GoSpecial-Traisa! September 1999
"Du musst ein Schwein sein in dieser Welt!"
Keine Alternative?
0.
Zwei Freunde sind im Urlaub in den Rocky Mountains wandern. Als sie sich so ihren Weg durch die Wälder bahnen, steht da plötzlich in einiger Entfernung ein riesenhaft großer Grizzly vor ihnen. Und der ist erstens wütend und zweitens offensichtlich hungrig. Klar, dass er jeden Moment angreifen wird.
Blitzschnell setzt sich einer der beiden Freunde auf den Boden, reisst sich die schweren Wanderschuhe von den Füßen, holt die Laufschuhe aus dem Rucksack, zieht sie an und schnürt sie eilig zu. Alles wirklich in Sekundenschnelle. Sein Freund steht daneben, beobachtet abwechselnd ihn und den Bären. "Sag mal", fragt er verwundert, "glaubst du wirklich, daß du mit diesen Schuhen schneller rennen kannst als der Bär?" "Nee," sagte der andere: "aber schneller als du."
Liebe Freunde: In dieser kurzen und überaus wahren Geschichte werden zwei Dinge sofort deutlich:
Erstens: Ob ein Mensch ein Mensch ist oder ein Schwein, merkt man nicht im normalen Leben. Man merkt es erst, wenn es hart auf hart kommt, wenn es heißt: Er oder ich!
Mit anderen Worten: Wenn es bei einem Swimmingpool im Hotel genügend Liegestühle gibt, dann ist alles gar kein Problem. Aber wehe wenn nicht. Sie kennen das. Da werden aus braven Familienväter echte Ritter für die Gerechtigkeit.
Und das Zweite: Hier kommen wir zur Definition von "Schweinsein". Das ist das persönliche Fortkommen, das Erfolgreichsein, das zum Zielkommen-Wollen, auf Kosten anderer.
Darum geht es heute.
1.
Können Sie mit dieser Definition etwas anfangen? Wir nennen das Schweinsein, wenn ein Mensch auf Kosten anderer vorankommen will, sein Glück erreichen will, Erfolg und Karriere machen will.
Merken Sie, wie brisant das ist?
In unserer Teambesprechung vom GoSpecial- Team ging es hoch her:
"Das ist doch klar!", sagten einige: "In unserer Welt kommt man zu nichts, wenn man nicht kämpft, nicht mit harten Bandagen Einsatz zeigt. Überholen kann nur, wer andere hinter sich lässt. Alles andere anzunehmen, ist doch eine nette Illusion."
Und die anderen sagten: "Moment! Das kann doch nicht heissen, dass ich schon automatisch ein Schwein bin, das nur es auf Kosten anderer geschafft hat, wenn ich es zu etwas gebracht habe. Das lasse ich mir nicht unterstellen!"
Und es stimmt. Da gibt es Firmen, in denen ganz genau darauf geachtet wird, dass das Betriebsklima freundlich und kollegial ist. Wenn einer mit Mobbing anfängt, gefährdet er den Frieden und die Qualität der ganzen Arbeit. Schön wenn es so ist.
Wolfgang Trieb erzählte uns aber auch, dass es Fälle gibt, in denen die Mitarbeiter vom Chef zum Mobbing angestachelt werden, ganz dezent, mit kleinen Bemerkungen, damit am Ende einer genervt kündigt und geht - ohne Abfindung zu bekommen, versteht sich.
Und all das gilt doch auch in unserem Dorf. Da spüren es manche schmerzhaft: Wenn ich zu dem und der gehören will, dann muss ich mich von einer anderen Person absetzen. Ich kann offensichtlich beider Freund nicht sein.
Das sind die kleinen Feindseligkeiten in der Elternschaft von Kindergarten und Schule: Wer kann mit wem? Wer setzt sich ein und über wen wird schlecht geredet? "Ach die, wenn ich die schon höre." Und dann muss man sich von jemand distanzieren, um bei anderen dazu zu gehören. Und ich will doch dazu gehören. Dann ist das der Preis?
