"Das verzeih ich dir nie!"

Warum Vergebung nicht vergeblich ist...

Gottesdienstreihe in Traisa im Mai-Juni 2002

Ab- und Auswege des Ausgleichs.
(2. So. n. Trinitatis, 9. 6. 2002)
Die anderen Predigten der Gottesdienste finden Sie hier:

Warum und wie Gottes Geist frei macht. 
(Pfingstsonntag, 19.5. 2002)

Warum Vergebung so schwer ist.
(Trinitatis, 26. 5. 2002)

Wege zur Vergebung und wie man um Vergebung bitten kann.
(1. So. n. Trinitatis, 2. 6. 2002)

Die Kurzform der Predigtreihe:
(am 12. 5. 2002 bei "Kreuz und Quer" in Kehl)

Liebe Gemeinde – Lebenskunst Vergebung.

Heute geht es um einen Nachtrag. Drei Wochen haben wir uns damit beschäftigt. Vergebung ist die große Chance zum Neuanfang.

Hinter der Vergebung steckt die Liebe Gottes. Gott kann durch seine Liebe unterscheiden zwischen dem, was ein Mensch einem anderen antut und dem was er ist. Wenn wir verletzt sind, können wir das nicht mehr: Dann denken wir bei dem Menschen nur an das, was er uns angetan hat. Gott kann das auseinander halten. Seine Liebe macht ihn nicht blind.

Und trotzdem ist Vergebung auch ein schmerzhafter Prozess. Es tut weh, man ist enttäuscht, es kostet Kraft und Zeit und Gespräche. Es hagelt Missverständnisse und manchmal bleiben auch Narben zurück.

Martin Grabe beschreibt in seinem Buch „Lebenskunst Vergebung“ drei Wege zur Vergebung: Letztes Mal ging es um die beiden Wege: Verstehen und Relativieren. Ich versuche zu verstehen, warum der andere so ist. Eheleute versuchen das ständig und ein Leben lang. Und ich setze das, was mir ein anderer angetan hat ins Verhältnis zu dem, was ich auch schon anderen angetan habe und ins Verhältnis zur großen Liebe Gottes in meinem Leben.

Und es gibt noch einen dritten Weg. Bei dem kommt es gar nicht zur Vergebung. Es wird vorher geklärt. Dieser dritte Weg ist der Ausgleich. Da gibt es drei Spielarten. Die mittlere davon funktioniert allerdings nicht.

Die erste Form des Ausgleichs ist Wiedergutmachung. Die zweite Form des Ausgleichs ist Rache. Die dritte Form des Ausgleichs ist Delegation.

1. Wiedergutmachung

In der Schriftlesung Apg 16, 16-40 haben wir diese eindrucksvolle Geschichte gehört. Paulus und Silas gefangen im Gefängnis von Philippi. In einer pogromartigen Aktion hatte man sie am Tag zuvor öffentlich verprügelt und in den Kerker geworfen und die Füße in den Block. Ohne Verhandlung, sie kamen gar nicht dazu, sich zu erklären. Beinahe Lynchjustiz.

In der Nacht geschah indes Unglaubliches. Unter dem Lobgesang aus dem Block kommt es zum Erdbeben, das die Fesseln sprengt. Der Gefängniswärter will sich zunächst das Leben nehmen, kommt aber dann zum Glauben.

Die Oberen und Richter der Stadt hören das und fürchten noch viel mehr Tumult und wollen die beiden Apostel auf schnellem Weg abschieben.

Apg 16,37 Aber Paulus wandte sich an die Amtsdiener und sagte: »Die Stadtobersten haben uns öffentlich prügeln lassen, ohne Prozess und richterliches Urteil. Dabei besitzen wir das römische Bürgerrecht! Auch noch ins Gefängnis haben sie uns gesteckt. Und jetzt wollen sie uns heimlich abschieben? Das kommt nicht in Frage! Sie sollen persönlich herkommen und uns freilassen.«

38 Die Amtsboten meldeten das den Stadtobersten. Als diese hörten, dass Paulus und Silas römische Bürger seien, erschraken sie.

39 Sie kamen selbst und entschuldigten sich. Dann führten sie die beiden aus dem Gefängnis und baten sie, die Stadt zu verlassen.

40 Vom Gefängnis aus gingen Paulus und Silas zu Lydia. Dort trafen sie die Brüder und Schwestern und machten ihnen Mut. Danach verließen sie die Stadt.

