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"Das verzeih ich dir nie!" Warum Vergebung nicht vergeblich ist... Gottesdienstreihe in Traisa im Mai-Juni 2002 |
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| Warum Vergebung so schwer ist. (Trinitatis, 26. 5. 2002) |
Die anderen Predigten der
Gottesdienste finden Sie hier:
Warum
und wie Gottes Geist frei macht. Wege
zur Vergebung und wie man um Vergebung bitten kann. Ab-
und Auswege des Ausgleichs. Die
Kurzform der Predigtreihe: |
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Lebenskunst
Vergebung, Teil 2: Vorneweg, um was es heute geht. Wenn jemand
mich verletzt hat, bloßgestellt, enttäuscht, hinter- oder übergangen,
beleidigt und betrogen, dann denken wir lange über die Tat dieses
gewissenlosen, skrupellosen, gefühllosen Menschen nach: „Was hat der
sich nur dabei gedacht?“ „Wie kann der nur?“ Lassen Sie uns das
eine Woche verschieben. Darum geht es nächsten Sonntag. Heute
geht es um uns. Und um die Frage: Warum tut es so weh? Warum hat mich
das so getroffen? Wie ist mein Herz angelegt, dass mich bestimmte
Nadelstiche wie Hammerschläge treffen, während mir anderes nichts
ausmacht? Unser
Nachdenken steht heute unter dem Predigtwort und dem Gebet aus Psalm
139: Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und
erkenne, wie ich's meine. Mein
Herz erkenne ich selbst kaum. Unser Nachdenken über Vergebung darf ein
Gebet sein, bei dem wir Gott unser Herz hinlegen. Er ist der wirkliche
Kardiologe, der sich besser auskennt. Bei ihm sind Kleinigkeiten
wichtig, wie beim Kardiologen. Kleine Ablagerungen können Arterien
verstopfen. Und
ich so rede ich heute von Beispielen, bei denen Sie sagen werden: Das
sind doch Lappalien. Und ich sage: Es sind keine. Wenn wir dahinter
kommen, was uns schon bei sogenannten Lappalien so schmerzt und
verletzt, zum Beispiel bei einem Scherz, den ein Spaßvogel bei einer
Feier in Gegenwart anderer auf unsere Kosten macht und alle lachen und
nur äußerlich lacht man mit, aber innerlich brennt es vor Schmerz,
dann kommen wir der Sache näher. Oder eine Kleinigkeit, wo niemand
schuld sein kann: Für das Schulfest haben Sie einen Kuchen gebacken und
sehen wie ihn gerade jemand probiert und dann zu seinem Nachbarn sagt:
U, der schmeckt ja nicht so toll. Erforsche mich, Gott, und erkenne mein
Herz... Wenn
wir vergeben wollen, müssen wir wissen, was wir vergeben sollen. Also fängt
das Nachdenken bei uns an! Sie kennen alle das Schwarze-Peter-Spiel. Wer
ist schuld? Wer schuldig ist, der muss anfangen. Das
Schwarze-Peter-Spiel lautet: Vergebung beginnt erst dann, wenn der
andere mich um Vergebung bittet. So lange bin ich sauer und schmolle.
Nein, ich bin viel zu stolz, ihm zu sagen und zu zeigen, dass er mich
verletzt hat. Ich zeige ihm nur die kalte Schulter, bin korrekt, lasse
mir nichts zuschulden kommen, aber vergeben, werde ich ihm diese Sache
erst, wenn er „auf Knien“ kommt. Einen „Canossa-Gang“ soll er
machen, er muss schon Reue zeigen, dass es ihm leid tut. Sonst kann ich
nicht vergeben. Dieses
Schwarze-Peter-Spiel spielen wir oft und gern, aber es bringt oft
nichts, denn die Entschuldigung bleibt aus. Wir
denken nämlich oft: Bei dem, was ein anderer mir angetan hat, wie der
mich verletzt und hintergangen hat, muss
doch sein schlechtes Gewissen schlagen. Aber es schlägt nicht.
