Gottesdienstreihe in der Ev. Kirchengemeinde Traisa an vier Gottesdiensten 2004

Die hier vorhandenen Predigten sind anklickbar.

1. Eine Gebets-Schatztruhe öffnen
Entdeckungen im Evangelischen Gesangbuch
2. Zuversichtlich beten
Was geschieht, wenn wir beten?
3. Sing, bet und geh!
Zu EG 369,7
Gebet im Stress des Alltags
4. Mit Kindern beten - und lernen, wie Kinder zu beten.
Und von Kindern lernen, zu beten

 

Schriftlesung: 1. Samuel 1,10 (KV)

Predigt: Mit Kindern beten

Liebe Freunde,

eine verrückte, besondere Geschichte. Ein Junge, der später einmal der wichtigste Prophet im Alten Israel werden soll, Samuel, hört in der Nacht eine Stimme.

Er meint, es ist die Stimme des alten Eli, des Priesters, seines Lehrers, der ihn ruft, und er geht zu Eli, der den Jungen aber zunächst wieder schlafen schickt.

Aber es ist nichts mit Schlafen: Wieder und wieder hört der Junge die Stimme, die ihn beim Namen ruft: „Samuel“.

Da begreift der alte Eli, dass ein anderer, dass Gott selbst den Jungen beim Namen ruft. Und Eli sagt seinem Schüler, was er tun soll: „Wenn du noch einmal gerufen wirst, dann antworte: 'Sprich, HERR, dein Diener hört!'“

Und das tut Samuel und Gott redet zu ihm in der Nacht.

Eine verrückte, eine besondere Geschichte. Auch in der Bibel kein Normalfall, sondern die Berufung eines wichtigen Propheten. Keine Geschichte, nach deren Hören wir sagen können: „Geh und mach es genau so!“.

Aber eine Geschichte, aus der wir viel entdecken können:

1.      Gott nimmt schon Kinder ernst.

2.      Jedes Kind steht schon als Kind selbst in Beziehung mit Gott, nicht vermittelt durch Eltern und Lehrer!

3.      Das Gebet ist keine Einbahnstraße sondern unser Teil des Gespräches, das der lebendige Gott mit uns führt. Gott redet – auch zu Kindern.

 

Aber langsam, sonst legen wir die Hürde zu hoch an:

„Mit Kindern beten und dabei lernen wie Kinder zu beten“, das ist nicht nur ein Thema für Menschen die kleine Kinder haben. Vielleicht lernen die einen dabei auch für ihre groß gewordenen Kinder zu beten und deren Leben, das vielleicht in ganz anderen Städten stattfindet, jeden Tag in Gottes Hand zu legen.

Aber mehr noch können wir aus der Art und Weise, wie wir mit Kindern beten, etwas begreifen, wie wir selbst beten können. Nicht kindisch – und so tun, als seien wir wieder klein und dumm, sondern kindlich. Denn das hat Jesus selbst gesagt:

Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.

Mt 18,3

Und Paulus schreibt, dass Gottes Geist uns wie Kinder rufen lässt: Abba, lieber Vater! Ein Grundgebet, das dem Rufen eines Kindes nach seinem Vater gleich kommt.

Röm 8,15

 

Aber wie können wir mit Kindern beten und wie kann das unser Gebet verändern und wie kann solches Gebet unser Leben prägen?

Drei Stichworte dazu:

1.      Versmaß

2.      Rhythmus

3.      Freistil

 

Versmaß

Mit Kindern beten, da werden vielen Menschen zwei Dinge zunächst einfallen.

Ein Gebet an der Bettkante, das sich reimt. Ein Gedicht, ein Vers und das Abend für Abend, und wenn es einmal nicht dazu gekommen ist, hat etwas Entscheidendes gefehlt.

Welches war Ihr Abendgebet, das Ihre Eltern mit Ihnen gebet haben?

Ganz bestimmt:

 

1. Müde bin ich, geh zur Ruh,

schließe meine Augen zu.

Vater, laß die Augen dein

über meinem Bette sein.

 

Vielleicht kennen schon viel weniger Menschen den zweiten Vers dieses Liedes von Luise Hensel (EG 484):

2. Hab ich Unrecht heut getan,

sieh es, lieber Gott, nicht an.

Deine Gnad und Jesu Blut

machen allen Schaden gut.

 

Ist es in der ersten Strophe so, dass man Gott einfach sagt, wie es einem geht, dass man müde ist, und ihn bittet, mit seinen Augen über dem Bett zu sein – das ist der Gedanke der Bewahrung – so geht es im zweiten Vers um die Vergebung der Schuld. Die Schuld bleibt nicht bis zur Nacht. Vor der Nacht wird sie abgelegt. Das Kreuz als Ort der Vergebung wird genannt: Deine Gnad und Jesu Blut machen allen Schaden gut.