Paulus geht einen klaren Weg. Er vergibt nicht, sondern er fordert öffentliche Wiedergutmachung. So wie er durch die Schläge öffentlich preisgegeben und gedemütigt wurde, so verlangt er die öffentliche Anerkennung, die ihm als römischer Staatsbürger zusteht. Am Ende kann er in Freiheit gehen und souverän. Bevor er aus der Stadt geht, geht er noch zu Lydia, der Frau, die zuvor die erste Christin Europas geworden war.

Es hat mich sehr beeindruckt, was Martin Grabe schreibt: „Was wieder gut gemacht wird, braucht nicht vergeben zu werden.“ Bei einem Autounfall kann mir durch einen anderen ein hoher finanzieller Schaden entstanden sein. Wird der Schaden ausgeglichen, habe ich persönlich kein Problem mehr.

Das bedeutet: Keine falsche Demut und kein Verzicht auf Recht. Wissen Sie, wo oft auf Recht, auf Wiedergutmachung und gerechten Ausgleich verzichtet wird? Beim Erbe! Unendlich oft. Es wird nicht gesprochen und nach Tode stehen die Hinterbliebenen vor vollendeten Tatsachen. Und manchmal ist es blanke Ungerechtigkeit, die offenbar wird. Die Tochter zuhause, an der die ganze Pflege hing, mit der es auch viele Konflikte gab, bekommt den Pflichtteil, der jüngere Sohn, der schon lange woanders lebt, und immer der Liebling war, viel mehr. Aus Scham und weil man ja genug hat, verzichtet man auf Einspruch, aber ein Leben hat trägt man den Groll und hat die Vergebungsaufgabe in sich.

Oder ein anderes Beispiel:

Am Arbeitsplatz macht sich einer öffentlich über einen anderen lächerlich. Das was der gemacht habe, sei doch nichts, er zieht es durch den Kakao. Frisst man es nun in sich hinein, dann wird daraus eine jahrelange Verletzung, die von allein nicht heilt, und die mühsam vergeben werden muss. Fasst man den Mut und stellt den anderen in der Öffentlichkeit zur Rede, warum er das denn mache, ist schon ein erster Ausgleich da.

Großzügig sein kann immer nur der Stärkere! Vom Schwächeren Großzügigkeit und Demut zu verlangen kann  zynisch sein!

Aber was tun, wenn der Weg der Wiedergutmachung nicht begehbar ist? Wenn der andere die Achseln zuckt oder gerade nun den Kampf beginnt?

Dann droht ein Abweg und es bleibt ein Ausweg.

Der Abweg ist die Rache, der Ausweg ist die Delegation!

 

2. Die Rache

Rache ist süß. Rache ist Blutwurst. Rache kann diffizil und hintergründig sein oder auch brutal und sizilianisch! Bei vielen spielt sich Rache im Kopf ab: „Ich male mir es aus: Wenn ich könnte, wie ich wollte, dann wehe dir..“

Die Rache ist auch ein Form von Ausgleich. Sie soll aber anders als die Wiedergutmachung nicht dafür sorgen, dass bei mir das aus dem Minus ein Plus wird, sondern aus dem Plus des anderen soll auch ein Minus machen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Diese Formel aus uralter Zeit sollte schon unter den Beduinen dafür sorgen, dass Rache wenn schon, in Maßen stattfindet. Ein Auge für ein Auge. Nicht mehr Vergeltung üben, wie dir angetan wurde: Aber Rache ist maßlos.

Schneller als man denkt wird die Rache zum Selbstzweck und das Opfer wird selbst zum Täter. Und der Genuss hält nicht lange an: Zu sehen, dass sich ein anderer über den Schaden schwarz ärgert, macht einen selbst nicht froh. Und auf Rache folgt Gegenrache und am Ende ist kaum noch aus zu machen, was denn zuerst da war. Man sieht das im Moment in Israel und Palästina: Die blutige Variante der Frage nach jeder großen Pause auf dem Schulhof: „Wer hat denn angefangen?“ Das ist kaum auszumachen.

Und so ergeht es manchem Mobbingopfer in einer Firma, dass es mit letzter Kraft zur Selbstjustiz greift, versucht, den anderen beim Chef mit halbwahren Geschichten anzuschwärzen und dabei selbst „objektiv“ zum Täter wird. Und der Chef, der die Sache jetzt erst erfährt, hat überhaupt kein klares Bild, wer Täter, wer Opfer ist.

Martin Grabe schreibt: „In der Rache wird das Opfer selbst zum Täter. Indem es das Unrechtspendel in die Hand nimmt, um es zurück zu stoßen, hat es sich schon infiziert. Es ist Unrecht, was geschieht, nicht Recht.“

Rache ist der Abweg des Ausgleichs. Und was ist der Ausweg?

