Predigt für GoSpecial!Traisa
Juni 1999
Hilfe, meine Eltern werden alt!
Vom ganz normalen Chaos der Generationen
Liebe Freunde...
John Lennon und Paul Mc Cartney bringen es mal wieder auf den Punkt. When I'm sixty four, wenn ich einmal 64 Jahre alt bin - oder älter, dann lautet meine Lebensfrage:
Will you still need me,
will you still feed me,
Wirst du mich noch brauchen,
wirst du mich noch versorgen, (es heißt nicht füttern) für mich da sein,
when I'm sixtyfour
wenn ich 64 Jahre alt bin.
Mir ist dieses Lied so durch den Kopf gegangen, als ich anfing, über diesen Abend nachzudenken. Ich habe mir dann den Text besorgt und gestaunt...
In der zweiten Strophe versucht der Sänger zu zeigen, daß er doch auch im Alter immer noch für was gut ist:
"Ich könnte ganz geschickt den Zünder reparieren, wenn das Feuer bei dir ausgeht, und du könntest mir einen Pullover am Kamin stricken und am Sonntag Morgen machen wir einen Ausflug. Ich pflege den Garten, jäte das Unkraut: Kannst du noch mehr verlangen?
Wirst du mich noch brauchen,
wirst du mich versorgen,
when I'm sixtyfour?
Liebe Freunde, ich glaube das ist eine spannende Frage, eine doppelte Frage, die hier laut wird: Erstens: Bin ich noch zu etwas gut? Zweitens: Wirst du noch für mich da sein?
Und spüren Sie auch, wie teuflisch diese beiden Fragen miteinander verkoppelt werden können: Wenn ich einmal für nichts mehr gut bin, nichts mehr leisten und helfen kann, wirst du dann noch für mich da sein? Das ist eine wahnsinnig machende Angst, wenn man das nicht weiß.
Lieber John Lennon, lieber Paul Mc Cartney, das nennt Ihr einen Popsong? Das ist doch ernst und schwer.
Hilfe, meine Eltern werden alt! Sie haben sicher gemerkt, das war jetzt die andere Perspektive: Wie ist das mit mir selbst, wenn ich spüre: Hilfe, ich selbst werde alt! Was kann ich dir dann noch geben, was wirst du mir dann geben? Wirst DU noch da sein?
Und dieses "Du", das kann ja der Lebenspartner sein oder halt die eigenen Kinder...
Kinder und Eltern, Eltern und Kinder. Chaos der Generationen. Hier liegt schon seit uralter Zeit ein Problem offen. Eines der 10 Gebote klärt das Verhältnis von Eltern und Kinder...
"Du sollst deinen Vater und Mutter ehren, auf daß es dir gut geht und du lange lebst auf Erden." Und noch schärfer formuliert es ein anderer Rechtssatz aus dem Alten Testament:
"Wer Vater und Mutter flucht, der soll des Todes sterben."
Offensichtlich gab es damals Anlaß genug, so scharf zu reden. Offensichtlich gab es viele Fälle, wo Menschen Vater und Mutter, die eigenen Eltern so behandelt haben wie Altes Eisen, gerade notdürftig versorgt, aber absolut unehrenhaft. Und eben beim Theaterstück haben wir es gemerkt: Das ist kein Problem von gestern, daß man mit den alten Menschen unehrenhaft umgeht und sie abschiebt im Heim oder zu Hause.
Neulich fiel mir ein Artikel in die Hand, der davon berichtete, wie oft und warum sich Alte Menschen das Leben nehmen. Da war ein Satz aus dem Abschiedsbrief markant: "Jetzt hast du keine Mutter mehr, aber jetzt hast du auch keine Sorgen mehr..." Ich muß das nicht lange erklären, welche Not dahinter sich verbirgt.
Aber, haben Sie eigentlich gemerkt? Dieses Gebot: Du sollst deinen Vater und Mutter ehren wie dich selbst, blickt nach vorn: Es endet nicht mit: Auf daß es den Eltern gut gehe und sie lange leben, sondern richtet sich an das Kind: Auf daß du lange lebst auf Erden. Dahinter steckt eine Gesetzmäßigkeit: So wie du es gemacht hast, so wird man es auch einmal mit dir machen. Ich glaube im Chaos der Generationen gibt es diese einfache Ordnung: Wie du mir, so ich dir. Das bedeutet: Wie ich es einmal gemacht habe, werde ich es wahrscheinlich selbst erfahren. Denken Sie nur an die hölzernen Schüsselchen im Märchen von vorhin...