Dieser Mensch zermartert sich weder, noch ist er peinlich berührt, wenn
er mich sieht. Da hat mich einer maßlos enttäuscht und es geht ihm
blendend. Das schlechte Gewissen eines anderen funktioniert
offensichtlich nur zeitweise. Ist dann unser Eindruck. Das
Größte Schlechte Gewissen,
die Skala geht bis 9, deswegen heißt das dann auch GSG 9, haben die
Deutschen gar nicht bei zwischenmenschlichen Themen, auch nicht bei der
Steuererklärung, auch nicht beim Verhalten im Straßenverkehr, sondern
nur noch bei der Mülltrennung. Wir machen, was wir wollen, aber einmal
den Restmüll in die grüne Tonne geworfen, zermarterst du dir tagelang
den Kopf und Jürgen Trittin tritt in deine Träume. Als ökologischer
Racheengel. Wir
denken manchmal das schlechte Gewissen eines anderen ist defekt. In
vielen Fällen, sind Menschen dann wirklich verletzt, wenn andere gar
nicht den Eindruck haben, sich entschuldigen zu müssen. Die haben mich
im Blindflug verletzt und haben sich in unmoralischer Fahrerflucht davon
gemacht, aber unwissend. Es war vielleicht nur eine kleine Bemerkung, scherzhaft gemeint, aber die hat mich schmerzhaft getroffen. Vor
zwei Jahren sagte ein alter Freund zu mir: „Ich habe im Internet nun
auch deine Homepage gesehen und deine Predigten: Fand ich lustig.“ Ich
habe keinen Ton herausgebracht! War das alles? Lustig? War’s denn
nicht auch gut? An dem Abend hatte ich das Gefühl: Es geht etwas
auseinander. Das Gefühl hatte ich sowieso schon. Und dann diese
Bemerkung. Seitdem habe ich keine Lust mehr, mich zu melden. Aber in
Gedanken habe ich mir schon oft, eine patzige, coole schlagfertige
Antwort überlegt. Die ist mir an dem Abend nicht eingefallen, weil ich
da leicht k.o. war. Jetzt
könnte ich mich immer noch echauffieren und aufregen: „Was ist das für
ein Typ, mit dem Einfühlungsvermögen einer Schraubzwinge?“ Das hilft
nicht. Die Frage muss lauten: „Was hat mich eigentlich so gekränkt?“
Erkenne mein Herz! Das war
doch nur eine Nebenbemerkung, warum mache ich mich so verrückt? Warum
kann ich das nicht ignorieren und darüber hinweg sehen? In
jedem Computer steckt ja eine Festplatte, wo alle Daten gespeichert
sind. Manchmal läuft der PC nicht mehr richtig, denn die Platte ist
hoffnungslos überfüllt. Doppelt installierte Programme, alte große
Bilder, viel Müll. Kein Wunder, dass der PC dann nicht mehr rennt.
Genau so ist es mit uns: So wie diese kleine Geschichte mit meiner lustigen
Homepage schleppen wir auch Nadelstiche oder Hammerschläge von
Verletzungen und Kränkungen und viele kleine Nebenbemerkungen in uns
herum. Und bei jeder einzelnen denken wir noch: „Das kann ich bewältigen,
das steck ich weg,“ aber irgendwann ist die Festplatte voll. Und dann
muss man alten Kram löschen. Aber
nicht wie bei Windows. Da wirft man die Sachen erst einmal in den
„Papierkorb“. Dort liegen sie dann auch aber noch, verbrauchen
Speicherplatz und sind noch lange nicht gelöscht, sondern wieder
herstellbar. Da muss man schon die Frage mit Ja beantworten: „Wollen
Sie diese Daten unwiderruflich löschen?“ OK. Bei Windows geht das.
Aber unser Betriebssystem im
Kopf ist dafür nicht so eingerichtet. Mit dem Vergeben und Vergessen
haben wir so unsere Probleme. Vor allem möchten wir nie vergessen, dass
und was wir einem vergeben haben! Im
Deutschen klingt vergeben so vergeblich. Vergebens etwas versucht zu
haben, heißt umsonst. Im Griechischen heißt vergeben: aphiämi und das bedeutet: Fortlassen, wegschicken. Und so geht es
mit diesen Gedanken der Kränkung. Die würden wir am liebsten
fortlassen, fristlos entlassen, wegschicken. Besonders, wenn wir denken,
das waren Lappalien – zu peinlich, um mit anderen darüber zu reden.
Aber diese Gedanken haben Bumerang-Fähigkeiten. Bei nächster
Gelegenheit sitzen sie wieder im Herzen: „Siehst du, ich habe es dir
doch gesagt: Er hat sich nicht gebessert. Es ist Unsinn, dem zu
vergeben. Er nutzt das nur aus!“ Wenn
die Vergebung meine Kränkung beendet, die grübelnden Gedanken, was der
mir angetan hat, und wie ich es ihm heimzahlen kann, - warum tun wir
es dann nicht einfach? Warum schicken wir die Gedanken nicht einfach
weg? Das
geht deshalb nicht, weil: Was der oder die mir angetan hat, hat mich persönlich
getroffen: Mein Ich,
meinen Kernbereich. Meine Predigten sind etwas von mir. Da kann die eine
oder andere daneben sein, thematisch unsortiert und nicht griffig, das
lasse ich mir sagen, aber wenn pauschal alle nur „lustig“ sind, bin ich
in den Komödienstadel abgeschoben und bin ich
nicht ernst zu nehmen. Und ich
werde nicht gelobt. Aber es ist doch mein
Herzblut drin. Jeder
Mensch, jeder und jede von uns hat um sich herum einen jeweils ganz
anderen persönlichen Bereich, an dem er oder sie sagt: Das bin ich,
damit identifiziere ich mich, darauf bin ich stolz. Und weil das bei
jedem Menschen individuell anders ist, tappen wir so oft in die Fettnäpfchen,
verletzen wir Menschen, weil wir diesen „Herzblut-Bereich“ nicht
kennen. Und unser „schlechtes Gewissen“ ist nicht gut drauf: Es
merkt den Fehltritt gar nicht, weil wir einen anderen
„Herzblut-Bereich“ haben. So kommen viele unserer Verletzungen
zustande! o
Da
kann es sein, dass jemand alte Porzellane sammelt. Wirklich wertvoll.