 

3. Delegation

Delegation bedeutet, dass wenn ich schon nicht vergeben kann, wenn ich eine Wiedergutmachung nicht empfangen kann, wenn ich mit Rache nichts anfangen kann, dass ich die Verletzung und die Last abgeben kann.

Delegation: Das gibt es natürlich in unserem Land. Bei Gewaltverbrechen soll das Opfer keinen Kontakt zum Täter mehr haben müssen. Der Ausgleich soll durch den Staat geschehen. Gerechtigkeit soll hergestellt werden. Wenn allerdings der Staat nicht mehr – und das mit Recht – Sühne und Vergeltung, sondern Reintegration und Gesundung des Täters als erstes Ziel seines Handels sieht, sieht sich das Opfer nicht selten um den Ausgleich gebracht!

So erschoss vor vielen Jahren eine Mutter im Gerichtssaal den Mörder ihrer Tochter, weil sie die vorgesehene Strafe als Hohn empfand.

Und dann gibt es viele Fälle, die sind vor Gericht gar nicht verwertbar, verjährt, kommen gar nicht zur Verhandlung. Oder was, wenn der Staat selbst in das Unrecht verwickelt ist, wie in der Nazi-Zeit oder in den Erfahrungen der DDR? Da ist keine Instanz vorhanden, an die man das Unrecht abgeben kann! Wer da Anzeige erstattet, bringt sich selbst in Gefahr.

Delegation, das bedeutet den Ausgleich an eine höhere Instanz abzugeben. Und das kann für Menschen, die an Gott glauben, Gott selbst sein.

Das Alte Testament ist übrigens nicht der Auffassung, dass Menschen selbst Rache üben sollen. Wenn wie so oft: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zitiert wird, wird dabei übersehen, dass schon damals über diesem Satz stand:

„Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Damit nimmt Gott den Menschen die Rache eben aus ihrer Hand in seine Hand. Das ist Delegation:

Wir haben es eben im Psalm 43 selbst gesprochen: Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten!

Und Paulus schreibt in Römer 12: Nehmt keine Rache, holt euch nicht selbst euer Recht, meine Lieben, sondern überlasst das Gericht Gott.

Delegation das kann einfach unser Schutzventil sein, wie bei einem Schnellkochtopf. Bevor der, weil er unter großem Druck steht, explodiert, geht das Sicherheitsventil auf und der Dampf wird abgelassen.

Delegation kann immer dann, wenn wir Verletzungen erfahren der erste Weg sein, wohin mit all der Wut, bevor wir zurückschlagen, bevor wir andere zu Unrecht verletzen. Delegation, das kann ein verzweifeltes Stoßgebet sein. Und verzweifelte Stoßgebete müssen nicht fromm sein und abgewogen, müssen nicht christlich sein und friedfertig, sondern ganz allein ehrlich. Gott will meinen Ärger hören und zu seiner Sache machen. Meine Kleinigkeiten, die mich wie ein HB-Männchen in die Luft gehen lassen, interessieren ihn, er will es hören. Delegation können Gebete sein wie: „Oh Herr, der regt mich auf!“ „Dieser Idiot, wie kann der nur.“ „Nimm mich an der Hand, ich weiß nicht weiter.“

Delegation kann der erste Weg sein, bringt sofort Gott ins Spiel und ins Leben.

Delegation kann auch der letzte Weg sein, weil deutlich wird, dass es hier auf der Erde keinen endgültigen Ausgleich geben kann, und weil die Opfer von Buchenwald und Treblinka und vom Archipel Gulag, vom Platz des himmlischen Friedens, von Bautzen und von Santiago bei Gott nicht vergessen werden.

 

Delegation ist dann die Frage, wer der Gott denn ist, an den ich mich wende. Es ist weder der Buchhalter-Gott, der fein säuberlich alles aufrechnet und am Ende abrechnet, noch das himmlische, höhere Wesen, das sich für alles nicht so richtig interessiert. Es ist nach der Bibel Christus selbst, der sich einbringt, dessen Vergebung vor allem denen gilt, wo die Frommen sagen: Aber wenigstens bei denen, müsste er mal durchgreifen.

Delegation heißt: Ich kann selbst nicht vergeben, aber ich gebe den Schuldschein aus der Hand. Und wer Christ ist, weiß: Auch dieser Schuldschein wird ans Kreuz geheftet, wo die Liebe siegt.

Amen.

 
© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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