Wir haben vor kurzem eine Freizeit mit Konfirmanden gemacht und haben uns mit den 10 Geboten beschäftigt. Dabei ging es auch um dieses Gebot und wir haben eine Video-Umfrage in Michelstadt und Höchst im Odenwald durchgeführt, was die Leute von diesem Gebot denn halten: Du sollst Vater und Mutter ehren...
Was denken Sie, was die Antwort war? Ganz klar, ohne Frage, alle waren dafür, das sei doch ein ganz wichtiges Gebot, das würden die Leute heute nur sehr vergessen... So weit war alles klar, aber bei einer der Folgefragen ging es aber dann erstens ans Eingemachte und zweitens gingen die Antworten auseinander. Wir fragten dann:
"Was erwarten Sie denn von Ihren Kindern, wenn Sie einmal alt sind, glauben Sie, daß Ihre Kinder sie auch einmal pflegen werden?"
Einige waren ganz offen und gaben die Kinder frei: Das weiß ich nicht, da kann man nichts Konkretes erwarten...
Ein Mann im Rollstuhl, der sicherlich wußte, was Pflege bedeutet, sagte ganz spontan und entschlossen: Nein, das will ich auf keinen Fall, daß die sich um mich kümmern.
Eine ältere Frau wurde auf einmal ganz unsicher und nachdenklich und sagte: Das will ich doch stark hoffen, und man merkte ihr an, daß das so sicher gar nicht ist. "Was ist", so stand auf einmal unausgesprochen im Raum, "wenn die das nicht tun, die werden mich doch nicht in ein Altersheim stecken?"
Wissen Sie was ich glaube: Bei dieser Frage, ob und wie sich die eigenen Kinder später einmal um einen kümmern werden, wird das aktuelle Verhältnis von Eltern und Kindern in die Zukunft projiziert, einfach nach vorne verlängert:
Wenn heute schon Offenheit und Toleranz da ist, und man die heißen Themen aussprechen kann, dann kann man sagen: Das muß man mal sehen.
Wenn heute offener Krach ist, dann ist jetzt schon deutlich: Von denen will ich einmal gar nicht abhängig sein.
Wenn es aber so ist, daß die Erwartungen unausgesprochen in der Luft liegen und ungeklärt sind, dann bekommt man mit einem Mal Angst, weil man nicht weiß, wie man eigentlich dran ist.
Vielleicht haben einige von Ihnen gedacht: Hilfe, meine Eltern werden alt, das ist noch kein Thema für mich, die sind doch noch gar nicht so alt. Das mag sein, aber die Frage lautet: Wie ist das Verhältnis jetzt? Was wird daran anders sein, wenn die Eltern wirklich alt sind?
Ein Mann sagte das in diesem Interview: Es kommt ebenso und genauso wichtig darauf an, daß Vater und Mutter die Kinder ehren... Was haben Sie für ein Gefühl? Werden Sie von ihren Eltern geehrt, geliebt und freigegeben, oder wird permament, wenn auch versteckt an Ihnen herum gemäkelt, leise oder laut kritisiert und reingeredet?
In der Bibel steht nicht nur, daß man Vater und Mutter ehren soll, sondern auch, daß ein Mensch Vater und Mutter verlassen wird. Und das ist gut so. Eigene Familie, eigenes Leben...
Und wir wissen heute ganz genau: Wo die Eltern die Kinder an sich klammern und immerzu in deren Leben mitmischen wollen, wo die Eltern nicht zu-lassen, daß die Kinder sie ver-lassen, da wird es für die Kinder einmal schwer sein, später aus freien Stücken zu sagen: "Jetzt bin ich für dich da!" da wird der Schrei eher sein: Hilfe meine Eltern werden alt. Und dann sind die Eltern dann vielleicht wirklich verlassen.
Aus der Sicht der Kinder verständlich: Da sagt man sich: Jetzt bin ich 45 und habe das Gefühl, mich gerade erst freigeschwommen zu haben und nun liegt eine Zeit vor mir, in der ich mich vielleicht 10 oder 15 Jahre lang um diese Eltern kümmern, kräftezehrend pflegen soll? Mensch, danach bin ich 60. Das ist doch mein Leben!! Und viele haben heute erst spät ihre Kinder und die sind noch jung und die Eltern schon alt und die Belastung doppelt. Sehen wir es doch ganz realistisch.
Im Neuen Testament heißt es an zwei Stellen: Ihr Väter reizt eure Kinder nicht zum Zorn. Ihr Väter erbittert eure Kinder nicht, damit sie nicht scheu werden.
