wasserqualität, über das Wasser, das den Durst wirklich löscht. Das den Lebensdurst löscht. Es ist ein seltsam mehrschichtiges Gespräch.

Und dann sagt die Frau: Ich hätte gern dieses Wasser, das den Lebensdurst löscht.

Und Jesus antwortet rätselhaft: Dann geh und hol deinen Mann.

Und die muß antworten: Ich habe keinen Mann.

Und Jesus deckt die Karten auf: Du hast recht: Du hast keinen Mann, denn du hattest fünf Männer und der, der jetzt bei dir ist, ist nicht dein Mann!

Wie bitte?

Jesus fragt die Frau so wie wir heute: "Haben Sie ein Verhältnis?" Wo ist dein Mann? Wo ist deine Beziehung, die dich trägt? Wenn Du den Durst deines Leben löschen willst, brauchst Du eine Beziehung, die dich trägt.

Eines wird auf einmal klar: Diese Frau ist nicht glücklich. Der Mann, mit dem sie lebt, ist nicht ihr Mann, ist bestenfalls eine Bettgeschichte, ist Nummer 5 oder 6, je nach Zählweise.

Und davor war eine lange Geschichte der ungestillten Sehnsucht, des ungelöschten Lebensdurstes.

Und immer wieder Bruchlandung, Enttäuschung, Betrogenwerden und selbst Betrügen, keinem mehr ein Wort glauben, Austrocknen.

Deshalb verlor sie auch die Kontakte und kam mittags zum Brunnen, weil eben das die Sprüche der anderen Frauen waren: "Na, wie ist denn der Neue?!" "Oh oh, wir kommen mit dem Zählen ja gar nicht nach!" "Schneller als die Hemden wechselt sie die Männer!"

Jesus dokort nicht an den Symptomen herum. Mit göttlicher Intuition trifft er den Kern: Du hattest fünf und die Nummer sechs ist es auch nicht. Was suchst du wirklich?

Jetzt ist die Frau ziemlich platt. Das hatte sie nicht erwartet, jetzt in der Mittagshitze, daß da einer ihre Lebenskarten aufdeckt.

Und sie spürt diese göttliche Intuition und staunt: Du mußt ein Prophet sein. Wenn du mein Leben kennst. Die Frau merkt sie es: Das ist der, bei dem mein Leben offen da liegen kann. Meine Fragen, meine Sehnsüchte.

Und wissen Sie, was dann passiert: Diese Frau läuft los: Zu den anderen in der Stadt, in jedes Haus. Sie vergißt den Schutzmechanismus, der sie vor dem Leben beschützt hat und sagt es den anderen: Hier ist einer, der hat alles gesagt, was ich getan habe.

Was hat Jesus für diese Frau bedeutet und was kann er für uns bedeuten?

Diese Schutzmechanismen, diese Angstgefühle, die es in unserem Leben gibt, diese Erinnerungen an vergangene Schmerzen, die sich als Gefühle und Rollenmuster eingegraben haben, die wirken so wie ein Graben. Ein Graben, der immer tiefer wird, der mich vom Leben trennt. Immer mehr Mut und Überwindung würde es bedeuten, diesen Graben zu überspringen.

Und immer mehr wird es deutlich: Um zu guten Beziehungen, um zum Leben zu kommen, brauche ich eine Beziehung die mich hinüberträgt, die nicht reißt.

Für die Frau war Jesus so eine Brücke. Sie hat es gewagt, sich von ihm die Wahrheit sagen zu lassen, weil sie gespürt hat: Der legt mich nicht rein. Der läßt mich nicht fallen.

Diese Beziehung zu Christus kann die entscheidende Brücke für mein Leben werden.

Die Frau rennt in die Stadt. Und sagt es den anderen weiter. Und wir fragen uns brennend: Rennt sie auch zu ihrem Mann? Das heißt. Rennt sie auch zu Nr. 5 oder 6, je nach Zählweise?

Schade: Es wird uns nicht erzählt. Es gibt kein Happy-End like Hollywood. Deswegen gibt es auch heute auch kein Filmausschnitt. Wir hätten nämlich nicht gewußt, ob Rosenkrieg oder Pretty Woman angesagt ist. Auch mit Christus ist das Leben komplizierter als in einem Film.

Auch wer Christus kennt als tragende Beziehung für sein Leben, der muß an Beziehungen arbeiten, muß Zeit und Gespräche und Interesse und Treue und Wahrheit investieren, muß lernen sich auf die Sprache des anderen einzustellen. Wenn eine Frau reden will, dann will sie nicht küssen.

Wir haben keine Ahnung, ob diese Frau sich von diesem Mann trennt oder ob sie ihre Beziehung zu ihm neu erleben, neu vertiefen wird. Sie wird sicher nicht so bleiben wie vorher.

Aber eines ist ganz sicher. Diese Frau hat kapiert: Es gibt eine Beziehung, nämlich die zu Christus: Da muß ich kein Spiel spielen, da muß ich keine Maske aufsetzen, da muß ich meine Fehler nicht kaschieren. Ich kann es gar nicht. Ich darf aufatmen.

Und wir?

Ich möchte Ihnen zum Schluß einen Vergleich, ein Bild mitgeben.

Mit Beziehungen sollte man umgehen, wie mit der eigenen Haut.

Unsere Haut hat viele Ähnlichkeiten zu guten Beziehungen. Unsere Haut ist atmend, offenporig, lebendig und empfindlich. So sind Beziehungen auch. Mit Beziehungen sollte man umgehen wie mit der eigenen Haut.

  1. Wenn meine Haut verletzt ist, dann muß ich sehen, daß sie heilen kann. Eine Verletzung zu übergehen, kann gefährlich sein. Meistens gehe ich dann zum Arzt. Zu wem gehe ich, wenn meine Beziehung verletzt ist? Ich werde mich hüten, die Haut mit Seife zu waschen, wenn sie verletzt ist. Das tut weh. Zuerst muß sie heilen. Mit wem kann ich reden? Zu wem habe ich Vertrauen?
  2. Wenn meine Haut verschmutzt ist, dann aber muß ich sie waschen. Manchmal muß ich ganz schön schrubben und Arbeit investieren, damit sie sauber wird. Vielleicht fällt Ihnen jetzt jemand ein, bei dem Sie das Gefühl nicht loswerden: Es war dumm, was ich gemacht. Und jedesmal, wenn wir uns sehen, dann steht dieser Dreck zwischen uns. Vielleicht rufen Sie diesen Menschen heute abend noch an. "Tut mir leid, wie das gelaufen ist..."Wenn die Haut verschmutzt ist, ist es nicht sinnvoll, sie einzucremen. Das wird ein dreckiges Geschmiere. Ich muß sie erst waschen.
  3. Wenn meine Haut vertrocknet ist, dann muß ich sie pflegen. Sie braucht soviel Feuchtigkeit, daß sie nicht austrocknet und so viel Luft, daß sie atmen kann. In Beziehungen ist das das Maß von Nähe und Distanz, von umarmen und freigeben. Das sind kleine Schritte, gemeinsame Abend, Spaziergänge, einfach Zuhören.

Was ist mit Ihrer Haut?

Denken Sie darüber nach, wo Sie stehen, was mit Ihren Beziehungen ist: (verletzt oder verschmutzt oder vertrocknet) was Sie brauchen! Reden Sie mit jemand darüber.

Jesus schon wartet am Brunnen.

Amen.

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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