 

Und auch die Strophen drei und vier lohnen sich anzusehen:

3. Alle, die mir sind verwandt,

Gott, laß ruhn in deiner Hand;

alle Menschen, groß und klein,

sollen dir befohlen sein.

4. Müden Herzen sende Ruh,

nasse Augen schließe zu.

Laß den Mond am Himmel stehn

und die stille Welt besehn.

 

Schon gut, die stille Welt ist etwas süß, aber der fürbittende Blick auf die ganze Welt ist wichtig: Die Verwandten zuerst, aber auch alle: Groß und klein. Und die Traurigen und die mit den müden Herzen – die biblische Sprache für die Depressiven. Sie werden genannt, nicht verschwiegen.

 

Wenn das nicht ihr Abendgebet war, dann war es vielleicht das von Paul Gerhardt:

Breit aus die Flügel beide,

o Jesu, meine Freude,

und nimm dein Küchlein ein.

Will Satan mich verschlingen,

so laß die Englein singen:

»Dies Kind soll unverletzet sein.«

 

Man könnte meinen, diese Worte sind eine psychologische Achterbahnfahrt: Flügel und Freude, Satan und verschlingen, Englein, un-verletztet.

Paul Gerhardt, der ja viele seiner Kinder verloren hat, hat gewusst, dass ja auch die Kinder selbst wissen: Ihr Leben ist ständiger Bedrohung ausgesetzt.

Und da wird das Bedrohliche nicht verschwiegen, sondern in den alten Worten gesagt: Will Satan mich verschlingen. Und es bleibt vorn und hinten klar, wer am Ende der Sieger ist: Jesu meine Freude / Dies Kind soll unverletzet sein.

Mit Kindern beten, das heißt also nicht: Heile Welt spielen, sondern das Bedrohliche aussprechen. Und das Wort der Liebe und der Treue Gottes dagegensprechen. Und das ist psychologisch heilsam.

 

Deswegen sind die alten Verse auch heute noch gut. Sie werden vielleicht nicht sofort verstanden, aber sie atmen eine ehrliche Tiefe, die mehr ist, als wir gerade mal so sagen können.

Ich habe als Kind lange nicht verstanden, was es heißt: Und nimm dein Küchlein ein. Küchlein, ein kleiner Kuchen? Nein, es sind Küken – damit wollte ich als Junge aber nicht verglichen werden. Aber das Rätselhafte stört ja nicht, es hilft sich damit zu beschäftigen.

 

Sie finden übrigens viele Kindergebete, Verse und Gebete im Gesangbuch unter der Nummer 860ff.

 

Rhythmus

Das Versmaß bringt einen Rhythmus mit, der sich einprägt. Wenn einem einmal die eigenen Worte ausgehen, spricht das in mir weiter.

Aber es gibt ja noch andere Rhythmen im Leben: Es ist der Rhythmus des Tages, der einen anderen Klang bekommt, wenn wir mit den Kindern beten.

Es ist nicht nur das Abendgebet, sondern morgens wenn die Kinder aus dem Haus gehen, ein Segenswort, das wir den Kindern mitgeben können:

Wie anders gehen Kinder in den Tag, wenn sie nicht nur hören: Mensch, du hast deinen Turnbeutel vergessen! Oder: Beeil dich, sonst verpasst du den Bus.

Vielleicht sagen wir den Kindern beim Weggehen aus dem Haus ein Segenswort zu:

Jeden Tritt und jeden Schritt,

gehst du lieber Heiland mit,

gehe mit uns ein und aus,

bringe du uns selbst nach Haus.

 

Oder die Bitte:

Halte zu mir guter Gott,

heut, den ganzen Tag,

halt die Hände über mich,

was auch kommen mag.

 

Das ist mehr als ein „Pass auf dich auf“. Das ist ein kleiner Reisesegen, wenn wir dabei den Kindern die Hand auf die Schulter oder den Kopf legen – und Eltern dürfen das tun!

Jedes Weggehen, auch zur Schule oder zum Kindergarten ist eine Reise – für die Kleinen sogar eine große Reise. Und wir nehmen damit die Tatsache ernst, dass wir alle nicht wissen, ob wir uns am Ende einer Reise immer wieder sehen. Wir leben in einer Zeit, in der wir mit großem Sicherheitsbedürfnis alle Risiken absichern, aber gleichzeitig die Gefahren aus der Sprache verdrängen, fast abergläubisch nicht aussprechen, nicht wahrhaben wollen.

Nein, der Reisessegen am Morgen des Tages ist für Kind und Eltern mehr: Wir legen unser Leben, Fahrt und Weg, in Gottes Hand, der uns hält.

 

Der Hauch eines klösterlichen Lebens kommt in unseren Tag, wenn das Gebet unser Leben begleitet. Dazu gehört auch das Tischgebet, das bei vielen Familien, auch bei christlichen Familien in Vergessenheit gerät. Es ist nicht nur ein Stück Kultur! Es ist ein gemeinsamer Anfang der Mahlzeit, es geht auch um Bewusstsein und Gesundheit!

