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"Das verzeih ich dir nie!" Warum Vergebung nicht vergeblich ist... Gottesdienstreihe in Traisa im Mai-Juni 2002 |
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| Ab- und Auswege des
Ausgleichs. (2. So. n. Trinitatis, 9. 6. 2002) |
Die anderen Predigten der
Gottesdienste finden Sie hier:
Warum und wie Gottes Geist frei macht. Warum Vergebung so schwer ist. Wege
zur Vergebung und wie man um Vergebung bitten kann. Die Kurzform der Predigtreihe: |
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Liebe Gemeinde – Lebenskunst
Vergebung. Heute
geht es um einen Nachtrag. Drei Wochen haben wir uns damit beschäftigt.
Vergebung ist die große Chance zum Neuanfang. Hinter
der Vergebung steckt die Liebe Gottes. Gott kann durch seine Liebe
unterscheiden zwischen dem, was ein Mensch einem anderen antut und dem
was er ist. Wenn wir verletzt sind, können wir das nicht mehr: Dann
denken wir bei dem Menschen nur an das, was er uns angetan hat. Gott
kann das auseinander halten. Seine Liebe macht ihn nicht blind. Und
trotzdem ist Vergebung auch ein schmerzhafter Prozess. Es tut weh, man
ist enttäuscht, es kostet Kraft und Zeit und Gespräche. Es hagelt
Missverständnisse und manchmal bleiben auch Narben zurück. Martin
Grabe beschreibt in seinem Buch „Lebenskunst Vergebung“ drei Wege
zur Vergebung: Letztes Mal ging es um die beiden Wege: Verstehen und
Relativieren. Ich versuche zu verstehen, warum der andere so ist.
Eheleute versuchen das ständig und ein Leben lang. Und ich setze das,
was mir ein anderer angetan hat ins Verhältnis zu dem, was ich auch
schon anderen angetan habe und ins Verhältnis zur großen Liebe Gottes
in meinem Leben. Und
es gibt noch einen dritten Weg. Bei dem kommt es gar nicht zur
Vergebung. Es wird vorher geklärt. Dieser dritte Weg ist der Ausgleich.
Da gibt es drei Spielarten. Die mittlere davon funktioniert allerdings
nicht. Die
erste Form des Ausgleichs ist Wiedergutmachung. Die zweite Form des
Ausgleichs ist Rache. Die dritte Form des Ausgleichs ist Delegation. In
der Schriftlesung Apg 16, 16-40 haben wir diese eindrucksvolle
Geschichte gehört. Paulus und Silas gefangen im Gefängnis von Philippi.
In einer pogromartigen Aktion hatte man sie am Tag zuvor öffentlich
verprügelt und in den Kerker geworfen und die Füße in den Block. Ohne
Verhandlung, sie kamen gar nicht dazu, sich zu erklären. Beinahe
Lynchjustiz. In
der Nacht geschah indes Unglaubliches. Unter dem Lobgesang aus dem Block
kommt es zum Erdbeben, das die Fesseln sprengt. Der Gefängniswärter
will sich zunächst das Leben nehmen, kommt aber dann zum Glauben. Die
Oberen und Richter der Stadt hören das und fürchten noch viel mehr
Tumult und wollen die beiden Apostel auf schnellem Weg abschieben. Apg
16,37 Aber Paulus wandte sich
an die Amtsdiener und sagte: »Die Stadtobersten haben uns öffentlich
prügeln lassen, ohne Prozess und richterliches Urteil. Dabei besitzen
wir das römische Bürgerrecht! Auch noch ins Gefängnis haben sie uns
gesteckt. Und jetzt wollen sie uns heimlich abschieben? Das kommt nicht
in Frage! Sie sollen persönlich herkommen und uns freilassen.« 38 Die Amtsboten meldeten das den Stadtobersten.
Als diese hörten, dass Paulus und Silas römische Bürger seien,
erschraken sie. 39 Sie kamen selbst und entschuldigten sich. Dann führten
sie die beiden aus dem Gefängnis und baten sie, die Stadt zu verlassen. 40 Vom Gefängnis aus gingen Paulus und Silas zu
Lydia. Dort trafen sie die Brüder und Schwestern und machten ihnen Mut.