Und spüren Sie: All das taucht erst richtig auf, wenn es um etwas geht. Wie gesagt: Wenn es genug Liegestühle gibt, ist alles kein Problem.
Besonders klar umrissen wird es, wenn es darum geht, etwas zu erobern, das man nicht aufteilen kann.
Diese Frau oder diesen Mann, für den - nicht nur - ich mich interessiere.
Diese Freundschaft eines Menschen, der mir besonders viel bedeutet.
Dieses Grundstück oder Haus, das ich für mich und die Familie gerne bekommen würde.
Diese Arbeitsstelle oder Aufstiegsmöglichkeit, um die ich mich bewerbe.
Verschärft wird das Ganze dann, wenn ich mir einer Sache schon ziemlich sicher bin und plötzlich kommt einer und droht, mir das Erstrebte wegzunehmen. Da kommt zu allem, was ich tue, noch die Verzweiflung dazu: "Das darf doch wohl nicht sein!" "Mir schwimmen die Felle weg!" Und da, wo ein Mensch verzweifelt handelt, da wird es oft so unverständlich für andere.
Ein Geschäftsmann, der es anders, der es ehrlich machen wollte, kommt auf einmal in die Enge und unter Druck fängt er an, zu lügen und zu tricksen. So richtig merkt er es selbst nicht, wie sehr er sich verändert...
Ich fasse das nochmal zusammen, was ich unter Schwein-Sein verstehe. Ein Mensch hat Ziele, die er erreichen will. Und immer wieder kommt es vor, dass er sich, um das zu erreichen, von anderen absetzen muss, andere hinter sich lassen muss, sich von anderen distanzieren muss.
2.
Wir haben uns im GoSpecial-Team ebenfalls lange darüber unterhalten, ob man denn das alles Schwein nennen soll. Ist das nicht schlechter Stil?
Wenn wir zu einem Menschen sagen: Du Schwein, dann ist das eine Beleidigung für das Schwein. Schweine sind nämlich sensible Tiere. Denken Sie daran beim nächsten Leberwurstbrot. Für das, was wir mit Schwein meinen, stehen sie nicht.
Vielleicht kommt unsere Redewendung daher: Schweine gelten im Orient - Muslime und Juden essen ja kein Schweinefleisch - als unreine Tiere. Und mit "du Schwein" bezeichnen wir einen Menschen, von dem wir finden, dass es ziemlich dreckig ist, wie er sich benimmt.
Geht es also darum, dass wir uns bessere Manieren beibringen, dass wir nicht so suhlen, schmatzen und stinken?
Leben wie ein Schwein, ohne dass es jemand merkt? Versuchen nicht so aufzufallen mit Egoismus und Eigensinn? Wir könnten ja auch einen Aufbaukurs anbieten? Wie werde ich ein Scheinheiliger? An drei Abenden mit Abschlussdiplom. Alles Quatsch. Aber deutlich wird. Wir rühren an der Oberfläche. Wir sind oft oberflächlich menschlich und unter der Haut ein Schwein. Unsere wahren Absichten verbergen wir unter subtiler Freundlichkeit.
Die Frage, um die es geht ist: Was verändert uns wirklich? Ich glaube, es fehlt uns nicht an ethischer Orientierung. Oder? Es wäre vielleicht gut auf einige Kernsätze zu schauen, wie Jesus und Paulus uns raten, miteinander um zu gehen:
Ich fange mit einem echten Spitzensatz an, den Jesus in der Bergpredigt seinen erstaunten Zuhörern gesagt hat:
Matthäus 6
Jesus geht davon aus, dass die Liebe zu dem Nächsten selbstverständlich ist. Jeder liebt seine Freunde, das ist nichts Besonderes, aber die Feinde lieben? Ist das eine Form von Masochismus?