Es ist nicht selbstverständlich, dass wir zu Essen haben, es ist ein Geschenk. Wir haben es uns nicht verdient. Es geht uns gut, sehr gut – und wir danken dafür. Und es gibt Menschen, die haben nichts oder nur zu wenig.

Das Tischgebet verändert, und dabei muss es für Kinder nicht dröge oder peinlich sein:

 

Es gibt sogar einen Tischgebet-Rap:

„Für dich und für mich ist der Tisch gedeckt,

danke, lieber Gott, dass es uns gut schmeckt“

 

Und es gibt Freiheit für Variationen:

„Alle guten Gaben, und dass wir uns haben,

Kommt o Gott von dir, wir danken dir dafür!“

 

Versmaß, Rhythmus und zuletzt:

 

Freistil

Man kann mit Kindern Verse beten und die helfen uns selbst vielleicht weiter, man kann mit Kindern den Rhythmus des Tages begleiten und spürt: Dieser Takt tut mir selbst gut und man kann mit Kindern auch frei beten und lernt es dabei selbst:

Frei zu beten – ohne sprachliche Korrekturvorgaben, das kann man von Kindern lernen.

Wenn man Kinder fragt: Was war denn schön heute? Für was bist du dankbar? Dann kann man aus dem ein Gebet machen.

Wenn man Kinder fragt: Ist heute etwas nicht so gelaufen, dann kann man Gott sagen, was einen ärgert und belastet. Man kann auch sagen, wo man etwas falsch gemacht hat und was einem Leid tut.

Wenn man Kinder fragt. Was wünschst du dir, dann wissen Kinder selbst ganz genau, dass Gebete kein Wunschzettel an den Nikolaus sind, auf dem wir uns Gameboy, Playmobil und Barbiepuppe frei Haus bestellen können. Aber die Wünsche des Herzens sind darf man Gott sagen!

 

Und dabei ist man schnell bei den Bereichen des Lebens, die wir nicht verstehen. Warum gibt es Krieg und Erdbeben, warum ist die Oma gestorben, wo wir doch gebetet haben, dass sie wieder gesund wird? Mit Kindern beten, heißt dann auch, zu lernen: Gott darf man Vorwürfe machen, Vorhaltungen, Klagen, dass man seinen Weg nicht versteht.

Offen sagen, was man denkt. Und ahnen, was Dietrich Bonhoeffer meint, wenn er sagt:

Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber seine Verheißungen.

 

Das verstehen Kinder, dass Gott nicht unsere Wünsche erfüllt, wenn sich der Bauer Regen wünscht und der Urlauber Sonne.

Aber was sind denn Gottes Verheißungen, die er ganz bestimmt erfüllt? Was hat er verheißen, was hat er versprochen?`

 

Eine solche Verheißung, ein solches Versprechen ist der Taufspruch für Sarah-Marie, die wir heute taufen möchten:

Das Wort für sie hat Jesus zu seinen Freunden gesagt:

„Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!“

Vorher hat er seine Freunde in alle Welt geschickt, damit sie von seiner Liebe weiter erzählen. Ein weiter, gefährlicher und konfliktreicher Weg.

Jesus hat nicht versprochen: Es wird euch nichts passieren. Es wird niemals Ärger und Probleme geben. Die Menschen werden euch alle lieben!

 

Aber er hat versprochen: Ich bin bei euch alle Tage.

Du bist nicht allein.

Das darf Sarah-Marie wissen, an jedem Tag. Und sie wird – so wie wir das begreifen, wenn sie es an jedem Tag auch hört, einübt und lebt.

 

Wenn wir mit Kindern beten, dann lernen wir selbst kindlich zu beten. Und das ist nicht kindisch, unter Ausschaltung der Vernunft, aber es klärt sich dabei für uns auch, was wir von Gott erwarten, wer er für uns ist. Liebevoller Vater oder fremde Macht? Obskures Schicksal oder in Jesus unser Freund?

Es lohnt sich mit Kindern zu beten, mit Kindern zu hören und zu antworten:

Sprich, dein Diener hört!

 

 

Gebet

Lieber Vater im Himmel,
als ich ein Kind war dachte ich oft,
wie kann es sein, dass du alle Menschen kennst.
Alle Menschen auf der ganzen Welt,
alle Menschen, die schon gelebt haben und auch,
die noch leben werden?

Es sind doch so viele.

Und ich fragte mich: Wie kann es sein, dass
du die Sprachen aller Kinder verstehst?

Es sind doch so viele.

Schenk mir heute wieder etwas vom Staunen der Kinderzeit zurück.
Ich bin so abgebrüht und kenne schon alles.
Lass mich neu staunen und erleben,
dass du aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge eine Macht zugerichtet hast,
dass du die Kinder hörst und ihr Reden ernst nimmst.

Lass mich neu mit allem, was ich erfahren habe und bin, ein Kind werden,
das staunen und loben und sich freuen kann.

Amen.