Danach verließen sie die Stadt. Paulus
geht einen klaren Weg. Er vergibt nicht, sondern er fordert öffentliche
Wiedergutmachung. So wie er durch die Schläge öffentlich preisgegeben
und gedemütigt wurde, so verlangt er die öffentliche Anerkennung, die
ihm als römischer Staatsbürger zusteht. Am Ende kann er in Freiheit
gehen und souverän. Bevor er aus der Stadt geht, geht er noch zu Lydia,
der Frau, die zuvor die erste Christin Europas geworden war. Es
hat mich sehr beeindruckt, was Martin Grabe schreibt: „Was wieder gut
gemacht wird, braucht nicht vergeben zu werden.“ Bei einem Autounfall
kann mir durch einen anderen ein hoher finanzieller Schaden entstanden
sein. Wird der Schaden ausgeglichen, habe ich persönlich kein Problem
mehr. Das
bedeutet: Keine falsche Demut und kein Verzicht auf Recht. Wissen Sie,
wo oft auf Recht, auf Wiedergutmachung und gerechten Ausgleich
verzichtet wird? Beim Erbe! Unendlich oft. Es wird nicht gesprochen und
nach Tode stehen die Hinterbliebenen vor vollendeten Tatsachen. Und
manchmal ist es blanke Ungerechtigkeit, die offenbar wird. Die Tochter
zuhause, an der die ganze Pflege hing, mit der es auch viele Konflikte
gab, bekommt den Pflichtteil, der jüngere Sohn, der schon lange
woanders lebt, und immer der Liebling war, viel mehr. Aus Scham und weil
man ja genug hat, verzichtet man auf Einspruch, aber ein Leben hat trägt
man den Groll und hat die Vergebungsaufgabe in sich. Oder
ein anderes Beispiel: Am
Arbeitsplatz macht sich einer öffentlich über einen anderen lächerlich.
Das was der gemacht habe, sei doch nichts, er zieht es durch den Kakao.
Frisst man es nun in sich hinein, dann wird daraus eine jahrelange
Verletzung, die von allein nicht heilt, und die mühsam vergeben werden
muss. Fasst man den Mut und stellt den anderen in der Öffentlichkeit
zur Rede, warum er das denn mache, ist schon ein erster Ausgleich da. Großzügig
sein kann immer nur der Stärkere! Vom Schwächeren Großzügigkeit und
Demut zu verlangen kann zynisch
sein! Aber
was tun, wenn der Weg der Wiedergutmachung nicht begehbar ist? Wenn der
andere die Achseln zuckt oder gerade nun den Kampf beginnt? Dann
droht ein Abweg und es bleibt ein Ausweg. Der
Abweg ist die Rache, der Ausweg ist die Delegation! Rache
ist süß. Rache ist Blutwurst. Rache kann diffizil und hintergründig
sein oder auch brutal und sizilianisch! Bei vielen spielt sich Rache im
Kopf ab: „Ich male mir es aus: Wenn ich könnte, wie ich wollte, dann
wehe dir..“ Die
Rache ist auch ein Form von Ausgleich. Sie soll aber anders als die
Wiedergutmachung nicht dafür sorgen, dass bei mir das aus dem Minus ein
Plus wird, sondern aus dem Plus des anderen soll auch ein Minus machen.
Auge um Auge, Zahn um Zahn. Diese Formel aus uralter Zeit sollte schon
unter den Beduinen dafür sorgen, dass Rache wenn schon, in Maßen
stattfindet. Ein Auge für ein Auge. Nicht mehr Vergeltung üben, wie
dir angetan wurde: Aber Rache ist maßlos. Schneller
als man denkt wird die Rache zum Selbstzweck und das Opfer wird selbst
zum Täter. Und der Genuss hält nicht lange an: Zu sehen, dass sich ein
anderer über den Schaden schwarz ärgert, macht einen selbst nicht
froh. Und auf Rache folgt Gegenrache und am Ende ist kaum noch aus zu
machen, was denn zuerst da war. Man sieht das im Moment in Israel und
Palästina: Die blutige Variante der Frage nach jeder großen Pause auf
dem Schulhof: „Wer hat denn angefangen?“ Das ist kaum auszumachen. Und
so ergeht es manchem Mobbingopfer in einer Firma, dass es mit letzter
Kraft zur Selbstjustiz greift, versucht, den anderen beim Chef mit
halbwahren Geschichten anzuschwärzen und dabei selbst „objektiv“
zum Täter wird. Und der Chef, der die Sache jetzt erst erfährt, hat überhaupt
kein klares Bild, wer Täter, wer Opfer ist. Martin
Grabe schreibt: „In der Rache wird das Opfer selbst zum Täter. Indem
es das Unrechtspendel in die Hand nimmt, um es zurück zu stoßen, hat
es sich schon infiziert. Es ist Unrecht, was geschieht, nicht Recht.“ Rache
ist der Abweg des Ausgleichs. Und was ist der Ausweg? Delegation
