„Wartest du noch
oder lebst du schon?“

Mit Petrus Möglichkeiten
fürs Leben entdecken.

Gottesdienstreihe in der evangelischen Kirche in Traisa im Juli und August 2003

27. Juli 2003

Predigt:
Pfr. i.R.
D. Helmut Spengler

ehemaliger Kirchenpräsident der
EKHN

Aufbrechen
in die Öffentlichkeit.

Apostelgeschichte 4, 13-22

Petrus vor dem Hohen Rat

Gnade sei mit Euch und Friede!

Wir hören heute weiter von Petrus. Er ist nach Ostern und Pfingsten trotz allem, worin er vorher enttäuscht hatte, zum Apostel der ersten Christengemeinde geworden – er wächst in ein Amt hinein, das ihm zunehmend öffentliche Aufgaben zumutet.

Lesung Apg. 4, 13-22

Liebe Gemeinde,

 

von Petrus ist in den Traisaer Sommergottesdiensten die Rede. Doch ich höre schon, wie mich der Apostel korrigiert: Von Christus musst du predigen. Ich bin nur ein Beispiel für das Wachstum und die Bewegung, die er in einem Menschenleben in Gang bringt. Aber Simon Petrus, sage ich, es gibt in der Bibel kaum eine Lebensgeschichte, die uns Heutige so berührt. Ob wir Kinder, Jugendliche oder Erwachsene sind ...immer finden wir in den Petrusgeschichten den Mann, von dem wir uns nach 2000 Jahren noch verstanden fühlen.

 

Haben wir nicht im Kindergottesdienst gerne von dem jungen Fischer gehört, der seinen großen Fang macht und in seiner Begeisterung alles liegen lässt, um Jesus zu folgen?

Als Jugendliche fesselte uns sein mutiges Bekenntnis und zugleich sein Scheitern als Verleugner, der unter dem Zeichen eines Kreuzes nicht mehr zu Jesus gehören will. Genauso erleben wir uns selbst. Heute himmelhoch jauchzend und morgen zu Tode betrübt: immer auf der Suche nach einem eigenen Weg.

Und noch als Erwachsene lässt uns die Frage nicht in Ruhe, wie denn ein allmächtiger und liebender Gott das Leid und alles furchtbare Sterben zulassen kann. Theologische Erklärungen helfen nicht viel weiter! Deshalb flüchten sich Christinnen und Christen Jahr für Jahr in die Matthäuspassion und suchen Trost. Wenn J.S. Bach in der Alt-Arie den Verleugner sein „Erbarme dich“ singen lässt, dann beten sie still für sich mit. In der Musik, die weniger erklärt oder Gedankenarbeit zumutet, fühlen wir uns aufgehoben mit unserem ungelösten Fragen, mit unserer inneren Unsicherheit. Was kann man denn heute noch glauben?

Also, verehrter Apostel, lass uns ruhig einmal auf deinen Spuren bleiben, gerade heute: denn jetzt erleben wir dich nach Ostern und Pfingsten. Jetzt redest und handelst du im Namen Juse Christi. Du stehst für ihn, und wir wissen, dass dein Wort sein Wort ist.

 

„Aufbrechen in die Öffentlichkeit“ – kündigt die Einladung zum Gottesdienst an.

Längst sind wir anderes gewohnt: Religion ist Privatsache! Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Wir leider geradezu darunter, dass öffentlich so wenig vom Glauben geredet werden darf.

Gilt das aber noch, wenn man die biblische Geschichte dieses sonntags ernst nimmt?

Ein Bettler wird geheilt. Als Gesunder darf er jetzt auch den Tempel betreten. Einem Behinderten was das damals streng untersagt. Er durfte allenfalls am Tor des Heiligtums um Almosen bitten. Zum ersten Mal in seinem Leben ging er in das Heilige Haus Gottes. Mit dem lauten Geschrei eines Überraschten!

„Kennen wir den nicht schon fas ein Menschenalter lang?“ raunte man. Da geht er umher, schwankt noch etwas. Aber er muss Gott loben, laut und vernehmlich, mit Psalmen, die er bis jetzt nur aus der Ferne gehört hatte. Wer hat ihn geheilt? Wie der Blitz ging die Frage im Tempel herum. Da, seht hin! Es sind die Leute, zu denen er sich hält. Er steht bei ihnen. Bei wem? Bei den einfachen Männern aus Galiläa. Und die müssen jetzt erst recht reden, müssen sich verantworten. „Seid ihr Wunderheiler, macht ihr Geschäfte – oder um was geht es euch?“

Schließlich erfahren alle, was höheren Ortes schon bekannt war. Es handelt sich um Anhänger des gekreuzigten Jesus von Nazareth.