Es gibt Leute, die finden diese Aussage ganz unrealistisch. Völlig unmöglich, so kann man nicht leben, da geht man doch unter. Das ist ja, wie wenn einer versucht mit blossem Winken eine Büffelherde anzuhalten! Ist das, was Jesus sagt bloss verträumt und unrealistisch?
Erstmal stelle ich fest: Jesus redet tatsächlich von Feinden, von Menschen, deren Lebensgefühl, jedenfalls soweit es mir gilt, Hass ist. Das finde ich einen wichtigen Realismus! Das ist weit weg von allem Schmus wie: Wir sind doch alle nette Kollegen. Piep, piep, piep, wir haben uns eben nicht alle lieb! Es kann nur der die Feinde lieben, der sie auch als Feinde erkennt! Wir sind oft furchtbar nett und nicht ehrlich!
Und noch ein Bibelwort, das ganz erstaunlich ist:
Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen, dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.
Röm 12, 19+20
Das sind Worte von Paulus an die Christen in Rom. Die hatten noch keine grosse Kathedrale wie etwas später, sondern das waren ein paar Hauskreise. In Rom regierte gerade Nero, ein ziemlich verrückter Kaiser, der ein wenig später die ausgefallene Idee hatte, die eigene Stadt in Feuer, Schutt und Asche zu legen, um hinterher zu sagen: "Die Christen waren's!" Und um dann die ersten Pogrome und Verfolgungen zu starten.
Hat man da nicht Lust auf Rache? Lust, nicht wegzulaufen, sondern sich zu wehren?
Paulus schreibt an die Römer: Überlasst die Rache Gott. Er ist selbst das Ventil, an dem ihr den Dampf ablassen könnt!
Noch ein Wort aus diesem Zusammenhang!
Röm 12,17+18
Es ist klar. Einer muss den Kreislauf des Bösen brechen, sonst eskaliert das Ganze. Aber es ist nicht einfach. Das wird deutlich in den Worten: "Ist möglich und soviel an euch liegt".
Und wenn es nicht möglich ist? Dann muss ich wohl - das kann man bei Tieren lernen - angreifen oder fliehen. Klaren Standpunkt beziehen.
Wir Menschen bleiben oft in der Situation, in der wir stecken bleiben und lange still leiden. Das entdecke ich bei Jesus nicht!
Und? Was glauben Sie? Verändert das "Schweine"? Ethische Regeln, als richtig erkannt? Ich glaube, das Schicksal von ethischen Regeln ist, dass sie als Wort-zum-Sonntag-Persiflage enden: Wir alle wissen doch und sollten wir nicht wieder, nicht nur morgen am Sonntag, sondern auch im grauen Alltag, ein wenig, nein es fängt im kleinen an, ein Stück weit sozusagen, freundlicher sein?\
Ich glaube nicht, dass uns das weiterhilft...
3.
Das ist aber die Hauptfrage: Wie kommt es zu einer Veränderung des Menschseins, ohne dass wir uns dem Irrwitz hingeben, durch Appelle und gute Worte viel verändern zu können?
*
Er war ein Schwein. Darüber muss man nicht lange diskutieren. An alles Ausgängen der Stadt sassen seine Leute. Sie verdienten alle gut und er verdiente am allerbesten. Die römischen Besatzungsleute vergaben die Zollrechte an Leute, die ihnen willfährig waren. Auch an ihn.
Und er kassierte ab. Jeder, der nach Jericho hinein wollte und jeder der wieder hinaus wollte, musste bluten. Was er mehr nahm als die Römer verlangten, das war sein Gewinn.
Dafür hassten ihn alle. Für die Römer war er nur ein kleiner Jude, der absahnen wollte und für die Juden, die ihre Ehre noch hatten, war er ein - Schwein. Er hatte sich die Finger mehr als schmutzig gemacht. Kein Wasser dieser Welt würde ihn sauber waschen.
Und als Jesus kommt, treibt es ihn auf den Baum. Zachäus, so heisst der Zöllner, um den es im Lukasevanglium geht, wird vor lauter Neugier gepackt, auch er will den Prediger sehen, von dem in den letzten Tagen alle reden.
