"Das verzeih ich dir nie!"

Warum Vergebung nicht vergeblich ist...

Gottesdienstreihe in Traisa im Mai-Juni 2002

Warum und wie Gottes Geist frei macht. 
(Pfingstsonntag, 19.5. 2002)
Die anderen Predigten der Gottesdienste finden Sie hier:

Warum Vergebung so schwer ist.
(Trinitatis, 26. 5. 2002)

Wege zur Vergebung und wie man um Vergebung bitten kann.
(1. So. n. Trinitatis, 2. 6. 2002)

Ab- und Auswege des Ausgleichs.
(2. So. n. Trinitatis, 9. 6. 2002)

Die Kurzform der Predigtreihe:
(am 12. 5. 2002 bei "Kreuz und Quer" in Kehl)

Liebe Gemeinde,

in den nächsten drei Wochen ist das unser Thema:

Lebenskunst Vergebung. Warum Vergebung nicht vergeblich ist:

Vergebung eine Lebenskunst? Ist eine Vergebung eine Kunst?

Was ist denn eigentlich eine Kunst?

Kunst kommt von Können. Sagen die einen. Klingt ein wenig spießig, denn das ist das Standard-Argument aller Eltern, deren Kinder ihre Zukunft in irgendeiner brotlosen Kunst wie Musik, Malerei oder Theater sehen. „Da musst du erst mal richtig etwas können. Für die Kunst braucht es Handwerkszeug, dazu musst du etwas lernen. Das fällt dir nicht zu.“

Vergebung eine Lebenskunst? Kunst kommt von Inspiration. Sagen ganz andere: Denn ob einer das Handwerkszeug drauf hat oder nicht, entscheidet noch nichts: Denn das wäre der Unterschied von Kunsthandwerk und Kunst: Die Inspiration. Die kann man nicht können. Da weht ein künstlerischer Geist. Und auf einmal entsteht etwas, vorher nie da Gewesenes.

Vergebung eine Lebenskunst?

Können wir vergeben?

Können wir vergessen?

Klar können wir das! Wir sind doch Christen und leben von Vergebung.

Vergebt einander, wie euch vergeben wurde.

Friede sei mit dir und auch mit dir.

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben, die uns etwas schulden. 

Das kennen wir alles, aber können wir es auch?

Es geht nicht um notgedrungene Vergebung, verpflichtend, weil wir doch Christen sind und die Sonne nicht im Zorn untergehen lassen sollen: Das bringt es überhaupt nicht. Wenn Vergebung so etwas wäre wie christliche Pflicht, bleibt die Frage, ob unser Herz dabei befreit wird von der Kränkung. Wenn wir uns nicht klar werden darüber, was uns da verletzt hat, ist solch eine Vergebung auch nur eine Verdrängung.

Ich möchte deutlich machen, um was es bei Vergebung eigentlich geht: Als wir letztes Jahr in unseren Familienurlaub nach Spanien gefahren sind, machten wir an einem Parkplatz hinter Lyon Rast. Kaum waren wir aus dem Auto ausgestiegen und räkelten uns, die Tür war noch offen, kam ganz rasch ein Zeitungsverkäufer auf uns zu, und versuchte mir eine Zeitung zu verkaufen. Schnell wurde aber deutlich, dass das ein Vorwand war. Er legte plötzlich die Zeitungen auf den Fahrersitz und beugte sich ins Auto. Dort lag das Handy und der Geldbeutel und die Kreditkarte, die man ständig für die Mautstationen braucht. „Hey!“, rief ich und zog ihn an der Schulter aus dem Auto heraus. Er lachte mich süffisant an, schlug mir, äußerlich freundschaftlich, aber spürbar feindschaftlich auf die Schulter, machte sich auf und davon, stieg hinter einer Hecke hinten in einen dunklen BMW, in dem noch zwei andere saßen und war blitzschnell verschwunden.

In mir war irgendwie auch Glück und Dankbarkeit, dass nichts geklaut wurde, aber viel stärker, das Gefühl von Kränkung, der Wunsch nach Vergeltung und Rache und  dieses Gefühl hat mich mehrere Tage verfolgt. Da musste erst ein anderer Geist in meinen Kopf, bis danach der Urlaub richtig angefangen hat. Bevor ich das Meer, Sonne und Strand genießen konnte, musste ich erst irgendwohin mit meiner Wut, dem Gefühl angegriffen worden zu sein und dem peinlichen Gefühl, irgendwo fast doch übertölpelt worden zu sein. Und irgendwo hin, mit der Lust, es dem heim zu zahlen, der mich da angegriffen hat. In solchen Momenten hat man richtige Rachegefühle, -gelüste, sagte man früher.

Und noch ein Beispiel: Diese Wut, all diese Gefühle können sich auch gegen einen selbst richten. Vor 2 Jahren haben viele Menschen waghalsig hohe Summen am Neuen Markt investiert und diese etwas später wieder verloren. Bei vielen war die damals neu erworbene Börsianerehre tief gekränkt. Wie konnte ich nur so blöd sein, ich könnte mir in den Allerwertesten beißen, und das kann ich mir nie verzeihen.

 

Ich möchte am nächsten Sonntag noch mehr Beispiele zeigen, von Kränkungen, und was uns da so bedrängt.

Eines ist klar: Solche Gedanken schieben wir weg, in uns grübelt und grummelt es noch. Und vergessen können wir das? Vergebung ist eine Lebenskunst. Und Kunst kommt von Können? Können wir vergessen?