Man hatte sie schon gehört, doch hatte man gehofft, der religiöse spuk sei bald vorüber.

Aber wenn nun ein Behinderter ohne Krücken gehen kann und dafür im Tempel Gott dankt, dann geht alles wieder von vorne los mit diesem Jesus. Sein Name ist in aller Mund.

Und die Religionsbehörde war sich einig: Wir müssen seine Leute noch mehr einschüchtern, damit endlich Schluss ist. Wir haben schließlich die Verantwortung. Und wieder mussten die schwerfälligen Leute aus Galiläa von den religiös und politisch Verantwortlichen Rechenschaft ablegen, warum sie nach wie vor in aller Öffentlichkeit die Sache Jesu nicht begraben sein lassen konnten.

Die eher stillen Leute vom Lande können nicht mehr schweigen: denn Gott will, dass im Namen Jesu Christi geredet und gehandelt wird. Petrus, der Verleugner, ergreift das Wort und redet. In aller Öffentlichkeit! Die Gesundheit der Menschen, die Überwindung von Krankheiten und allem Krankmachenden erfordert das. Es geht um das öffentliche Wohl. Und darüber muss öffentlich verhandelt werden. Christen müssen bezeugen, dass sie im Glauben das heile, hoffnungsvolle Leben gefunden haben! Dafür können nicht nur Ärzte, Kliniken, Kassen und Zusatzversicherungen zuständig sein!

Der Glaube verändert das konkrete, alltägliche Leben, er bewirkt Veränderungen des Lebensstiles, erführt zu Begegnungen mit neuen Menschen, die raten und helfen können. Er stiftet Gemeinschaft, die den Einzelnen festhält. Ich muss nicht mehr meiner Geltung oder Anerkennung nachjagen und sie in falschen Spuren suchen. Gott hat mir eine unzerstörbare Würde gegeben.

 

Die Kirchen müssen mehr vom Leben sprechen, das uns Gott schenkt. Vom Heil für das gesunde und kranke Leben.

 

Oft gehen einem dafür erst in fremder Umgebung die Augen auf.

1986 war ich mit einer Delegation der Niemöller-Stiftung in Moskau. Während einer Stadtrundfahrt saß ich mit einer der uns vom Staat beigegebenen Dolmetscherinnen im Bus. Plötzlich wandte sie sich leist an mich: „Sie kommen doch von einer deutschen Kirche, darf ich Ihnen von meinen Kindern erzählen? Mein Sohn ist Professor der Philosophie ... vor ein paar Monaten besuchte er mich und sagte sehr aufgeregt, er habe zum ersten Mal in der Bibel gelesen. „Was für ein Buch ist das! Es enthält eine Philosophie, die ich nie kennen gelernt habe! Sie überzeugt mich. Ich habe mich taufen lassen und bin Christ geworden“ Kurz darauf habe ihn die staatliche Gesundheitsbehörde vorgeladen. Nach einer Untersuchung sei er in eine geschlossene psychiatrische Abteilung eingewiesen worden.

Die Mutter erzählte weiter. Auch ihre Schwiegertochter sei nach allem Christin geworden. Mit großer Leidenschaft bekenne sie sich zur Kirche. Nach einer kurzen Pause schließt die Dame ihren Bericht: „Und ich habe mich auch taufen lassen!“

Längst haben wir einander aus den Augen verloren, aber ich glaube, ich würde die Bekennerin des Glaubens an Jesus heute, nach fast 20 Jahren, wiedererkennen. Doch ich muss noch weiter von der Hauptsache reden. Was hatte der Junge Sowjetrusse an der Bibel so überzeugend gefunden? Es war die Bergpredigt, das Evangelium von der alle Menschen umschließenden Liebe Gottes. Die Liebe sei die einzige Hoffnung für die Welt! Die Bibel bezeuge, wie sich Liebe und Menschenwürde aus vielen Irrtümern, aus Grausamkeiten und allem Dunkel heraus entwickelt haben und in dem einen Menschen Jesus Christus öffentlich geworden sind. Das sei ihn jetzt klar, davon konnte ihn auch die Inhaftierung in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung nicht mehr abbringen!

Ich habe mich angesichts dieser Leidenschaft und Bekenntnisfreude geschämt: ich hätte nicht den Mut gehabt, von mir aus über den christlichen Glauben zu reden.