Zachäus hat nur ein Problem, sonst kann er sich ja alles kaufen: Er ist klein und keiner lässt ihn durch. Er bekommt in der Menge das zu spüren, was er so gut kennt: Ellebogen.
Und dann findet er diesen Maulbeerbaum: Er klettert hinauf, macht sich lächerlich, die Leute rufen: Guck mal, der kleine Geizkragen, macht sich zum Affen!
Und Jesus sieht ihn. Was wird er ihm sagen?
Die Einwohner Jerichos hoffen, dass er für Zachäus nichts übrig hat. Sind sie nicht alles andere als er? Rechtschaffen und so gut es geht ehrlich, anständig und fromm?
Sie hoffen höchstens, dass er Zachäus, dieses Schwein, so richtig zur Sau machen wird: "Zachäus! Wenn du an die Himmelspforte kommst, macht dir sicher kein Schwein auf! Mach dich drauf gefasst!"
Doch was tut Jesus? Er ruft Zachäus zu sich. Steig eilends herunter! Ich will in deinem Haus einkehren!
Hätte Jesus nicht wirklich allen Grund gehabt, Zachäus nicht runter zu rufen, sondern ihn runter zu machen: "Weisst du eigentlich, dass es wegen dir den Leuten dreckig geht? Sie haben schon nicht viel und du nimmst ihnen noch das Letzte. Was bist du denn für ein Mensch?"
Was tut Jesus? Er lädt sich selbst zu ihm ein! Das ist noch absolute Ehre: Jesus wird Gast bei Zachäus, er gibt ihm die Chance, ihm, Jesus die Ehre zu geben!
Von Zachäus hat niemand mehr etwas angenommen. Vor ihm haben alle ausgespuckt. Geschenke von ihm wollte keiner annehmen, denn man macht sich nicht gern die Finger schmutzig.
In all den Jahren war keiner mehr bei Zachäus Gast. Jesus trifft die Grundsehnsucht seines Lebens: Geliebt werden und Liebe zeigen dürfen. Geehrt werden und Ehre geben dürfen.
Das finde ich total faszinierend. Jesus mäkelt nicht an Zachäus herum, obwohl er doch alles wusste und hörte wie die Leute anfingen zu schimpfen. Zu einem Sünder will er gehen? Bei einem Schwein einkehren?
Was Jesus macht: Er gibt keine Verhaltensregeln aus, wie man christlicher, anständiger leben kann: Sondern er stellt durch das was er sagt und tut radikal die Frage: Nach was sehnst du dich in deinem Leben, worauf bist du aus?
Und viele Menschen merken in der Begegnung mit ihm: Das wofür ich ein Schwein bin, ist gar nicht das Ziel, das ich wirklich erreichen möchte. Und deswegen werde ich unglücklich. Ich mache nur immer weiter auf dem Weg, weil sich kein anderer für mich auftut!
Was suchst du wirklich in deinem Leben?
Auto, Haus, Glück und sichere Altersversorgung?
oder:
Liebe und Anerkennung, Sehnsucht deinen Traum zu erfüllen, Kreativität, Geltung und Achtung anderer?
Nach dieser Begegnung, in der Zachäus gespürt hat, was er denn wirklich will in seinem Leben, kann er sich von viel Geld und Macht trennen. Er verändert sich, ganz reell.
Die anderen behaften uns bei dem was wir getan: Einmal Zöllner, immer Zöllner. Einmal ein Betrüger, immer Betrüger, einmal Lügner, immer Lügner, einmal Schwein, immer ein Schwein.
Jesus behaftet die Menschen nicht länger bei ihren selbstgesetzten Zielen und Werten, sondern sagt ihnen auf den Kopf zu, nach was sie sich wirklich sehnen.
Am Ende spüren wir: Nicht Moral verändert Menschen, sondern Liebe, die wir empfangen und spüren. Die verändert wirklich.
Amen.
| © Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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