bedeutet, dass wenn ich schon nicht vergeben kann, wenn ich eine
Wiedergutmachung nicht empfangen kann, wenn ich mit Rache nichts
anfangen kann, dass ich die Verletzung und die Last abgeben kann. Delegation:
Das gibt es natürlich in unserem Land. Bei Gewaltverbrechen soll das
Opfer keinen Kontakt zum Täter mehr haben müssen. Der Ausgleich soll
durch den Staat geschehen. Gerechtigkeit soll hergestellt werden. Wenn
allerdings der Staat nicht mehr – und das mit Recht – Sühne und
Vergeltung, sondern Reintegration und Gesundung des Täters als erstes
Ziel seines Handels sieht, sieht sich das Opfer nicht selten um den
Ausgleich gebracht! So
erschoss vor vielen Jahren eine Mutter im Gerichtssaal den Mörder ihrer
Tochter, weil sie die vorgesehene Strafe als Hohn empfand. Und
dann gibt es viele Fälle, die sind vor Gericht gar nicht verwertbar,
verjährt, kommen gar nicht zur Verhandlung. Oder was, wenn der Staat
selbst in das Unrecht verwickelt ist, wie in der Nazi-Zeit oder in den
Erfahrungen der DDR? Da ist keine Instanz vorhanden, an die man das
Unrecht abgeben kann! Wer da Anzeige erstattet, bringt sich selbst in
Gefahr. Delegation,
das bedeutet den Ausgleich an eine höhere Instanz abzugeben. Und das
kann für Menschen, die an Gott glauben, Gott selbst sein. Das
Alte Testament ist übrigens nicht der Auffassung, dass Menschen selbst
Rache üben sollen. Wenn wie so oft: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“
zitiert wird, wird dabei übersehen, dass schon damals über diesem Satz
stand: „Die
Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Damit nimmt
Gott den Menschen die Rache eben aus ihrer Hand in seine Hand. Das ist
Delegation: Wir
haben es eben im Psalm 43 selbst gesprochen: Gott, schaffe mir Recht und
führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den
falschen und bösen Leuten! Und
Paulus schreibt in Römer 12: Nehmt keine Rache, holt euch nicht selbst
euer Recht, meine Lieben, sondern überlasst das Gericht Gott. Delegation
das kann einfach unser Schutzventil sein, wie bei einem Schnellkochtopf.
Bevor der, weil er unter großem Druck steht, explodiert, geht das
Sicherheitsventil auf und der Dampf wird abgelassen. Delegation
kann immer dann, wenn wir Verletzungen erfahren der erste
Weg sein, wohin mit all der Wut, bevor wir zurückschlagen, bevor
wir andere zu Unrecht verletzen. Delegation, das kann ein verzweifeltes
Stoßgebet sein. Und verzweifelte Stoßgebete müssen nicht fromm sein
und abgewogen, müssen nicht christlich sein und friedfertig, sondern
ganz allein ehrlich. Gott will meinen Ärger hören und zu seiner Sache
machen. Meine Kleinigkeiten, die mich wie ein HB-Männchen in die Luft
gehen lassen, interessieren ihn, er will es hören. Delegation können
Gebete sein wie: „Oh Herr, der regt mich auf!“ „Dieser Idiot, wie
kann der nur.“ „Nimm mich an der Hand, ich weiß nicht weiter.“ Delegation
kann der erste Weg sein, bringt sofort Gott ins Spiel und ins Leben. Delegation
kann auch der letzte Weg sein, weil deutlich wird, dass es hier auf der
Erde keinen endgültigen Ausgleich geben kann, und weil die Opfer von
Buchenwald und Treblinka und vom Archipel Gulag, vom Platz des
himmlischen Friedens, von Bautzen und von Santiago bei Gott nicht
vergessen werden. Delegation
ist dann die Frage, wer der Gott denn ist, an den ich mich wende. Es ist
weder der Buchhalter-Gott, der fein säuberlich alles aufrechnet und am
Ende abrechnet, noch das himmlische, höhere Wesen, das sich für alles
nicht so richtig interessiert. Es ist nach der Bibel Christus selbst,
der sich einbringt, dessen Vergebung vor allem denen gilt, wo die
Frommen sagen: Aber wenigstens bei denen, müsste er mal durchgreifen. Delegation
heißt: Ich kann selbst nicht vergeben, aber ich gebe den Schuldschein
aus der Hand. Und wer Christ ist, weiß: Auch dieser Schuldschein wird
ans Kreuz geheftet, wo die Liebe siegt. Amen. |
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| ©
Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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