„Eine alte Geschichte erzählt von einem König, dessen Staatskasse leer war. Er rief deshalb seine Alchimisten zu sich und sagte: Ihr arbeitet nun schon lange daran, unedle Metalle in Gold zu verwandeln. Nun brauche ich Gold. Ich gebe euch Zeit bis Freitag, die Formel herauszufinden. Gelingt es euch nicht, so werden eure Köpfe rollen. Es wurde Freitag und die Köpfe rollten. Nun trat der letzte Alchimist vor den König und sagte: „Ich hab’s!“ Der König antwortete: Lass die Formel hören!“ Und so zählte der Alchimist auf: Ein Löffelchen Kalkstein, Schmetterlingsflügel, eine Prise Eidechsenzunge, uns so ging es fort. Kurz bevor er zur Tür hinaus war, drehte er sich noch einmal um und sagte: „Was ich noch zu erwähnen vergaß, mein König: Wenn ihr beim Umrühren an einen Elefanten denkt, dann klappt es nicht.“

Es versteht sich, dass der Alchimist eines natürlichen Todes starb. Man kann nicht einfach auf Befehl etwas vergessen, die Bibel verlangt das auch gar nicht. Wir können uns vielleicht vornehmen, nicht mehr an die Schuld eines anderen zu denken, aber niemand kann versprechen, den Gedanken an sie völlig zu vergessen.

Vergeben heißt: Wir können uns ohne Schmerz und Abneigung an die schlimme Tat des Anderen erinnern. Die Kränkung ist vorbei.

Darum soll es in den nächsten Wochen gehen, wie wir das drängelnde Gefühl der Kränkung loswerden. Nicht, weil wir dazu gemacht sind, nur gute und nette Gefühle zu haben, sondern weil wir dann selbst belastet sind und nicht frei, weil wir ängstlich sind und nicht aus uns raus kommen, weil wir misstrauisch bleiben und die Liebe klein wird und weil wir sogar krank werden, wenn wir nicht vergeben können.

Können?

Was denn jetzt?

Vergessen können wir nicht. Können wir eine Technik erlernen, mit der wir schmerzfrei erinnern?

Wenn Vergebung eine Lebenskunst ist, ist es dann Können oder Inspiration?

Inspiration: Das legt sich an Pfingsten nahe. Im Wort Inspiration steckt ja das lateinische Wort Spiritus, das französische Esprit und das englische Wort: Spirit. Und das heißt ja alles Geist.

Lebenskunst Vergebung. Ist Kunst eine Inspiration, dann kommt dieser Geist, durch den ich dann vergeben kann nicht von mir, denn mein Herz ist gekränkt.

Dann kommt dieser Geist von außen, von Gott, hineingeweht in mein Leben, so wie der Heilige Geist am Pfingstmorgen in das trostlose Leben der Jünger hineingeweht hat.

Römer 8,1-2

1 Also gibt es jetzt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. 2 Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat dich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Das Wort Gesetz in diesen Abschnitten erinnert uns an Gesetz im Sinn von Gesetzestexten. Man kann es hier auch anders übersetzen: Regel oder Logik:

Und da gibt es zwei verschiedene Wege, zwei Regeln, zwei logische Ansätze, die einander widersprechen.

Die Logik der Sünde und des Todes heißt:

Was geschehen ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden, muss gesühnt werden, darf nicht vergessen werden.

So hart das klingt: In vielen Formulierungen unseres Lebens taucht das auf:

Das verzeih ich dem nie.

Mit der hab ich noch ein Hühnchen zu rupfen.

Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben.

Das sind Kränkungen in unserem Leben, wo wir den Fluch nicht loswerden, auf andere schieben möchten, doch er bleibt auf uns liegen.

Die andere Logik ist, die Logik des Geistes und des Lebens in Christus. Das ist keine Logik der Pflicht, die heißt: Christus hat dir vergeben, nun vergib doch auch anderen bitteschön.

Sondern die Grundlage ist die Heilung des Herzens. Der Geist Gottes kommt ins Herz, bringt die Liebe und das Leben von Christus ins Herz. Es ist die Kraft, die Jesus von den Toten auferweckt hat, nötig, all die Gedanken des Hasses und der Vergeltung aus meinem Herzen zu treiben!

Pfingsten, das ist Ostern für das Herz!

Da geht die Kammer auf, wo die Leichen im Keller liegen.

Da kommt frische Luft dorthinein, wo Vorwürfe seit Jahren schimmeln.

Da kommt helles Licht in die Dunkelheit der Rachegedanken.

 

Pfingsten, das ist Ostern für dein Herz!

Gott hat dich trotz deiner Fehler und deines Versagens lieb. Lass diese Liebe für andere gelten, nicht weil man das als Christ tut, sondern, weil die Liebe um sich greift.

Und am Ende dieser Predigt möchte ich sagen:

Vergebung, das ist das Ende vom Spiel, das Ende vom Schwarzen-Peter-Spiel. Dieses Spiel spielen wir gern: Wer hat denn angefangen, wer hat den Schwarzen-Peter? Auch dieses Spiel hat eine Logik. Und zwar: Es muss immer der den Prozess der Vergebung beginnen, der Dreck am Stecken hat. Der Leidende muss schweigen. Der Täter muss kommen – getrieben vom schlechten Gewissen. Und das funktioniert nicht.

Vergebung fängt immer bei dem an, der Vergebung gibt!

Darum geht es in der nächsten Woche.

Herzlich willkommen, und für heute: Amen.

 

 
© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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