Doch gerade Petrus hätte für meine Neigung, eher zu schweigen, Verständnis. Er wusste: man kann sich im Bekennen des Glaubens übernehmen. Oft erinnerte er sich an die peinliche Begebenheit bei Cäsarea Philippi. Jesus hatte damals seine Jünger gefragt: „Für wen haltet ihr mich?“ Petrus war es, der damals begeistert ausrief – noch während alle andern überlegten – „Du bist der Christus!“

Jesus erklärte den Jüngern damals, er werde diesen Anspruch mit dem Leben bezahlen müssen. Petrus fällt ihm ins Wort: „Meister, das doch ganz bestimmt nicht.“

Jesus vernichtet ihn anschließend geradezu: „Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht was göttlich ist, sondern was menschlich ist.“

So fragwürdig sind schnelle Bekenntnisse!

Dennoch hat Petrus in seinem Übereifer erfahren: Jesus lässt ihn nicht fallen! Er darf in der Schule bleiben.

Weiter wachsen und sich weiter entwickeln.

Doch weiter geht es mit den schlimmen Selbsterfahrungen. Eben noch hatte er sein eigenes Leben riskiert und im Garten Gethsemane das Schwert gezogen und zugeschlagen. Augenblicke später kommt es zur Verleugnung: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Sagt er zitternd vor Angst einer Magd des Hohenpriesters.

Ich erinnere an die Arie der Matthäuspassion, die den Verleugner klagen und weinen lässt: „Erbarme dich Herr!“ Keine öffentliche Behörde hätte einem so charakterschwachen Mann Verantwortung anvertrauen dürfen. Jesus tut es – auch als Auferstandener.

Sich selbst kann der Apostel nicht mehr trauen: was ihn aber an Vertrauen gewährt ist – nach alle, was war – das macht ihn zu einem öffentlichen Bekenner. Jetzt aber ist er glaubwürdig. Er sagt nicht mehr sein eigenes Wort, er heilt auch nicht im eigenen Namen, sondern im Namen Jesu Christi. Das überzeugt sogar den hohen Rat, der dem Fischer nichts Verkehrtes nachweisen kann.

Schließlich ist diesmal auch des Volkes Stimme zugleich Gottes Stimme.

„Denn alle lobten Gott für das, was geschehen war“.

Wollen wir in unserem Lebenskreis darüber schweigen? Aus lauter Bescheidenheit? Aus Angst vor den tausend Argumenten gegen die Kirche und ihr Bekenntnis? Lähmen uns die tausend Kameraschwenks über die sogenannten leeren Kirchenbänke? Die Berichte über die kleinkarierten Unterschiede zwischen den Konfessionen? Erliegen wir der Scham über eigene Fehler? Warten wir auf eine Vollkommenheit, die wir ohnehin nie erreichen? Muss sich die Kirche erst mit anderen gesellschaftlichen Ansprüchen und Mächten messen können?

 

Lassen Sie mich am Schluss bitte von einer weiteren Reise in die ehemalige Sowjetunion berichten. Die Delegation der EKHN war Gast der Baptistischen Kirche. Wir besuchten das damalige Leningrad. Eine Angestellte der Intourist führte uns durch die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten.

Die Dame fiel uns auf durch ihre kenntnisreichen Erläuterungen der biblischen Motive alter Gemälde auf. Vor dem Abschiedsessen im Hotel frage ich unsere Gastgeber, ob ich ihr eine deutsche Bibel im Luthertext schenken dürfe. Die Freunde stimmten zu. Ich kann die innere Bewegung unserer Intourist-Angestellten nicht vergessen. Sie erzählte von ihren Studiensemestern in der DDR, von ihrer Angst, eine Bibel in deutscher Sprache mitzunehmen. Das war streng verboten. Nun besitze sie die Bibel und könne die Texte in der wunderbaren Sprache Martin Luthers lesen. Die Frau hatte sich kurz vorher als Atheistin bekannt. Dennoch besuche sie Gottesdienste: sie habe das Gefühl, man sei dort der Wahrheit näher als in der offiziellen Weltanschauung.

Daran wurde ich erinnert, als ich las, wie viele Gemeinden hierzulande im Jahr der Bibel 2003 die Heilige Schrift eigenhändig abschreiben. Sie bekunden damit in der Zeit der elektronischen Medien und der Überschwemmung mit Druckerzeugnissen: Dieses Buch ist uns mehr wert, es ist das Buch des Lebens, zu dem man sich auch öffentlich bekennen muss.

Davon müssen Christen wieder mehr erzählen.

 

Amen

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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