Ich finde das nicht bedeutend, kann Ming und Meißen nicht
unterscheiden. Ich komme in die Wohnung und sage beim Kaffee: „Na, mal
wieder auf dem Flohmarkt eingekauft?“ Unbedacht, aber tief getroffen,
denn an diesen Tassen klebt Herzblut. o
Oder
da zeigt einer seinem Nachbarn voller Stolz, die neue
Garden-Power-Besprenklungsanlage für den Garten. War sauteuer, mit
automatischer Steuerung und über Wochen eingebaut. Kommentar des
Nachbarn: „Also, ich brauch so was nicht.“ Unbedacht, aber tief
getroffen, denn durch die Schläuche fließt Herzblut. o
Oder
die Frau im Anspiel eben hat ihren „Herzblut-Bereich“ bei den
Kindern und ihrem Leben in der Schule. Das interessiert die Mutter nicht
so sehr, weil sie immer darauf bedacht war, wie der Garten aussieht. Bei
dieser Frau ist die Verletzung da, dass die Mutter überhaupt nicht
sieht, was ihr am Herzen liegt, sondern ihr Dinge vorwirft, die in ihren
Augen Nebensächlichkeiten sind. Jeder
von uns hat einen anderen Herzblut-Bereich, und den kann man nach drei
Bereichen gliedern: Da gibt es die drei Bereiche: Besitz
und Ehre und Lust. Martin Grabe berichtet das in seinem Buch. Jeder
Mensch erweitert seinen Herzblut-Bereich in diese Bereiche hinein. Und
man kann mit Fragen versuchen herauszubekommen, wie dieser Bereich
liegt. Was würde mir wehtun? o
Wenn
einer vor anderen schlecht macht, was ich mir mühsam erworben habe.
Also die Einbauküche, die ihr da habt, die taugt nichts... o
Wenn
einer ganz und gar nebensächlich findet, woran ich Lust habe und mein
Herz hängt. Die Art und Weise, wie ich singe oder Musik mache oder dass
einem wichtig ist, dass dein Auto Leichtmetallfelgen hat? Und einer nur
den Kopf schüttelt und sagt. Nein, so ein Typ. o
Wenn
einer lächerlich macht, was ich aufgebaut habe und wo ich stolz bin.
Kollege Schmidt, ihr Konzept ist nicht schlecht, aber es hat weder Hand
noch Fuß, wir entscheiden uns für das von Kollegen Müller. Die
Botschaft die im Herzen ankommt: Wir entscheiden uns für den anderen.
Nicht nur das Konzept. Der andere ist besser. Erforsche
mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich's
meine. Es
ist gut und richtig, wenn Menschen einen Herzblutbereich haben. Wenn wir
im Leben der Gemeinde sagen, dass es gut ist, seine Gaben zu entfalten,
dann erweitert sich der Herzblutbereich von Menschen und das ist richtig
so. Gleichzeitig wird man angreifbar. Wenn man sich mit etwas
identifiziert, wird man mit-getroffen, wenn das angegriffen wird. Wenn
Menschen ihr Bestes geben, dann steckt viel Herzblut drin: In
Jungscharstunden, in Gemeindebriefen, in Bauauschuss-Sitzungen, in
Kuchen, in Liedern... Es ist gut, wenn Menschen geben, was von Herzen
kommt. Aber:
„Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, hat Martin Luther
gesagt. Und damit hat er die Gegenseite beschrieben. Woran du dein Herz
hängst, das ist ein Teil von dir. Aber du bist es nicht. Da wirst
angreifbar und empfindlich. Wenn du dein Selbstbewusstsein nur in dem
siehst, was du gerade gut geleistet hast und ein anderer macht das
nieder, dann wird es dir schwer fallen, zu vergeben. Identifizier dich
nicht mit dem, was du tust: Gott liebt dich als Person und nicht deine
Leistung, und genau so vergibt er dir übrigens auch deine
Fehlleistungen, weil er davon absieht und durch Jesus auf dich sieht. Erforsche
mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich's
meine. Dieser
unterscheidende Blick Gottes ist die Grundlage aller Vergebung. Amen. |
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| ©
Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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