„Wartest du noch
oder lebst du schon?“

Mit Petrus Möglichkeiten
fürs Leben entdecken.

Gottesdienstreihe in der evangelischen Kirche in Traisa im Juli und August 2003

3. August 2003

Predigt:
Andreas Klein

Aufbrechen
zu ganz anderen
Menschen.

Apostelgeschichte 10

Petrus und Kornelius

 

 

Wartest du noch oder lebst du schon?

 

Liebe Freunde,

wir sind am Ende der Predigtreihe angekommen. Die Geschichte mit Petrus, die wir heute gehört haben ist eine wichtige Weichenstellung. Petrus ist schon alt und sattelfest und muss auf ein neues Gleis! Das ist gar nicht so einfach.

Ich selbst bin früher als Kind mit dem Zug in die Schule gefahren. Jeden Tag – die Strecke ist schon längst stillgelegt – und habe immer wieder an den drei Bahnhöfen am Weg die handbetriebenen Stellwerke bestaunt – mit den großen Hebeln, die umgelegt werden müssen, damit die Weichen und Signale gestellt werden und die Züge den richtigen Weg finden. Wenn so eine Weiche lange nicht bewegt wurde, dann wird es schwer. Dann rosten die Stahlseile, dann legen sich Steine in die Gelenke, dann kann es angehen, dass es nicht mehr geht. Wenn alles immer den gleichen Weg gehen soll, wäre das auch so in Ordnung, wenn die Weiche aber umgelegt werden soll, kostet es viel Kraft!

 

Petrus wird in dieser Geschichte auf ein neues Gleis gesetzt. Und der Stellwerkshebel, den Gott benutzt, besteht nicht aus Metall, es wird keine Gewalt angewendet, es wird nicht gehämmert und gezwungen. Der Weg, den Gott wählt, um Petrus neu auszurichten ist der Weg von Träumen, von Visionen, von Erscheinungen.

 

In irgendeiner Kirche predigt ein über Jahre beliebter Pfarrer. Die Gemeine hört ihm gerne zu: Der Mann predigt frei und frisch und lebensnah. Plötzlich stockt die Stimme – eine Hand ist noch in der Höhe und der Pfarrer schweigt und alles schweigt ebenfalls erwartungsvoll. Dann hebt der Pfarrer wieder zu sprechen an und sagt: „Ich hatte gerade eine Erscheinung!“, und predigt weiter. Alle sind bewegt und ein wenig erhaben, bei diesem großem Moment dabei gewesen zu sein. Nur eine ältere und forsche Frau nimmt den Pfarrer beim Abschied an den Arm und fragt ihn: Herr Pfarrer, nun sagen Sie doch: Was hatten Sie denn für eine Erscheinung? Da beugt er sich zum Ohr der Frau und flüstert: „Es war nur eine Alterserscheinung!“

 

So geheuer ist uns das mit den Träumen und Visionen und Erscheinungen nämlich nicht. Es kommt uns schaumschlägerhaft und traumtänzerisch, aber nicht seriös vor, wenn sich einer auf einen Traum, eine Vision oder Erscheinung berufen würde. Die Geschichte, die erzählt wird, benennt beide Visionen mit Zeitangaben: Der römische Hauptmann hat die Engelserscheinung um 15 Uhr am Nachmittag und Petrus sieht das unreine Ungetier um 12 Uhr mittags, zur Essenszeit, auf einem Dach, während er hungrig ist! Wären das nicht Kriterien, die uns nötigen würden, all das als überspannte Phantasie und Tagträumerei abzutun?

 

So geschieht die bedeutendste Weichenstellung der Urgemeinde? Auch die Heiden sind Adressaten der Liebe Gottes, die in Jesus Christus Mensch geworden ist. Ohne die Träume des Hauptmann Cornelius und des Apostels Petrus würden wir noch im Alptraum der Christusferne leben! Ist das zu fassen?

 

Bevor ich Wolfgang Pfau bitten möchte, vom Aufbruch zu den ganz anderen Menschen, aus seiner Perspektive in Gambia zu berichten, möchte ich drei Dinge noch unterstreichen:

 

1. Der Traum, den Petrus geträumt hat, bringt nichts wirklich Neues! Wenn Petrus sich erinnern würde, welchen Menschen Jesus zu Lebzeiten liebevoll begegnet war, wäre vieles einfacher: Wem ist Jesus liebevoll begegnet?

Den Zöllnern wie Zachäus und Levi, die genauso unrein waren wie die Heiden,

der kanaanäischen Frau, die Jesus die Heilung ihrer Tochter abrang,

der Frau am Jakobsbrunnen in Samaria, mit der Jesus liebevoll sprach!

 

Der Traum fordert gar nicht auf, zu ganz neuen, unberührten Ufern aufzubrechen, sondern bloß dazu, den Fußstapfen von Jesus zu folgen! Jesus war schon längst dort, wo Petrus noch hin muss! Von allein wird mein Radius enger, von alleine wird mein Leben immer bürgerlicher, von alleine komme ich nur zu der festen Überzeugung, dass ich die ganze Welt im Fernsehsessel sehe!

Wenn ich auf meinen Traum höre und Jesus nachfolge, wird mein Leben weiter, stehen meine Füße auf weitem Raum!

 

Das ist auch ein gutes Kriterium, zu überprüfen, ob meine Träume Holzwege oder Lebenswege sind: Folge ich darin Jesus? Er ist schon längst da!

 

2. Die Vision von Petrus, die er dreimal hat, bestätigt sich übrigens darin, dass der Hauptmann Kornelius zuvor eine ergänzende Vision hat. Das ganze ist sozusagen eine Zwei-Komponenten-Vision: Beide Träume sind ganz unterschiedlich, aber ergeben den gemeinsamen Sinn: Gott will alle! Auch, die, die wir für unrein halten!

Es wird hier deutlich, was die Aufgabe einer Gemeinde ist: Nicht Visionen zu verhindern, indem man sagt: Wir tun doch schon alles – bitte keine Veränderung –, sondern: Ein Ort zu sein, an dem Visionen und Träume und Erscheinungen – und kommt es einem noch so verrückt vor, miteinander geteilt werden! Austauschen und erzählen! Gott stellt uns damit auf ein neues Gleis, auf weiten Raum!

 

3. Das weckt zuletzt die Frage: Was ist mein Traum? Habe ich ihn vielleicht schon geträumt? Mich nur nicht getraut, ihn anderen zu erzählen?

Das ist auch eine Frage an meinen Mut! Wartest du noch oder lebst du schon? Was könnte den Stellwerkshebel meines Lebens verändern?

Gut zu wissen, wie Gott das Leben von Menschen verändert! Gott tut es nicht mit Gewalt! Ich muss nicht warten, bis mein Leben an die Wand fährt und ich Ehescheidung, Entlassung und Herzinfarkt überlebt habe. Nein, Gott redet in Träumen, die sein Weg für mich sein können!

 

Amen.

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
Zur Homepage