Merken Sie es? Das Leben besteht aus ganz unterschiedlichen Phasen, die muß man auseinanderhalten, aber die hängen auch zusammen! Wenn Eltern Kinder nicht freigeben, wenn sie sich immer wieder in das Leben einmischen, dann ist es schwer, daß am Ende aus freien Stücken ein "Ja" auf die Frage kommt:
Wirst du mich brauchen und versorgen, when I'm sixtyfour oder älter?
Haben Sie auch den Eindruck? Wir können uns im Generationenproblem verlieren, wir können im Sumpf des Aufarbeitens von alten, unbeglichenen Rechnungen steckenbleiben.
Das Dilemma ist noch einmal schnell beschrieben: Die Eltern versuchen die Kinder zu erziehen, ihr Leben zu prägen und machen dabei Fehler. Ich weiß als Vater genau, daß ich Fehler mache, manchmal zu nachlässig, manchmal zu streng, habe viel zu oft zu wenig Zeit und bin viel zu oft viel zu viel mit mir selbst beschäftigt.
Und später einmal sind die Eltern von den Kindern abhängig, an denen sie manches gut und vieles schlecht gemacht haben.
Und jetzt möchte ich versuchen mit Ihnen aus dem Sumpf heraus zu kommen.
Am Anfang steht eine überraschende Erfahrung: Manchmal rede ich mit alten Menschen und habe den Eindruck: Die sind ja jung, dagegen sehe ich ziemlich alt aus. Die sind voller Zuversicht und machen mir Mut. Die haben noch Träume und lassen mich wieder träumen: "Wenn ich nochmal so jung wäre wie sie, dann würde ich auch..."
Albert Schweitzer hat einmal gesagt: "Du bist so jung wie deine Zuversicht..." Und irgendwo in der Bibel steht der Satz, daß Gottes Geist es fertig bringt: Die Jungen werden Visionen haben und die Alten Träume... Manchmal spürt man das: Das Alter trennt uns überhaupt nicht.
Bei näherem Nachdenken wird klar: Vor Gott selbst sind die 30 Jahre Unterschied, die uns trennen ein ziemlicher Klacks.
Vor Gott sind wir Eltern und Kinder, Kinder und Eltern, aber nicht nur das: Vor Gott sind wir alle Kinder, und wenn wir das begreifen, dann können wir alle neu Geschwister werden. Diese biologischen und genealogischen Abhängigkeiten sind vor Gott so wichtig nicht. Vor Gott sind wir alle Kinder und in ihm können wir Geschwister werden.
Ich glaube das ist ein Quantensprung in unserem Leben wenn wir das erkennen.
Im Blick auf die Kinder: Meine Kinder bekommen für mich eine größere Würde, wenn ich sie nicht als nervtötende und schlafraubende Mini- Monster ansehe, die ich zähmen soll, sondern als Mit-Kinder in Gott, deren Bruder ich gerne sein möchte.
Ohne meine erzieherische Verantwortung zu vernachlässigen, wünsche ich mir, das wird meinen Blick auf meine Kinder noch mehr verändern.
Das gilt auch im Blick auf die Eltern, wenn ich erkenne: Die haben an mir vieles mit viel Liebe gemacht und in vielem haben sie Fehler gemacht: Ich kann viel leichter vergeben, wenn ich weiß: Vor Gott sind wir alle Kinder und können Geschwister werden. Das Festgefahrene löst sich.
Wenn es sich nicht löst, dann heißt es: Wie du mir, so ich dir. Dann werde ich irgendwann, mit dem Ärger der Vergangenheit im Kopf und im Herz, anfangen mich um die alten Eltern zu kümmern, werde ihnen beweisen wollen, daß ich besser bin als sie denken, werde nicht eingestehen, daß es meine Kräfte übersteigt, weil ich mir keine Blöße geben will.
Aber wenn es sich löst und es fängt bei mir an, kann sich mein Leben ändern. Dann werde ich frei und ehrlich, weil ich ja nicht mehr meine Ehre retten muß, weil ich mich nicht mehr ins rechte Licht stellen muß. Wenn ich merke: Christus hat mich lieb, werde ich ehrlich und frei und kann auch sagen. Ich habe euch lieb, aber Euch daheim zu pflegen, dazu habe ich vielleicht nicht die Kraft. Laßt uns rechtzeitig darüber reden, wenn ein Mensch im Dämmerzustand liegt, kann man das nicht mehr.
All das beginnt in mir, wenn ich mich als Kind Gottes verstehe, als Freund von Jesus Christus, der mich liebt und meine Unzulänglichkeiten kennt, dann kann sich auch mein Verhältnis zu den Eltern ändern. Ich werde ehrlich und frei. Ich lerne, mir und zu anderen zu vergeben und das ist immer die Grundlage für einen Neuanfang.
Amen.
| ©
Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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